Berlin : Demokratie ist ungerecht

Denker der Revolte: Der französische Philosoph Alain Badiou zu Gast an der Humboldt-Universität. Mit Charisma und Scharfsinn kämpft er für die Vernunft.

Gregor Dotzauer

Niemand soll sagen, er hätte keinen Charme. Alain Badiou scheint sogar Talent zur Ironie zu haben, obwohl er als Philosoph ganz und gar nicht zum Ironiker taugt. Sein Reich ist das Apodiktische, nicht das Spielerische, das Endgültige, nicht das Vorläufige, das mathematisch Strenge, nicht das rhetorisch Neblige. Oder ist es Spott, wenn er sich im Rahmen der Mosse-Lectures an der Humboldt-Universität das Leitthema „Confronting Democracy – Wissenschaft und Politik im Zeichen extremer Bedrohung“ gleich so zu Herzen nimmt, dass er selbst wie die schlimmste Heimsuchung demokratischer Verhältnisse wirkt?

Heute, sagt er, ist doch jeder ein Demokrat. Heute sei es doch unmöglich, kein Demokrat zu sein. Müsse nicht jeder Tag ein bisschen demokratischer sein als der Tag zuvor? Und habe nicht George W. Bush den Krieg gegen den Irak damit gerechtfertigt, dass er viel demokratischer sei als Saddam Hussein? Die politischen Widersprüche unserer Zeit, sagt er, basierten alle auf konkurrierenden Demokratieauffassungen, so wie in den sechziger Jahren Chruschtschows Kommunismus gegen Maos Kommunismus stand.

Die belustigten Reaktionen im Senatssaal lassen sich nicht überhören. Und weil sie sich bis auf die Bühne hinter Badiou erstrecken, wo einige Zuhörer noch Platz gefunden haben, nachdem die Gänge verstopft sind und selbst vor den Türen Menschentrauben hängen, ja weil das Ganze an ein Sit-in erinnert, weiß man nicht, ob hier eine gewaltige Mobilisierung stattfindet oder ein Nachdenken darüber, wovon wir reden, wenn wir von Demokratie reden. Denn noch hat Badiou seine Begriffe nicht in Stellung gebracht. Noch räsoniert er darüber, dass es vermutlich weniger von einer demokratischen als von einer paradoxen Situation zeuge, wenn er, der Franzose, hier vor deutschen Zuhörern auf Englisch spreche: Er erfahre gerade ein Stück „imperialistischer Herrschaft“.

Nein, Alain Badiou, 1937 im marokkanischen Rabat geboren, ist kein Prediger, sondern ein mit Charisma und kaltem Scharfsinn ausgestatteter Vernunftmensch. Im Gegensatz zur galoppierenden Logorrhoe seines Freundes Slavoj Žižek oder zum obskurantistischen Säuseln von Giorgio Agamben liebt er das klare Wort. Er macht kein Hehl aus seiner maoistischen Vergangenheit und führt immer noch gerne Worte des Großen Vorsitzenden im Munde.

In der „Organisation politique“, deren Website www.orgapoli.net auch Texte von ihm enthält, führt er sein politisches Engagement fort – unter anderem für die Rechte der sans papiers. In der Rolle einer linken Integrationsfigur ist er einflussreicher als die Althusser-Schüler Jacques Rancière oder Etienne Balibar. Er hat den Vorzug, kein omnipräsenter Fernsehintellektueller wie Bernard-Henri Lévy zu sein: Als emeritierter Philosophieprofessor der Pariser Ecole Normale Supérieure beerbt er vor allem schreibend und lehrend, was die rund zehn Jahre älteren, verstorbenen Großdenker Foucault, Lyotard und Deleuze, mit dem er jahrelang korrespondierte, hinterlassen haben. Schließlich mischt er sich publizistisch ein, zuletzt mit seiner Anfang Februar im Diaphanes Verlag auch auf Deutsch erscheinenden Kampfschrift „Wofür steht der Name Sarkozy?“ (160 S., 10 €) Sie ist der Versuch, Sarkozy als „Emblem“ einer durchökonomisierten Welt zu lesen, die über die zwangsneurotische Person hinausgeht: Badiou vergleicht ihn mit Freuds Patient, dem „Rattenmann“. Doch die stärkste Verführungskraft geht von einem Versprechen aus, das die zeitgenössische Philosophie weitgehend zurückgezogen hat.

