Kultur : Berlin erscheint im Urstromtal

Poesiefestival im Hebbel am Ufer: Sechs Dichter liegen im Doppelbett und besingen die Hauptstadt

Meike Feßmann

Die Stimmung ist gut, der Abend ungewöhnlich warm für den verregneten Berliner Sommer. Die Bierbänke vor dem HAU2, der Dependance des HebbelTheaters am Halleschen Ufer, sind gut besetzt. Ein vorwiegend junges Publikum im Großstadtdschungel-Outfit, partyerprobt und erwartungsvoll, vertreibt sich die Zeit. Englische und französische Sprachfetzen fliegen durch die Luft, wie bestellt, um die Internationalität des Poesiefestivals zu demonstrieren. Drinnen, in der rauchigen Lyriklounge, gibt es Guinness umsonst. Was will man mehr?

Ein geräumiges Doppelbett, eine Videowand, ein Inselchen mit Palme und eine Hotelrezeption: großzügig verteilt auf der dunklen Bühne, verorten sie das Sprachgeschehen. Sechs junge Berliner Lyriker – Daniel Falb, Alexander Gumz, Steffen Popp, Karla Reimert, Daniela Seel, Uljana Wolf – haben sich zusammengetan und gemeinsam ein Langgedicht erarbeitet. Berlin ist sein Thema, oder genauer: der kleinste gemeinsame Ausgangspunkt einer Assoziationskaskade. Ein ungewöhnliches Projekt, wie Thomas Wohlfahrt, Direktor der Literaturwerkstatt Berlin und Leiter des Festivals, in seiner kurzen Begrüßungsrede betont. Man ist gespannt. Was vermag Lyrik, wenn sie nicht, wie es für die Gattung charakteristisch ist, der Innenwelt eines Einzelnen entspringt? Wo steckt das Mehr? Wie wird es sich formen, welche Gestalt wird es annehmen?

Ein Rauschen, ein Brummen, anschwellend zum Flugzeuglärm. Das Getöse aus den Lautsprechern überkuppelt den Raum: der Himmel über Berlin, ein Luftgeschwader von Ankunft und Aufbruch. Die Autoren sind zugleich Darsteller. Jeder hat seinen Platz und bespielt den Raum. Ein Pärchen mit Koffer checkt sich an der Rezeption ein und läuft schnurstracks zum Doppelbett. Dort wird es liegen, reden, fernsehen. Sex hat es nicht. Wie überhaupt der Sex und die Liebe offenbar in Berlin keine Rolle spielen, zumindest nicht in der Imagination des Sextetts (der Komponist Matthias Herrmann ist mit seinem Cello der Siebte auf der Bühne). Erstaunlich.

Dafür schwappen Lichtwellen übers Bett, die Assoziation von Wasser stellt sich ein, die sich, das ist geschickt gemacht, mit dem Lichtermeer der Großstadt überblendet. Ein kleines einsames Tänzchen immerhin wagt das Paar, jeder für sich, in stroboskopischer Langsamkeit. Nach rund eineinhalb Stunden werden die beiden mit ihrem Koffer unter anschwellendem Flugzeuglärm die Bühne verlassen. Sie waren Durchreisende.

Was wird bleiben? Die Fliehkräfte sind stark. Das sechsstimmige Sprachensemble vermag die Stadt nicht zu bündeln. Die Erdzeitalter werden aufgezählt, Berlin als Urstromtal evoziert, Namen von Hotels und Veranstaltungsorten werden skandiert, in ebenso willkürlicher Auswahl wie die Nennung einiger Bezirke. Die Stadt ist zu hell, um Sterne zu sehen, vielleicht flüchten sich die Lyriker deshalb in Alliterationen und Kalauer: „Montage und Markt“, „neue Mitte – alter Himmel“, so geht es hin und her.

Was fehlt? Ein organisierendes Bewusstsein. Das Berlin dieser „innen stadt“ kennt keine Innenwelten, keine Geschichte, keine Gegenwart. Wo sind die Immigranten, wo ist die Gewalt der Straße, wo sind die Wortfetzen eines vielfältigen Sprachgemischs? Keine Fremdsprachen, keine Dialekte, keine schnoddrigen Busfahrer, keine genervten Taxifahrer, die die Augen verdrehen, wenn die Fahrt zu kurz ist, um den Fahrgast mit Ressentiments zuzutexten, sobald die Länge der Strecke ihren Wünschen entspricht. Der Mangel ist vermutlich gewollt. Wahrscheinlich fürchteten die Autoren, in die Falle der Berlin-Klischees zu tappen. Und flüchteten sich ins Allgemeine. Aber warum nur wagten sie es nicht, die literarische Tradition der Stadt als „kreisende Weltfabrik“ anzuzapfen? Döblin wird immerhin einmal genannt, Else Lasker-Schüler angespielt. Aber da wäre mehr zu holen gewesen – für eine Lyrik im Zeichen des Gemeinsamen.

Und so ist dieser Abend auf seine Art doch wieder typisch für Berlin. In keiner anderen Stadt gibt es eine vergleichbare Begeisterung für so genannte Projekte. Das Neue, das Andere findet immer ein offenes Ohr, und wenn es multimedial daherkommt, um so besser. Das ist schön, und es soll ruhig so bleiben. Keineswegs will man den Zukunftsfuror der Veranstalter und der jungen Autoren bremsen. Aber die Messlatte liegt hoch, gerade in Berlin. Da muss sich auch ein Text, der „geloopt, remixed, gesamplet“ ist, nach dem Mehrwert befragen lassen, den sein technischer Fortschritt bringt.

Das Publikum applaudiert wohlwollend – und freut sich auf sein Guinness, umsonst und draußen. Da ist es wieder, das internationale Stimmengewirr in der immer noch lauen Berliner Luft.

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