Kultur : „Berlin: das sind große, grüne Räume“

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Herr Perrault, welche Bedeutung haben die Architektur-Weltkongresse heutzutage noch?

Der Kongress ist eine einzigartige Möglichkeit für die Architekten, sich an einem Ort zu treffen und auszutauschen. Wenn man sich an den Kongress in Barcelona erinnert, bei dem 12000 Architekten zusammenkamen und ich selbst zum ersten Mal in einem Stadion sprach, dann ist das mit nichts anderem zu vergleichen. Ich selbst hoffe auch, am 24. Juli wieder in Berlin zu sein. Ich bin gerade in Peking, um ein Projekt für das chinesische Fernsehen zu präsentieren.

China ist die größte Baustelle der Welt.

Ja, China ist heute sehr wichtig. Vor Jahren habe ich den Masterplan für die neue Stadt Pudong in der Nähe von Schanghai entworfen. Und das Gebäude in Peking ist mit 600000 Quadratmetern das größte, an dem ich je gearbeitet habe.

Sie arbeiten auf der ganzen Welt. Wie wichtig ist dann noch die Kultur des jeweiligen Orts?

Erst der Ort gibt einer Aufgabe das Spezifische. Es ist unser Credo, nicht ein Gebäude zu erstellen, sondern aus dem Ort und seiner lokalen Kultur etwas Eigenes zu schaffen.

Als Sie den Wettbewerb für das Velodrom und das Schwimmstadion in Berlin gewannen, sagten Sie, dass Ihnen Berlin als Stadt in einem großen Park erscheine und Sie deshalb weniger ein Gebäude als zwei stählerne Seen in einem Apfelhain schaffen wollten.

Wir wollten, im Gegensatz zum Olympiastadion von 1936, weniger ein Gebäude als eine neue Landschaft schaffen. Denn Berlin ist nicht nur eine Architektur oder eine Landschaft, sondern eine besondere Mischung von Natur mit vielen Architekturen, die diese Stadt einzigartig und attraktiv macht. Berlin, das sind die großen grünen Räume.

Welche Bedeutung hat für Sie die Natur?

Ich bin kein Ökologe. Die Natur ist ein Material, wie Stahl oder Beton, das gestaltet werden kann. Erst die Verbindung aller Materialien eröffnet uns neue Landschaften.

Sie erklären Ihre Architektur oft mit poetischen Sprachbildern. So gestalteten Sie etwa die Türme der Pariser Bibliothèque de France in Form von vier aufgeschlagenen Büchern.

Architektur ist für alle bestimmt. Eine Bibliothek, die aus aufgeschlagenen Büchern besteht, kann jeder verstehen, unabhängig von seiner sozialen Herkunft oder Nationalität. Dasselbe gilt für die Seen im Garten beim Velodrom. Aber die eigentliche Architektur beginnt erst hinter den Bildern. Sie ist abstrakter und zugleich konkreter.

Wie beurteilen Sie den Wandel Berlins?

Vor 12 Jahren gab es hier eine Stimmung der Pioniere. Wer hier baute, kam von außerhalb, aus dem Ausland oder dem übrigen Deutschland. Jeder Tag brachte eine neue Entdeckung, eine neue Bar, einen neuen Ort.

Das klingt nach Nostalgie.

Ja, es ist Nostalgie, ein Bedauern über die verschwindende Bewegung der Stadt. Berlin ist viel normaler geworden und hat etwas von seiner einzigartigen Atmosphäre verloren.

Sind auch Sie der Meinung, es gebe eine Krise des öffentlichen Raumes?

Die Stadt des 19. Jahrhunderts mit ihren Boulevards, Parks und Plätzen existiert nicht mehr. Sie ist nur noch ein konservativer Wunschtraum. Um den öffentlichen Raum muss immer wieder neu gerungen werden. Er muss offener, komplexer, demokratischer gestaltet werden. Um das Öffentliche dürfen sich keine Zäune und undurchdringliche Mauern mehr legen. Alle klassischen öffentlichen Gebäude Berlins wirken verschlossen. Man kann sie nicht durchqueren und sich dort nicht treffen, sondern man muss immer vor ihrer Autorität erzittern. Weniger Autorität und mehr Begegnung wären besser.

Das Gespräch führte Claus Käpplinger.

Dominique Perrault „Morceaux Choisis“ in der Galerie Müller Dechiara, Weydinger Str. 10, 13.7.bis24.8.2002, Di–Sa 12bis19 Uhr. „Kommende Architektur in Frankreich“ im Institut Français, Kurfürstendamm 211, 22.7.bis 27.8.2002, 10bis18 Uhr

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