Berlin Festival : Tocotronic – Let there be Rock

Tocotronic haben den deutschen Pop revolutioniert –  heute treten sie auf. Zum 20. Bandjubiläum erinnern sich Tagesspiegel-Autoren an Songs, die ihr Leben verändert haben.

von , , , und
Sie sind Helden. Rick McPhail, Jan Müller, Arne Zank und Dirk von Lowtzow (v.l.) alias Tocotronic. Im Januar erscheint ihr neues Album, das sie im „Candy Bomber“-Studio im Flughafen Tempelhof aufgenommen haben.
Sie sind Helden. Rick McPhail, Jan Müller, Arne Zank und Dirk von Lowtzow (v.l.) alias Tocotronic. Im Januar erscheint ihr neues...Foto: dpa

„Freiburg“ (1995)

Um mein Leben zu retten, pathetisch gesagt, kam dieses Stück leider um Jahre zu spät. „Freiburg“ war das Eröffnungsstück des Tocotronic-Debütalbums „Digital ist besser“, das im Frühjahr 1995 erschien. Zu dieser Zeit hatte ich der niedersächsischen Universitätsstadt Göttingen bereits den Rücken gekehrt. Aber eine Offenbarung war das Stück trotzdem, mit diesen schweren, bohrenden Gitarren und den schwermütig vorgetragenen Zeilen: „Ich weiß nicht, warum ich euch so hasse, Fahrradfahrer dieser Stadt“. Später sind es die Tanztheater und die Backgammonspieler dieser Stadt, die der damals 23-jährige Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow so hasst. Das sprach mir aus der Seele, das waren meine Erfahrungen, die ich nicht in Freiburg, sondern 1986 und 1987 als Studienanfänger in Göttingen gemacht hatte: Kaz-Keller, Fachschaftstreffen, Blauer Turm, Studentenparties. Die Fahrradfahrer und Tanztheater sind in „Freiburg“ die Chiffre für die Selbstzufriedenheit und wohlige Beengtheit von Orten wie diesen: Universitätsstädten mit schnuckeliger Altstadt und ausschließlich studentischem Nachtleben. Aber auch einer linken Szene, die seinerzeit in Göttingen verhärtet und unattraktiv war. Um Distinktion nach allen Seiten (Bürgertum, Studis, linke Szene) geht es bei Tocotronic, wie die Zeile „Ich bin alleine und ich weiß es und ich find es sogar cool“ beweist. Ich war in Göttingen auch allein, fand es nur gar nicht cool. Ich wollte weg, Berlin, Hamburg, Köln, egal. Cool war immerhin, dass sich ein paar Jahre später noch immer nichts geändert hatte. Eine Stadt wie Freiburg (wahlweise Göttingen, Tübingen, Marburg) kann kein Fest fürs Leben sein. Gerrit Bartels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben