Kultur : "Berlin im 20. Jahrhundert": Empfangssaal der Moderne

Jörg Plath

Alles verpackt sich in der Vorweihnachtszeit. Auch das Brandenburger Tor verbirgt seine Mauern unter einer bemalten Plane, die es strahlender zeigt als einst das Schloss und zudem als Berlins größten Adventskalender. Dessen fünftes Kästchen verhieß für den Dienstagabend ein Highlight gleich vor Ort: eine Lesung im Neubau der DG Bank am Pariser Platz mit Senta Berger, Dieter Mann und Peter Wapnewski. Ihr handlicher Titel: "Berlin im 20. Jahrhundert".

Tout Berlin mochte sich den ersten Teil dieser "Literatur- und Zeitgeschichte in sechs Kapiteln" über die Jahre 1900 bis 1919 nicht entgehen lassen, die die Akademie der Künste gemeinsam mit dem Holtzbrinck-Veranstaltungsforum in den Räumen der DG Bank organisiert. Die Bank machte also die hohen Tore weit und ließ die Gäste, auf dass deren Abendgarderobe nicht an allfälligem Bauschutt Schaden nehme, in den Versammlungssaal geleiten, einen gestrandeten Glaswal im großen Innenhof. Dort trug der Teppich weihnachtliches Rot, und die Klimaanlage erinnerte sanft an die zur Nacht eingefallene Kälte.

So bot die DG Bank der Akademie, ihrem künftigen Nachbarn zur Linken, Gastrecht. Akademie-Präsident György Konrád definiert den Pariser Platz, bisher eher als Ort staatlicher Repräsentation bekannt, etwas anders: Er sei "Zentrum und Empfangssaal der Stadt". Der passende Ort also für eine Lesereihe, die auch zeige: Wenn Künstler in Bedrängnis geraten, steht es schlecht um die Gesellschaft. Dann halten Peter Wapnewski und Dieter Mann hinter Senta Berger Einzug in den Saal und nehmen Platz, in Ehrfurcht gebietendem Abstand voneinander. Senta Berger liest lasziv-genussvoll Arno Holz, Dieter Mann leiht winselnd-schneidig Untertan Diederich Heßling seine Stimme, und Professor Peter Wapnewski schlägt sich wacker durch Franz Kafka und Erich Mühsam. Eine Vorstandssitzung über die Geschichte - vor der edel gelochten Sichtbetonwand, über der draußen vor der Glaskuppel eine vergessene Schubkarre thront.

Kein geneigt lauschender Bürger braucht an diesem Ort zu fürchten, dass ihm der Hut vom Kopf fliegt. Zwar tobten in den Jahren 1900 - 1919 heftige politische und literarische Auseinandersetzungen, doch Karin Kiwus von der Akademie hat vor allem das Gediegene ausgewählt und davon längere Passagen. Beides beruhigt ungemein und zeigt Berlin als große, schöne Stadt mit einigen Künstlern, einem Kaiser und Aschinger.

Draußen vor der Tür bleiben die zahlreichen Verächter der Parvenümetropole. Auch allzu konvulsivische Expressionisten, kecke Feuilletonisten wie Alfred Kerr oder gar schreibende Arbeiter haben keinen Eintritt in den Parnass am Pariser Platz erhalten, weshalb Walter Benjamin, Robert Walser und Gottfried Benn gleich zweimal zu Gehör kommen.

Der Erste Weltkrieg ist freilich eine unangenehme Sache. Doch die Akademie stellt den Schriftstellern ein gutes Zeugnis aus. Die an diesem Abend zu Gehör gebracht werden, sind keine Kriegstreiber und stimmen nicht in den patriotischen Jubel ein: Bertolt Brecht verhöhnt den Heldentod, Rosa Luxemburg legt für das Leid der Ochsen ein gutes Wort ein. Eigentlich überraschend dann die Morde an Rosa L. und Karl Liebknecht, mit denen die Lesung ausklingt.

Es war ein rundum würdiger Abend. In fünf weiteren Lesungen wollen die Veranstalter das ganze Jahrhundert durchschreiten. Haben sich die Schriftsteller auch im "Dritten Reich" und in der DDR so überaus vorzeigbar verhalten? Es wird sich zeigen, ob sie sich ebenfalls des Pariser Platzes würdig erweisen.

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