Badiou ist die radikale Gegenfigur zu allen postmodernen Theoretikern, die dem Begriff der Wahrheit das Absolute, das Überzeitliche, das Standortunabhängige nehmen wollen. Im Namen einer Philosophie und Politik verschränkenden „Metapolitik“ ist er ein Denker der Revolte. Wahrheit, so glaubt er, ereignet sich im politischen Handeln. Sie ist das Besondere, das Unbedingte, das aus dem vorbestimmten Lauf der Dinge heraustritt und Universalität beansprucht.

Wenn Slavoj Žižek unlängst in einer Verteidigung von Badiou bemerkte, die religiöse Offenbarung sei „das uneingestandene Paradigma dieses Begriffs von Wahrheit und Ereignis“, so unterschätzt er, wie offen der Atheist Badiou in seinem Buch über „Paulus“ genau diese Verbindung offengelegt hat. Die Wesensverwandlung vom Saulus zum Paulus – das ist für Badiou der revolutionäre Moment.

Die pragmatistische Bescheidenheit, mit der ein bekennender Linksintellektueller wie Richard Rorty Wahrheit auf in intersubjektiver Übereinstimmung gewonnene Hypothesen reduziert, deren Wert sich daran bemisst, inwieweit sie geignet sind, menschliches Elend zu lindern, lehnt er als sozialdemokratisches Barmherzigkeitsdenken ab. Wo Rorty vorschlägt, das Gerede vom ideologischen Kampf gegen den Kapitalismus und die bürgerliche Gesellschaft aus dem linken Vokabular zu streichen, banalere Wörter wie Habgier und Eigennutz zu benutzen und konkrete Missstände wie Hungerlöhne und Entlassungen anzuprangern, hält er an der Systemfrage fest. Mit Todesverachtung blickt er auf die „lächerlichen Prozeduren“ der parlamentarischen Demokratie, die für ihn nur der verlängerte Arm des Kapitalismus ist.

Das muss man wissen, um die Tragweite seiner immanent bestechend logischen Überlegungen zum Dreieck von Demokratie, Wahrheit und Politik einschätzen zu können – und warum Rorty in ihnen zum Gegner mutiert. Auf der einen Seite, so Badiou, sei Philosophieren ein demokratisches Unternehmen, dessen Gültigkeit nicht von der gesellschaftlichen Stellung dessen abhängt, der sich am Diskurs beteiligt. Auf der anderen Seite müsse man sich damit abfinden, dass die politischen Vorstellungen der meisten Philosophen – man möge nur an Nietzsche, Wittgenstein oder Heidegger denken – mit der gewöhnlichen Bedeutung des Begriffs Demokratie nichts zu tun hätten. „Demokratie“, so Badiou, „scheint eine Notwendigkeit vor der Philosophie zu sein und eine Unmöglichkeit danach." Als Bewunderer von Platons „Staat“, einem Buch, das die Gerechtigkeit über die Freiheit stellt, hält er Demokratie nicht notwendig für die höchste Stufe entwickelten gesellschaftlichen Lebens. Rorty nun wirft er vor, postuliert zu haben: „Demokratie ist wichtiger als Philosophie.“ Der Amerikaner habe damit die Auflösung von Philosophie in kulturellen Relativismus vorbereitet. Platon habe das genaue Gegenteil behauptet: „Philosophie ist wichtiger als Demokratie.“ Und er folgert: „Wenn Gerechtigkeit der philosophische Name für Politik als kollektive Wahrheit ist, dann ist Gerechtigkeit wichtiger als Freiheit.“

Mit seinen Spiegelfechtereien wider den Relativismus ist Badiou der unheimliche Zwillingsbruder von André Glucksmann. Während dieser sich vom Kurzzeit-Maoisten zum öffentlichen Sarkozy-Anhänger läuterte, hat Badiou die totalitären Geister, die sich in den Parteiapparaten eingenistet hatten, nur in Hoffnungen auf nomadisierende Aktionen eingeschlossen. Er ist das Gegenteil eines Renegaten.

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