Berlin Festival : Harmonie ist keine Strategie

Die Killers spielen ihre größten Hits, Tocotronic sind routiniert, Major Lazer zerhacken Beats: Eindrücke vom Berlin Festival auf dem Flughafen Tempelhof

von und
Endlich wieder Rock. Die vier von Tocotronic beim Berlin Festival. Foto: Mark Tirl/dpa
Endlich wieder Rock. Die vier von Tocotronic beim Berlin Festival. Foto: Mark Tirl/dpaFoto: dpa

Die Hauptbühne des Berlin Festivals hat aufgemalte Flügel an den Seiten – mit jeweils zwei Turbinen und einer roten Positionslampe an den Spitzen. Das sieht schön aus, zumal sie nicht wie in den Vorjahren unter dem Terminal-Dach des Tempelhofer Flughafens, sondern im Freien steht. Alles klar zum Abheben also. Doch Little Dragon gelingt das nicht, als sie als erster größerer Act unter dem muschelförmigen Dach auftreten. Mit ihrem treibenden Synthiepop bringen sie nur vereinzelte Grüppchen zum Tanzen. Selbst auf die obligatorische „Wie geht’s euch?“-Frage von Sängerin Yukimi Nagano kommt nur eine laue Reaktion aus der Menge. Wahrscheinlich ist es einfach noch zu früh und zu hell, um sich richtig in den wummerigen Groove der vier Schweden fallen zu lassen. Was schade ist, denn das von langen Instrumentalpassagen durchzogene Set ist stimmig und auch spannungsgeladen.

Party-Atmosphäre herrscht später im Hangar nebenan, den die Kanadierin Claire Boucher alias Grimes in einen elektrisierten Club verwandelt. Einsetzende Beats und Bässe werden jubelnd begrüßt, es wird getanzt und Konfetti geworfen. Muss ja auch sein, schließlich ist Grimes seit ihrem dritten Album „Visions“, das Anfang des Jahres erschien, einer der gehypten Szenelieblinge. Die 24-Jährige steht im Bühnenhintergrund an einem großen Tisch voller Effektgeräte, mit denen sie ihre Stimme filtert, loopt und verzerrt. Sie selbst ist kaum zu erkennen, kein Spot leuchtet sie an – ihre mal spukhaften, mal futuristischen Sound-Kathedralen strahlen umso eindrucksvoller. Neben Grimes schlägt ein Begleitmusiker den Backbeat in ein Drum Pad, vorne hopsen drei Tänzer, die blinkende Ketten tragen und mit Leuchtschwertern herumfuchteln. Das passt alles gut zusammen, ist abwechslungsreich und macht Laune.

Diese wird draußen etwas eingetrübt vom Nieselregen, der sich mit den Zeitlupenklängen von Sigur Rós mischt. Auch als die Killers auf die Hauptbühne kommen, fallen weitere feine Tropfen. Die Rockband aus Las Vegas startet mit ihrer neuen Single „Runaway“, schickt aber sofort „Somebody told me“ hinterher, einen ihrer größten Hits. Genauso läuft es mit dem neuen Stück „Ms. Atomic Bomb“, auf das das poppige „Human“ folgt. Beide Male ist das alte Material stärker. Davon lenken Leinwandprojektionen, Lasergeflacker und ein dynamischer Brandon Flowers am Mikro ein wenig ab. Das Quartett hat vier Jahre nach seinem letzten Album offensichtlich etwas zu beweisen. Es muss knallen, und das tut es.

Eine hübsche Überraschung ist das Alphaville-Cover „Forever young“, das Brandon Flowers allein mit Gitarrist David Keuning spielt. Allerdings leider nicht in voller Länge und leider auch nicht gefolgt von der Hymne „When you were young“. Die heben sich die Killers als letzte Zugabe auf. Dann ist Mitternacht und Schluss auf der Bühne mit den Flügeln. Nadine Lange

Dirk von Lowtzow, man weiß das nach genauerem Studium von Tocotronic-Texten, ist ein Meister des Um-die-Ecke-Formulierens, des Rätselhaft-Verschwurbelten. Also animiert er sein Publikum an diesem frühen ersten Abend des Berlin Festivals nicht einfach nur so zum Mitklatschen und Mitsingen, sondern schickt dieser Aufforderung den Satz voran, dass es doch nichts Schöneres und Erstrebenswerteres gäbe als genau diesen Zustand: Kapitulation! Mitgrölpotenzial hat dieses gleichnamige Tocotronic-Stück nicht gerade, aber die vorderen Reihen bemühen sich, und auch hinten kennt so mancher Wort für Wort von Klassikern wie „Freiburg“, „Aber hier leben, nein danke“ oder „Mein Ruin“.

Tocotronic spielen einen anständigen Rock-Set, gute Band! Trotzdem kann von totaler Ausgelassenheit, von Enthusiasmus keine Rede sein, weder bei den vier Musikern noch beim Publikum, was vielleicht auch am einsetzenden Regen liegt.

Den Unterschied merkt man kurz darauf im Hangar 5, vor der kleinsten der drei Hauptbühnen des Festivals. Auftritt von Frittenbude, einer aus Niederbayern stammenden politisch höchst korrekten Elektro-Punkband. Hier ist sofort Stimmung in der Bude. Kein Mensch muss zum Mitklatschen aufgefordert werden, und die Begleittänzer der Band in ihren Pandabärkostümen will man am liebsten sofort knuddeln. Natürlich ist die Frittenbude-Musik auch ziemlich stumpf, arbeitet die Band mit billigen Effekten. Das aber ändert nichts daran, dass im Hangar 5 den ganzen Abend über die Musik zur Zeit gespielt wird, gerade im Vergleich zu der großen Bühne draußen. Tocotronic, okay. Aber Sigur Rós? Die Killers? Diese Bands wirken bei ihren Auftritten wie Irrtümer aus dem vergangenen Jahrzehnt, vor allem wenn man die Auftritte von Miike Snow und am Ende von den grandiosen Major Lazer verfolgt.

Bei Miike Snow weiß man nie, ob der vollbärtige Amerikaner mit den langen schwarzen Haaren und seine schwedischen Mitmusiker nun eine handelsübliche Band sind oder ein Elektronik-Act: Songwriting und schmusige House-Beats gehen stimmig ineinander über. Wohlfühlpop, ein bisschen schmierig, aber schön, und als der aktuelle Hit „Paddling out“ kommt, sind alle geradezu selig und mit sich und der Welt im Reinen.

Major Lazer dagegen, das Bandprojekt des Produzentenduos Diplo und Switch, kennt keine Hits und geläufigen Songstrukturen. Hier wird alles zerhackt und zerschreddert, auf dass es einem ganz warm in der Hüpfbude werde: Dancehall-Reggae-basiertes Geballer und Breakbeatgewitter, mit T-Shirt-Geflatter und aufblasbaren Delfinen. Der Spruch auf den T-Shirts der Sängerinnen vermittelt die Botschaft: „Get free!“ Man könnte von Aufmerksamkeitsdefizitpop sprechen. Oder mit Dirk von Lowtzow: Keine Meisterwerke mehr, die Zeit ist längst schon reif dafür. Gerrit Bartels

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben