Berlin blickt in die Zukunft : London oder Lübben

Der Volksentscheid zum Tempelhofer Feld zeigt, wie sehr sich die Berliner gegen urbanistischen Wandel und neues Bauen vor der eigenen Tür zur Wehr setzen. Das lässt auch Schlüsse auf den BER zu.

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Unsere Mauer soll schöner werden.
Unsere Mauer soll schöner werden.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Allmählich klären sich die Verhältnisse. Neubauten wird es auf dem Tempelhofer Feld nicht geben, also auch nicht die erhofften und so dringend benötigten bezahlbaren Wohnungen im Grünen und ein Medienzentrum fürs 21. Jahrhundert, Landesbibliothek genannt. Auch an anderen symbolträchtigen Stellen, zum Beispiel am Mauerpark, dürfte es nach dem Volksentscheid vom 25. Mai schwer werden, neue Wohnanlagen zu errichten. Hier nicht und dort nicht, so ist Volkes Wille: keine Verdichtung im Stadtraum. Berlin wächst? Gern am Gleisdreieck, aber bitte nicht vor meiner Haustür und auch nicht auf jener historischen Freifläche, deren nördlicher Rand ja schon bebaut ist. Dort steht das gruftige Monstrum eines ausgedienten Flughafens, das an die Helden der Luftbrücke erinnert, aber vor allem an Nazi-Barbarei und Germania-Größenwahn. Eine zeitgenössische Bebauung am Südrand des Flugfeldfeldes hätte der faschistischen Riesentempel-Architektur etwas entgegesetzt.

Doch neue Architektur hat in Berlin kaum eine Chance. Sie muss erkämpft werden, wie auf der Museumsinsel, wo David Chipperfield erst nach langem Streit jetzt den Eingangsbereich realisieren kann. Hochhäuser am Alexanderplatz? Lieber nicht, es könnte zu viel Zugluft entstehen. Apropos: Wie lange wurde über den Hauptbahnhof von Meinhard von Gerkan gestritten? Das spukhässliche Kunsthaus Tacheles und die Investoren: eine schier endlose Geschichte. Die East Side Gallery – für viele Menschen offenbar der semiheilige Ort, wo 1989 die Mauer von David Hasselhoff geöffnet wurde. Also unbedingt zu erhalten, zu verteidigen, nicht zu bebauen, wie das gesamte Umfeld auf beiden Ufern der Spree.

Heute will die Mehrheit keine Neubauten

Einstürzende Neubauten, das war der Name einer experimentellen Rockband der Achtzigerjahre in West-Berlin. Damals besetzte man Häuser, marode Altbauten. Heute gibt es – zumindest an den Wahlurnen – eine Mehrheit in der Stadt, die es erst gar nicht zu Neubauten kommen lassen will. Das einzige Gebäude, das still und schnell und bislang ohne Planungschaos vor sich hinwächst, ist das Schloss, genannt Humboldtforum. Aber das ist auch keine couragierte, perspektivreiche zeitgenössische Architektur, sondern ein kleinmütiger historisierender Nachbau. Damit kommt man in Berlin prima zurecht.

Vor ein paar Jahren schrieb der Schauspieler und Schriftsteller Hanns Zischler: „Wer in Berlin am Boden kratzt, stößt auf sehr wenig: auf fossile Fauna und Flora, vereinzelte vorgeschichtliche Artefakte, bronzezeitliches Handwerkszeug. Überwiegend aber stößt er auf keinen Widerstand; er sackt ein, versinkt, versandet. Die schiere Geologie tritt zutage, ja selbst diese zerläuft zu Schlick, Morast und Sumpf. Denn das Wasser, die Nässe ist hier allgegenwärtig. Angestrengt versucht Berlin dieser Geologie zu entrinnen, indem es sich als solide Stadt behauptet. Meist jedoch vergeblich: Die Geologie – Geschiebemergel und der lehmdurchsetzte Sand – ist allgegenwärtig, sie lässt sich nicht verdrängen oder zu einem tragfähigen Fundament machen. Da ist kein Fels, auf den man bauen könnte. Die Tiefe gibt nichts her, alles drängt in die Weite.“

Zischlers kluges, unterhaltsames, kundiges Buch hieß „Berlin ist zu groß für Berlin“. Er ging allerdings noch von einem „moderaten Schrumpfungsprozess“ aus. Irrtum: Denn wir erleben, dass Berlin wächst, um bis zu 50 000 Menschen jährlich. Und die Besucherzahlen schnellen in die Höhe. 2013 wurden 11,3 Millionen Gäste gezählt, mit 27 Millionen Übernachtungen. Dass es voller und enger und teurer wird in den innerstädtischen Bezirken, spürt jeder. Berlin verändert sich. Es misst sich touristisch und kulturell an London, aber es möchte sich wie Lübben fühlen, wenn alles getan ist.

Die Abstimmung war ein Votum gegen die Veränderung

Womöglich war die Abstimmung vom Sonntag weder ein Votum gegen den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit noch gegen Bauen in Tempelhof an sich. Es war eine Abstimmung gegen die Veränderung. Über die Art und Weise, wie der rasante Wandel sich hier abspielt. Es geht die Furcht um, dass Berlin seinen Charakter verliert. Dass die deutsche Hauptstadt bald nicht mehr die Metropole der Brachen und Ruinen ist. Dass Berlin so wird wie andere Großstädte auch, normal. Zeige deine Wunde, hat Joseph Beuys gesagt. Für diese Stadt heißt das: Halte an einem Stadtbild fest, das seit 1890 geprägt ist von industrieller Transformation, Zerstörung, Abriss, hektischem Neubeginn, Bausünden und, schlimmer noch, unterlassenen Bauleistungen.

Es existiert in Berlin eine Mentalität des Provisorischen, wo alternative Lebensformen zum Mainstream tendieren – und der Mainstream ins Beschauliche. Es gibt zugleich eine Ablehnung von Moderne, von Zukunftsprojekten, die auch bei Stuttgart 21 wirkt. Autobahnverlängerung in Treptow? Bloß nicht. In Berlin, dem größten Kleingarten der Welt, haben Laubenpieper viel mitzureden.

Das Tempelhofer Feld ist groß, aber überschaubar. Ein altes lokales Sprichwort sagt: Hier können Familien Kaffee kochen. So soll es bleiben. Eine unvollendete Sinfonie der Großstadt. Wachstum, Zuzug, Touristenboom ja – nur nicht auf Kosten des vereinten Biotops Berlin. Damit klärt sich auch die Zukunft des verplanten Flughafens BER. Er wird gar nicht gebraucht.

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