Kultur : Berlin-Bücher: Das latente Gefühl des Verrats

Clemens Wergin

Was hatte er nicht alles getan, um als richtiger Deutscher anerkannt zu werden. Sogar zum Christentum war er konvertiert und hatte seinen Namen von Adolf Levysohn zu Lehnsen geändert. Sonst wäre er ewig Landgerichtsrat geblieben und nie Landgerichtsdirektor geworden, wie man ihm bei Gericht andeutete. Und nun das: Gerade bei der Feier zur Einführung der Familie in die höheren Kreise musste er plötzlich in der guten Stube stehen, jener osteuropäische Ghettojude mit den Schläfenlocken und dem schwarzen Rock. Und das gegenüber Baron von Stülp-Sandersleben, dem Vater des Verlobten seiner Tochter Else. Lange hatte jener gezögert, bevor er seinen Antisemitismus überwand und zum Anstandsbesuch erschien. Doch gerade jetzt holte den Neuchristen die jüdische Vergangenheit in Form eines Großneffen aus dem polnischen Borytschew ein.

"Tohuwabohu" nannte Sammy Gronemann seine 1920 erschienene Bestandsaufnahme des Judentums in Deutschland, die jetzt von Reclam Leipzig wieder aufgelegt wurde. Und ein Durcheinander herrscht wahrhaftig in der jüdischen Seele jener Zeit, wie der Berliner Rechtsanwalt sie beschreibt. Immer auf der Suche nach Anerkennung in der Mehrheitsgesellschaft, meist assimiliert oder einem bloß formalen, pharisäerhaften Judentum folgend, sehen sie sich einer inneren Zerreißprobe ausgesetzt. Entweder sie begehen "Verrat" an der eigenen Schicksalsgemeinschaft, oder sie müssen sich darauf einstellen, ein Leben lang beruflich zurückgesetzt zu werden. Dass aber auch ein Übertritt zum Christentum das Problem nicht löst, zeigt sich bei den Lehnsens: "Mir scheint, erst durch die Taufe bin ich mir meines Judentums so recht bewusst geworden", sagt Lehnsens Sohn Heinz. Und auch seine Umwelt tut alles, um ihn an seine abgelegte Religion zu erinnern. Denn was Antisemiten fast noch schlimmer finden als einen Juden, ist ein konvertierter Jude, der sich ihrem abschätzigen Urteil durch Übertritt zu entziehen versucht.

Dennoch ist Gronemanns Erfolgsroman keine ätzende Abrechnung mit der Mehrheitsgesellschaft. Deren Vorurteile entlarvt er zwar auf ebenso treffende wie humorvolle Weise. Eigentlich interessiert den überzeugten Zionisten, der später vor den Nazis nach Palästina floh, viel mehr das verknotete Innenleben der jüdischen Deutschen. Wie Franz Rosenzweig, Martin Buber oder Gershom Scholem findet Gronemann im Osten Europas die vitale spirituelle Quelle des Judentums. Von dort macht sich Jossel Schlenker mit seiner Frau Chane, angeregt durch die Lektüre von Goethes Faust, nach Berlin auf, um sein Talmudstudium durch weltliche Bildung zu ergänzen. Was er dort vorfindet, verwirrt ihn: Rabbiner sehen aus wie christliche Geistliche, Juden halten kaum noch die Zeremonialgesetze und wollen nichts mit ihren Vettern aus dem Osten zu tun haben. Der Rabbinersohn Gronemann schreibt dabei von der Scharfsinnigkeit der ostjüdischen Talmudisten genauso packend, wie er den Selbsthass mancher deutscher Juden auf die Schippe nimmt.

Der junge Lehnsen macht sich, durch die Begegnung mit dem glaubensfesten Vetter aus dem Osten erschüttert, nach Borytschew auf. Eine Reise hin zu jenem - wie es damals schien - unerschöpflichen Reservoir, aus dem sich das deutsche Judentum immer wieder erneuerte. Dabei erspart Gronemann den Lesern nicht seine bittere Analyse: Wer, angezogen von der deutschen Kultur, nach Westen geht, wird die Gesetze noch halten. Die Generationen danach geben sich dann immer laxer und liberaler in ihren jüdischen Anschauungen. Am Ende dieses Prozesses steht die Entfremdung vom Judentum, oft gar die Konversion. Heinz fühlt sich in Borytschew als Verräter an der jüdischen Sache und wird Zeuge eines durch einen judenfreundlichen Pfarrer unbeabsichtigt ausgelösten Pogroms. Und erlebt den Gleichmut und die Glaubensstärke, mit der die dortigen Juden seit Jahrhunderten solche Übergriffe über sich ergehen lassen. Und doch werden die Ostjuden bei Gronemann nicht zu verkitschten Märtyrern. Dafür ist etwa Chanes Vater viel zu schlitzohrig, lässt er sich doch in England wieder einmal heimlich taufen, um die Aussteuer für seine Tochter aufzubringen. Später in Berlin hält er den Frischverheirateten dann ein flammendes Plädoyer für jüdisches Schnorrertum - eigentlich nur eine wohltätige Geste der Armen gegenüber den gewissensgeplagten Reichen.

Das Überraschende an diesem Berlin-Roman der 20er Jahre ist die humorvolle Leichtigkeit, mit der Gronemann seine Geschichten erzählt. Auch wenn einem ob des Antisemitismus ein ums andere Mal das Lachen im Halse stecken bleibt - weiß man doch heute, wohin dies führte -, so wird man doch in eine Zeit versetzt, in der west-ostjüdische Beziehungen in größter Selbstverständlichkeit verhandelt wurden. Und erfährt, warum der Zionismus nicht nur eine Flucht vor osteuropäischen Pogromen war, sondern für manche westliche Juden auch der Weg aus einer tiefen Identitätskrise. Eine fulminante literarische Wiederentdeckung.

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