Berlin : Der Kampf um die Mitte

Hans Stimmann, Berlins ehemaliger Senatsbaudirektor, hat im Tagesspiegel für die Wiedergewinnung der historischen Mitte plädiert. Hier antwortet ihm Volker Hassemer, in den Achtzigern Senator für Stadtentwicklung.

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Blick nach vorne oder Blick zurück. Die Leere auf dem Marx-Engels-Forum zwischen Alexanderplatz und Spree. -Foto: ddp

Hans Stimmann, Berlins ehemaliger Senatsbaudirektor, hat im Tagesspiegel für die Wiedergewinnung der historischen Mitte und ihrer zentralen Orte zwischen Spree und Alexanderplatz plädiert („Sehen wir uns am Neuen Markt?“, 5. 10.). Hier antwortet ihm Volker Hassemer, in den Achtzigern Senator für Stadtentwicklung und heute Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zukunft Berlin.





Mein Gott, Hans Stimmann! Was ist denn das für eine Art Planungskultur? Immerhin sprechen wir über das neue Zentrum unserer seit 1989 gemeinsamen Stadt. Es ist mitten in Berlin, der Bereich zwischen dem zukünftigen Humboldt-Forum (welch ein Versprechen!) und dem Alexanderplatz, den sich Berlin in großer Weisheit noch nicht „vollgebaut“ hat. Ein Gebiet, das wie kein anderes Gesicht zeigen, für die Zukunft Berlins stehen, das agieren muss, nicht nur reagieren darf, wenn es um Gestalt und Organismus der neuen Mitte Berlins geht.

Und was läuft ab? Das Ganze wird organisiert wie eine Geheimsache von Planungsbeamten. Öffentlich wird es erst dann, wenn ein Senatsbaudirektor seine nachfolgende Senatsbaudirektorin abwatscht, weil sie offenbar die Texttreue dessen verlassen hat, was in der Vergangenheit unter einigen Vertrauten in der verwaltungsinternen Bastelarbeit ausgetüftelt wurde. Offenbar wird inzwischen auch politisch Finger gehakelt. So jedenfalls kann man der ganzen Zeitungsseite entnehmen, auf der der frühere Senatsbaudirektor sich auslässt, da ihm nun der Zugang zu den Senatsvorlagen verstellt ist. Ein Artikel mit Einzelheiten und Angriffen, die wohl nur der richtig verstehen kann, der früher an den vertraulichen innerbehördlichen Strickkursen teilgenommen hat.

Ein solcher Platz gehört der ganzen Stadt und verdient die Mitwirkung auch solcher Leute, die sich nicht für Beamtenlaufbahnen entschieden haben. Der auch nicht abhängig ist von der imperialen Geste eines Regierenden Bürgermeisters, der auf seinen Balkon tritt, seinen Augen angesichts dessen, was er da sieht, nicht traut – und neue Kleider anordnet.

Ich kann nicht anders als auf das Stadtforum Anfang der neunziger Jahre zu verweisen. Dort haben über solche Themen Leute wie Hardt-Walter Hämer, Gräfin Dönhoff, Jacques Derrida, Wim Wenders, Kurt W. Forster, Peter Sloterdijk, Helga Fassbinder, Edzard Reuter und die bis zu achtzig anderen Mitglieder des Forums in ernsthaften Gesprächen und Streiten um das Richtige beigetragen. Dort wurden entscheidend die Beschlüsse zum Potsdamer Platz, zum Regierungsviertel, zum Alexanderplatz, sogar die strategischen Fragen für den neuen Flächennutzungsplan vorbereitet. Auch Henselmann hat sich damals noch, ohne Einladung, aber mit viel Weisheit, eingebracht.

Ist dieses Gebiet zwischen Alex und Humboldt-Forum weniger wichtig? Man wird ihm nicht gerecht werden mit einem Patchwork des Vergangenen. Wie rührend die Vision Stimmanns, den Fernsehturm möge man von überall her in der Stadt sehen, nicht aber dort, wo er nun mal steht. Auch der Alexanderplatz wird eine völlig neue Stadtmitte werden, wenn der politischen Stadtplanung dort nicht noch weiter das Herz in die Hosen rutscht. Und das Ganze wird ziemlich anders sein als in Hamburg, München, Köln oder Stuttgart.

Vorwärts mit uns in die Vergangenheit, auch wenn die nicht mehr so schön sein kann, wie sie einmal war? Bemerkenswertes ist in Berlin seit 1989 dort entstanden, wo Neues sein durfte. Also nicht beispielsweise an den Fassaden des Pariser Platzes, dafür aber etwa mit der völlig neuen Kuppel von Norman Foster auf dem Reichstag, mit Daniel Libeskind und seinem Jüdischen Museum, mit der völlig neuen stadtplanerischen Idee von Axel Schultes und seinem „Band des Bundes“, auch mit dem Hauptbahnhof gegenüber, der auf seine Nachbarschaft wartet; auch übrigens mit der Antwort Renzo Pianos auf den Riegel des Bücherbergs von Hans Scharoun am Potsdamer Platz.

Natürlich ist es möglich, dass die Lutherstatue neben der Marienkirche wieder aufgestellt wird. Wichtiger aber ist die Frage, wo sie sich dann wiederfindet. Was wird Luther sehen, wenn er sich umschaut? Welche Rolle wird er in dieser neuen Mitte spielen, oder soll er dort wieder hin, als sei nichts geschehen? Was ist das Zentrum? Ähnlich wie früher, nur etwas zerstörter?

Mein Gott, Hans Stimmann! Hat dieses Gebiet im Herzen Berlins nicht mehr verdient, als das Pingpong-Spiel zweier Senatsbaudirektoren unter dem verhaltenen Gemurmel ihrer jeweils handverlesenen Berater, die alle zusammen alles schon genau wissen – nur halt nicht im Konsens?

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