Berlin-Biennale : Karaoke für alle

Ob Beschwerdechor oder Kfz-Vortrag: Nachts macht die Berlin-Biennale sogar Spaß.

Miriam Dagan

„Meine Nächte sind schöner als deine Tage“ verheißt der Titel des Nachtprogramms der Berlin-Biennale. „Alles Ganz Grosse Scheisse!!“ verlautet im Gegenzug der Titel einer dieser Nächte. Eine Produzentengalerie aus den siebziger Jahren rekonstruiert drei Dekaden später eine Ausstellung von damals. Und der Laden brummt. Gründer Dieter Hacker, der die Galerieräume heute als Atelier nutzt, wird ständig von alten Bekannten begrüßt. Die Besucher begutachten die vergilbten, vollgekritzelten Zeitungen, die von der Decke hängen. Auf diesen hatte die Zeitungsausträgerin Frau B. damals mit Sprüchen wie „Alles ganz grosse Scheisse“ und „Sieht nach Hash-User aus“ regelmäßig das Tagesgeschehen kommentiert und damit ihren Unmut gegen das Establishment entladen.

„Volkskunst“ hat die Produzentengalerie sich auf die Fahne geschrieben, und dafür ist diese Ausstellung ein gutes Beispiel. „Volkskunst entsteht aus einer Symbiose“, erklärt Hacker, „zwischen dem, der sie ohne künstlerischem Vorzeichen produziert – wie Frau B., die damals meine Hausmeisterin war – und demjenigen, der sie auswählt und ausstellt.“ Solche Volkskunst hinterfrage die Rolle des Künstlers und des Kunstvermittlers, wie auch den Prozess, der etwas überhaupt erst zur Kunst werden lässt. Dieter Hacker sieht darin eine Verbindung dieser Nacht zur Biennale-Ausstellung bei Tag.

Wem die Erklärung zu vage ist, der kann auch den Biennale-Kurator Adam Szymczyk befragen. Der steht etwas abseits im Gedränge des Galerieraumes und scheint eher unfreiwillig mitzumischen. Umso mehr überrascht die Begeisterung, mit der er die Geschichte zur Entstehung des Abends erzählt: „Dieser Ort ist ein Gegenpol zur Neuen Nationalgalerie, einem der Hauptausstellungsorte der Biennale“, erklärt er. „Bei meinen Recherchen zur Geschichte des Mies van der Rohe-Baus stieß ich auf eine satirische Ausstellung der Produzentengalerie von 1973, namens ‚Unsere Nationalgalerie'.“ Damals protestierte man gegen das Konzept der Nationalkunst mit dem Plädoyer: „Die Nationalgalerie selber machen!“ und wehrte sich damit gegen eine Kunst, die als von oben auferlegt empfunden wurde. Der Slogan von damals gilt auch heute: In dieser einen flüchtigen Nacht, an einem historischen Ort künstlerischen Protests, blitzt ein rebellischer Impuls auf – gegen die Beständigkeit der Biennale bei Tag und gegen einen durch die Institution Neue Nationalgalerie repräsentierten Kunstbegriff.

Man kann auch Biennale-Nächte der ganz anderen Art erleben – beispielsweise an einem Samstagabend mit Suppe und Singen. In den Räumen der KunstWerke in der Auguststraße ist es heiß, verraucht und voll. Die Besucher lassen sich von den Finnen Tellervo Kalleinen und Oliver Kochta-Kalleinen beibringen, wie man einen Beschwerdechor organisiert. Zu Themenbereiche wie „Berlin“, „Öffentlicher Transport“, „Familie und Beziehung“ oder „Weltpolitik“ werden Beschwerden gesammelt. Während in der Pause professionelle Musiker aus den Beschwerden einen Song komponieren, verzehren die Besucher die restliche Suppe. Anschließend versammeln sich alle zur Probe. Voller Inbrunst ertönen die Stimmen: „I won't get a job if I don't have the right friends / Generation Praktikum is over 30 now / the Berlin Biennale is scandalously boring / warum habe ich nie Tampons wenn ich sie brauche.“ Das Publikum singt sich wunderbar ein. Beschwerdechöre gibt es bislang in Helsinki, Jerusalem, St. Petersburg, Birmingham und Melbourne, und die Idee der Gründer funktioniert auch in Berlin. Eine Besucherin meint: „Das hier erinnert mich an einen Karaokeorchesterabend im HAU. Da sollte eigentlich immer nur einer singen, aber das gesamte Publikum machte lauthals mit. Es ist erstaunlich, dass Menschen so ein Bedürfnis haben, gemeinsam zu singen!“ Was auch an diesem Abend bewiesen wurde.

Ähnlich unterhaltsam, wenn auch um einige Grade kälter, geht es bei dem Diavortrag der Brüder Harald Thys und Jos De Gruyter zu, der in einer Autowerkstatt im ehemaligen Kreuzberger Grenzgebiet stattfindet. Umgeben von Werkzeug und in Decken eingemummelt sitzen die Besucher eng gedrängt auf Bierbänken. Ausgehend von ihrer persönlichen Leidenschaft für Kraftfahrzeuge referieren die beiden Belgier die Geschichte des Automobils. Sie erklären, wie man anhand eines tragisch gescheiterten Citroenmodells gravierende Versäumnisse französischer Ingenieurskunst erkennt: Bei diesem Auto ging das Kofferraumlicht beim Schließen nicht aus, woraufhin morgens stets die Batterie leer war. Das sechstürige polnische Modell Meduza wiederum weist interessante Analogien zur sozialistischen Architektur auf, die aristokratischen englischen Autos sind bei Unfällen offensichtlich „not amused“, und der rechteckige, unfallanfällige Fiat Panda beweist, dass der italienische Designer keinen Sinn für perspektivisches Zeichnen hatte. Die beiden Autofans können nicht umhin, ab und an in Gelächter auszubrechen, während sie Autos und Autodesigner durch den Kakao ziehen. Ob man hinterher mehr Ahnung von Autos hat? Vielleicht hat man etwas über deren spirituelle Identität und den Einfluss politischer Ideologien auf das Automobildesign gelernt.

Wäre Adam Szymczyk da gewesen, hätte er vielleicht eine Erklärung gehabt, was das alles mit der Biennale zu tun hat. Aber noch nicht einmal der Kurator schafft es, alle 63 Veranstaltungen mitzunehmen. Ob das kuratorische Ziel, Widersprüche in der Welt aufzuzeigen, anstatt sie zu erklären, anhand so mancher absurd anmutenden Nacht wirklich deutlich wird, ist fraglich. Ernst oder Spaß, darauf läuft es am Ende hinaus. Jenseits vom theoretischen Tiefgang geben die Nächte der Berlin-Biennale einen spielerischen, offenen Charakter. „Ganz grosse Scheisse“ kann manchmal richtig schön sein.

Nächste Nachtveranstaltungen: „Make me stop smoking“, Libanon-Performance von Rabih Mroué (27. 5., HAU 2). „Hypnagogia“, Vortrag von Joachim Koester (29. 5., Kunst-Werke).

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