Berlin-Geschichten : Die Stadt als Nebenfigur

Es ist ein einziges Knistern und Kratzen: Der Berlinroman hat Konjunktur wie eh und je - nur als solcher ausgewiesen werden muss er nicht mehr.

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Das Auto von gestern - die Stadt von heute: Der Berlinroman verbindet Zeit und Raum.
Das Auto von gestern - die Stadt von heute: Der Berlinroman verbindet Zeit und Raum.Foto: dpa-bildfunk

Dass sich das noch jemand traut! Einen Berlinroman schreiben und im Titel darauf verweisen, dass es sich genau um einen solchen handelt. „Berlin liegt im Osten“ heißt dieser Roman, er ist das Debüt der 1963 in der einstigen Sowjetunion geborenen und seit 1994 in Berlin lebenden Nellja Veremej. „Als ich zur S-Bahn die Treppe hochfahre, fällt die Dämmerung über die Stadt, deren Lichter wie glimmende Kohlen im dichten Nebel stehen. Der Waggon ist voll. Wie unterschiedlich gepolte Magnete stehen die Menschen eng aneinandergedrückt, die Arme unten“, heißt es darin. Oder: „Unser Waggon rollt unterm überdimensionierten Dach des Hauptbahnhofs ein. Tief unter den S-Bahn-Gleisen wimmelt ein mehrschichtiges Tohuwabohu.“

Wer bei diesen Sätzen an Döblins „Berlin Alexanderplatz“ denkt, wird von Veremej spätestens dann bestätigt, als auf dem Nachtisch eines Patienten der Ich-Erzählerin und Heldin, einer Altenpflegerin, genau Döblins Buch liegt, „ein dickes, zerzaustes Buch. Berührt man es, fliegen seine vergilbten Seiten wie trockenes Laub in alle Himmelsrichtungen.“ Veremej, so scheint es, hat hinsichtlich des Berlinromans keine Berührungsängste (vor ihrem Roman muss man übrigens auch keine Angst haben, der ist lesenswert und dringt zuweilen über Berlin hinaus in Zeit und Raum). Das wirkt insofern erstaunlich, als dass es Zeiten gab, in denen der Berlinroman nicht den besten Ruf genoss. Nachdem er kurz nach der Wende unermüdlich eingefordert worden war, folgte von Mitte der neunziger Jahre an eine Inflation von Berlinromanen, inklusive Anti-Berlinromanen und Berlinromanparodien. Der aus der Schweiz stammende und Buch für Buch die feinsten, unaufdringlichsten und auch ironischsten Berlinromane produzierende Schriftsteller Matthias Zschokke brachte es in „Der dicke Dichter“ schon 1995 auf den Punkt: „Die Federn sind nur so gespitzt, es ist ein einziges Knistern und Kratzen, wenn man durch die Straßen geht.“

Das liegt natürlich daran, dass inzwischen nur noch jeder dritte oder vierte deutschsprachige Schriftsteller von Rang eben nicht in Berlin lebt. Und dass der große Berlinroman von allen zusammen geschrieben wird. Doch selbst wenn immer wieder mal aufgemerkt wird, wenn Berliner Schriftsteller ihre Bücher in Ostfriesland oder Frankfurt oder gleich in Afghanistan oder Liberia ansiedeln: Ganz allein möchte eigentlich niemand mehr den Berlinroman stemmen. Eigentlich glaubt niemand mehr, dass, wie es seinerzeit Zschokkes dicker Dichter formulierte, „Berlin neu geschrieben werden will, muss, wird.“ Es ist still geworden um den Berlinroman, niemand verlangt mehr nach ihm, niemand schreibt ihn mehr explizit: Berlin läuft in der Regel nur noch mit, ist eine mal mehr, mal weniger wichtige Nebenfigur. So wie in David Wagners mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichneten Buch „Leben“, in dem der Erzähler immer mal wieder seinen Blick aus dem Virchow-Krankenhaus über die Dächer von Berlin schweifen oder sich Kranken- und Lebensgeschichten von Berlinern erzählen lässt.

Oder in Inger-Maria Mahlkes Roman „Rechnung offen“, der als Neukölln-Roman durchgehen könnte und in dem Sätze stehen wie: „Im Frühjahr hatte in den Räumen ein Café aufgemacht, die Tapeten hatten sie runtergerissen, die nackten Wände erinnerten an Krieg. Sofas standen kreuz und quer und kleine Couchtische und Sessel, die nicht zu den Sofas passten, und alle mussten übereinandersteigen, wenn sie zu ihren Plätzen wollten.“ Der aber vor allem vom fehlenden Zusammenhalt in unserer Gesellschaft erzählt, von kaputten Beziehungen, von Gentrifizierung aber eher am Rande.

Auch die „Stories“ von Johanna Adorján, „Meine 500 besten Freunde“, sind Berliner Geschichten. Sie spielen im Borchardt, im Adlon, in Clubs, Zeitungsredaktionen oder Galerien in Mitte und manchmal Schöneberg. Es sind primär Gesellschaftsgeschichten, und vielleicht können diese „Stories“ auch wirklich nur in Berlins Mitte und nirgendwo sonst spielen. Insofern muss man sagen: Der Großstadtroman lässt sich auf vielerlei Weise erzählen – nur extra als solcher ausgewiesen werden, das muss er lange nicht mehr.

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