Kultur : Berlin in der Krise: Szenen einer Scheidung

Es geschehen Zeichen in Berlin, aber noch keine Wunder. Oder doch: Kommt es denn nicht einem wunderbaren Befreiungsschlag gleich, einer Wende gar, wenn über Nacht die Große Beton-Koalition wie ein Stück Knäckebrot zerbröselt? Und wer hätte Peter Strieder zugetraut, dass er einmal Berliner Geschichte schreiben würde?

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Fototour: Die Bilder der Krise "Die Große Koalition hat sich überlebt." Eine bemerkenswerte Formulierung ist dem biederen SPD-Landeschef da entfahren. Solche Sachen stehen nicht im Phrasenbuch des Gremienmenschen. So sprechen, versprechen sich Ehepartner, wenn der Lebensbund zerbricht. Wenn es zur Scheidung kommt. Dass politische Parteien Zweckehen eingehen, ist wahrlich keine Besonderheit. Wenn aber, wie in Berlin, die Zweckehe zur Zwangsehe wird, dann darf man dem Ehebrecher kaum mehr unmoralisches Verhalten unterstellen. Erotisch aufgeladen war die zehnjährige Liaison von CDU und SPD von Anfang an ohnehin nicht. Und seit längerem gebrach es der Elefantenhochzeit im hauptstädtischen Porzellanladen an dem, was ältere Ehen zusammenhält, wenn es im Bett nicht mehr klappt - an Freundschaft, Respekt und Einigkeit über die Zukunft des gemeinsamen Nachwuchses.

Die Berliner Landespolitik erinnerte zuletzt an einen makabren Witz. Kommt ein Ehepaar zum Scheidungsrichter, sie 95, er 100 Jahre alt. Der Richter fragt: Wozu wollen sie sich in Ihrem Alter noch scheiden lassen? Die Frau antwortet: Naja, wir wollten warten, bis die Kinder tot sind. - Und dahin wäre es auch beinahe gekommen.

Natürlich muss sich der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen als der Betrogene fühlen und von einem "Tabubruch" sprechen. Gegenseitige Schuldzuweisungen gehören ebenso zu den Szenen einer kaputten Ehe wie das Gezerre um das Sorgerecht, hier: die Entwicklung der Stadt, ihrer Schulen, Krankenhäuser, Theater, Museen, Flughäfen, Bahnen. Diepgens CDU hat die Haushaltkrise durch die Bank weg selbst verschuldet - den drohenden Machtverlust. Verräterisch schwelgt sie in Untergangsszenarien aus dem Kalten Krieg, wenn die SPD mit der PDS flirtet, auf dass sich im Abgeordnetenhaus die Balken biegen.

Die Scheidung ist beschlossen. Die Frage ist, wer sich von wem abwendet. Christoph Stölzl, noch nicht lange CDU-Mitglied und nun wohl Kultursenator auf Abruf, hat das Thema mit der List des Historikers variiert. Die Ehe mit Diepgen, meinte er, habe Berlin gut getan (Tagesspiegel vom 31. Mai). Man mag einwenden, dass Eberhard ja mit Monika Diepgen verheiratet und Bigamie hierzulande illegal ist. Und doch: Kein Oppositonspolitiker hat den Zustand der Lähmung so treffend beschrieben - und die Chance des Aus- und Aufbrechens. Viel länger, als Diepgen regiert, und viel enger, als sich zwei Volksparteien ins Prokrustesbett legen können, hielt die alte Führungsschicht die Zügel in der Hand. Zu dieser abgehalfterten, aber zähen Elite gehörten von jeher auch Sozialdemokraten.

Etwas hat sich überlebt: die inzestuöse Berliner Erbhof-Mentalität, die man auch in der Kulturszene immer noch antrifft. Nicht von ungefähr erinnert Strieders Sentenz an das Ende der DDR, an jenen Abend, als das ZK-Mitglied Schabowski etwas von "Reisefreiheit" in die Mikrofone murmelte. Und die Mauer fiel. Bald zwölf Jahre später scheint wieder eine Mauer zu fallen. Eine kleine Mauer. Auch im Westen. Man spürt die Erleichterung, den Optimismus und bei manch einem sogar Wagemut - dass etwas Neues beginnen soll, ohne die alten Tugendwächter, die den ehelichen Haushalt in den Ruin getrieben haben. Und es muss ja nicht gleich wieder geheiratet werden. Eine offene Dreierbeziehung tut es vielleicht auch - mit Gysi, Wowereit, Wieland / Klotz. Dann kann man sich mit dem Mann-Sein und dem Frau-Sein ruhig abwechseln. Diesmal wäre es nicht für immer und ewig.

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