Kultur : Berlin hat gewählt: Die grüne Zukunft ist rot

Bernd Ulrich

Haben die Grünen eine Alternative zur rot-grünen Koalition? Fangen wir der Einfachheit halber von hinten an. Stellen wir uns vor, wie ein Szenario des Koalitionsbruches aussehen könnte. Der Anlass für einen Abschied von Gerhard Schröder müsste existenzieller Natur sein. Damit fallen Fragen der Inneren Sicherheit schon mal weg. Es muss also mindestens um den Krieg gehen. Denn wegen weniger geht man nicht in die Opposition, und dahin müssen die Grünen ja, weil sie keine anderen Bündnispartner haben.

Nehmen wir also an, sie würden auf einem dramatischen Sonderparteitag beschließen, aus der Koalition auszuscheiden, weil der Verlauf des US-Militäreinsatzes oder die Bundeswehr-Beteiligung daran eine grüne Zustimmung unmöglich macht. Der Fraktion bliebe nichts anderes übrig, als die Koalition für beendet zu erklären.

Zurück ins Private

Joschka Fischer würde sich dem Votum seiner Partei nicht anschließen. Er wäre damit vor die Alternative gestellt, als parteiloser Außenminister im Amt zu bleiben oder Privatmann zu werden. Sowohl sein Machtinstinkt als auch sein Gewissen würden ihn dazu bringen, sich einen Buchverlag zu suchen, seine Putzfrau in der Toskana anzurufen, damit sie das Häuschen reinigt und sich bei Johannes Rau seine Entlassungsurkunde zu holen. Auch Rezzo Schlauch würde wieder öfter in der Jagst baden gehen. Andere Realos würden sich dem anschließen und sich ins Privatleben zurückziehen, wenige würden sich der SPD einverleiben.

Zum Thema Ergebnisse I: Stimmenanteile und Sitzverteilung im Abgeordnetenhaus
Ergebnisse II: Direktmandate im Abgeordnetenhaus
Ergebnisse III: Ergebnisse nach Regionen (Abgeordnetenhaus und BVV)
WahlStreet.de: Die Bilanz Der Bundeskanzler hätte dann wiederum zwei Handlungsmöglichkeiten. Er könnte sich einen neuen Koalitionspartner suchen. Doch wären sowohl die Liberalen wie die Union äußerst lästige Partner. Die einen, weil sie innerhalb der SPD schwer zu vermitteln wären, die anderen, weil sie schlicht zu groß sind. Die bessere und wahrscheinlichere Möglichkeit für Gerhard Schröder lautet darum: Neuwahlen.

Die Grünen müssten dann also in den Wahlkampf ziehen - ohne Joschka Fischer, ohne Rezzo Schlauch, wahrscheinlich ohne Renate Künast und ohne Fritz Kuhn. Claudia Roth würde die Spitzenkandidatin. Das einzige große Thema der Grünen wäre dann der Krieg. Sie müssten versuchen, all die verloren gegangenen Pazifisten zurückzuholen und eine kriegsskeptische Stimmung in der Bevölkerung auf ihre Mühlen zu lenken. Das wäre schon nicht leicht, weil die Partei den Kosovo-Krieg ja mitgemacht hat und auch Claudia Roth zunächst nicht gegen den Anti-Terror-Krieg war. Da stünde sogar die pseudo-pazifistische PDS glaubwürdiger da.

Außerdem hätten die Grünen kein Wahlziel, weil keine der beiden Volksparteien mehr mit ihnen koalieren will. Und zu sagen: Wählt uns, macht uns stark, nur damit am Ende Schröder mit der Union zusammengehen muss, das mobilisiert nicht sonderlich. Die Grünen wären also auf ihre Stammwähler zurückgeworfen. Für den Wiedereinzug in den Bundestag würde das kaum reichen.

Man kann nicht wieder jung werden

Vor allem aber wären die Grünen moralisch und nervlich ruiniert. Man kann nicht den großen Teil der Identifikationsfiguren verlieren und dann einfach weitermachen, als sei nichts Besonderes vorgefallen. Man kann auch nicht zurück in die alte Petra-Kelly-Authentizität, in ein Charisma, das sich auf unverbrauchten Idealismus stützt. Man kann, kurzum, nicht wieder jung werden. Die Grünen würden so wirken wie 60-jährige Männer, die eine 25-jährige Frau heiraten und mit ihr in der Disko abrocken. Die für die Grünen bedrohlichste These - sie seien eine Kohortenpartei, die im Laufe der Zeit wegaltert - würde so nicht widerlegt, sondern auf karikaturhafte Weise bestätigt.

Haben die Grünen eine Alternative zu Rot-Grün? Nein. Und darin liegt das Drama: Eine Partei, die keine Alternative hat, ist irgendwann auch keine mehr.

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