Kultur : "Berlin ganz privat": Zwischen Stil und Kitsch: Zu Gast in Berliner Wohnungen

Hella Kaiser

Auf dem Holzregal reiht sich eine Batterie von Krügen, und auf die Wand darüber sind große Erdbeeren gemalt. In dieser Küche möchte man sitzen und sich von der Künstlerin Elvira Bach bekochen lassen. Zeugen nicht schon die an einer Stange baumelnden Schöpflöffel, Messbecher, Siebe und Pressen davon, dass einem das Essen auf der Zunge zergehen wird? Bei Hermann Wiesler hingegen lockt die Bibliothek. Fast 40 000 Bücher hat der Professor für Kunst und Ästhetik in seiner Wohnung untergebracht, darunter Schätze mit halb zerfallenen Buchrücken.

Zwei Schweizer wollten wissen, wie man in dieser Stadt so wohnt, und prompt haben rund 50 Berliner ihre Türen geöffnet. So konnte der Fotograf Reto Gundli den gemütlichen Telefonplatz der Künstlerin Joulia Strauss ablichten und auch einen knallroten Bosch-Kühlschrank der 60er-Jahre-Linie, der bei der Modemacherin Katia Mossina auf altem Parkett im Arbeitsraum steht. Autorin Susanne von Meiss hat die Bewohner porträtiert, Menschen vor allem, denen man auf Empfängen dieser Stadt oft begegnet.

Nun aber weiß man, das Sandra Pabst eine Orientalisten-Sammlung besitzt und Bilder aus der französischen Schule des 19. Jahrhunderts liebt. Romy Haag wohnt nach eigenen Angaben "zugekleistert mit Kitschkram", während Udo Walz sein Badezimmer mit grauem Marmor verkleiden ließ. Bei Anne Maria Jagdfeld, der Chefin des Quartier 206, ist das Penthaus kühl beige-braun durchgestylt, während die Künstlerin Manuela Alexejew kunterbuntes antikes Mobiliar zusammengemixt hat, darunter einen Teewagen aus dem Eisenbahnzug des Maharadschas von Indore und ein Porträt von Philippine Charlotte, der Schwester Friedrichs II.

So unterschiedlich die Charaktere der Bewohner sind, so vielfältig ist ihr Geschmack. Aber fast alle, so scheint es, lieben große Spiegel und Kristalllüster. Solche Accessoires wirken freilich nur mit viel Platz drumherum, und daran mangelt es hier keinem. Auch nicht am nötigen Kleingeld für das eine oder andere wertvolle Gemälde.

Der Band straft all jene Lügen, die immer noch behaupten, Berliner hätten kein ästhetisches Gespür. Ein Lernbedarf besteht freilich. Als Architekt Thomas Baumann zur Einweihungsparty in sein selbst entworfenes Grunewalder Domizil lud, schauten die Gäste mitfühlend zur Decke: "So ein neues Haus und schon ein Wasserschaden!" Dabei prangte da ein "Wolkenbild", vom Künstlerfreund Peter Schubert hingezaubert. In Düsseldorf oder Hamburg wäre das kaum passiert. Diese Erkenntnis ist für Alteingesessene, die zwischen all den schicken Menschen zu fremdeln beginnen, irgendwie beruhigend.

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