Kultur : "Berlin Cinéma": Mit Wim Wenders durch die Hauptstadt

Philipp Lichterbeck

In einer Einstellung gegen Ende von "Berlin-Cinéma" fragt der Architekt Jean Nouvel seinen Gesprächspartner Wim Wenders: "Wofür ist dieser Film eigentlich?" Die Frage trifft: "Berlin-Cinéma" weiß nicht, was er will. Geht es um Berlin? Geht es um Wim Wenders? Geht es darum, wie man Filme macht? Oder handelt "Berlin-Cinéma" vom Erinnern und Vergessen? Man erfährt über alles ein bisschen, aber über nichts von dem alles.

Die Dokumentar-Filmerin Samira Gloor-Fadel hat Wim Wenders durch Berlin begleitet. Es ist ein trauriges Berlin, mitten im Winter irgendwann Anfang der Neunziger Jahre. Die Menschen sind in dicke Jacken gepackt, die Baustellen sind graue Wüsten und ein Junge fährt mit dem Fahrrad im Kreis. Das alles ist in Schwarz-Weiß gedreht mit einer Kamera, die Wenders Wunsch erfüllt, der auf französisch aus dem Off spricht: "Ich liebe es, wenn die Kamera sich nicht bewegt und die Dinge sich aus dem Bild bewegen. Züge, Autos, Menschen... ich liebe das". Überhaupt ist Gloor-Fadel ein großer Wenders-Fan. Der Rhythmus ihres Filmes ist der von "Himmel über Berlin", ihr poetisch melancholischer Blick auch. Einmal steht die Kamera auf dem Bahnhof und starrt auf das Schild "Alexanderplatz". Eine S-Bahn fährt durchs Bild und wir hören einen Dialog aus Fassbinders "Berlin-Alexanderplatz"-Verfilmung. Es passiert scheinbar nichts, und doch erzählen Ton und Bild die Geschichte einer Stadt, die hässlich ist und deshalb die Menschen in ihr um so schöner erscheinen. Fast unbemerkt webt Goor-Fadel auch andere Stimmen in die Bilder. Jean-Luc Godard und Rüdiger Vogler lesen Schnipsel aus deutschen Texten. Das ist sehr intim. Wie bei Wenders eben.

Geschichten brauchen Farbe

Berlin-Cinéma ist auch informativ. Als Wenders eine Aufnahme von einem brachliegenden Grundstücke sieht, erinnert ihn das an alte Dokumentarfilme. Er berichtet, wie unterschiedlich das Berlin der Nachkriegszeit in amerikanischen und russischen Dokumentarfilmen erscheint. Während die Russen Geschichte inszenierten und Szenen so oft filmten, bis sie ihnen in den Kram passten, hielten die amerikanischen Kameramänner einfach drauf, bei ihnen war nichts gestellt. Und doch schenke man heute instinktiv den russischen Aufnahmen mehr glauben, weil sie in Schwarz-Weiß gedreht wurden. Die Amerikaner dagegen arbeiteten schon mit Farbfilm, so Wenders. "Geschichten brauchen Farbe, aber die Dinge sind in Schwarz-Weiß gut aufgehoben. Schwarz-Weiß erzählt schon eine Geschichte."

Gloor-Fadel ist eher Russin. Sie will Häuser, Züge und Bäume zum sprechen bringen; und man weiß bei ihr nie genau, was inszeniert ist und was nicht. Sie filmt Wenders bei den Dreharbeiten zu "In weiter Ferne so nah", sie beobachtet ihn auf Vorträgen über die Zukunft der Kinematographie. Das ist "echt". Wenn sie ihn aber mit dem Architekten Jean Nouvel in dessen düsterem Rohbau unter die Friedrichstraße aufnimmt, zitiert sie die Dialoge der Engel in der "Himmel über Berlin". Die Frage nach der Authentizität von Bildern beantwortet Wenders mit dem schönen Satz: "Das Licht liest nur und schreibt nicht."

Die Gespräche zwischen Wenders und Nouvel gehören zu den lichten Momenten von "Berlin-Cinéma". Er habe immer die Vorstellung von Film gehabt, erzählt Wenders, dass die Geschichte zwischen den Bildern entstehe, dort wo nichts sei. "Je voll gepackter ein Film ist, um so weniger kann man darin lesen." Das sei wie mit Berlin: Dort, wo die Leerstellen, sind könne man die Stadt und ihre Geschichte erkennen. Wo die Lücken zugebaut werden, verschwinde die Erinnerung. Das ärgert natürlich den Architekten, und er fragt was der Film eigentlich wolle. Aber das kann ihm Wenders auch nicht beantworten.

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