Berlin : Langer Schatten

Die Neue Nationalgalerie, Berlins prominentestes Museum, schüchtert die Künstler ein. Die Biennale-Kunst gibt sich sensibel, scheu und verhalten.

Christina Tilmann
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Nationale Farben? Die Flaggeninstallation "Nationalgalerie" des rumänischen Künstlers Daniel Knorr. -Fot: Spiekermann-Klaas

Dass die Neue Nationalgalerie, Spätwerk Mies van der Rohes, Ikone der Moderne, Künstler wie Kuratoren am meisten fasziniert, ist spürbar. Es ist ja auch ein Coup Berlins prominentestes Ausstellungshaus für die Berlin Biennale gewonnen zu haben. Entsprechend triumphierend flattert ein Fahnenkranz rund um das Gesims des Kunsttempels. Was jedoch in der Installation von Daniel Knorr zunächst wie ein fröhlicher internationaler Gruß daherkommt – Mies van der Rohes Bau zählt zu den Hauptwerken des „International Style“ – entpuppt sich bei näherem Hinsehen als Farbcodes der 58 in Berlin ansässigen Studentenverbindungen. Nichts könnte weiter von Internationalität entfernt sein. Und dann reckt sich vor dem Haus auch noch drohend eine aus Metallstäben gegossene Faust von Piotr Uklanski empor und erinnert an die Zeiten, als die Nationalgalerie direkt an der Mauer stand. Ein Gruß an den Klassenfeind?

Jedenfalls erst mal ein großer Auftritt. Im Inneren wird es schlagartig bescheidener. Die große gläserne Halle, berüchtigt schwer zu bespielen, hat gerade für eine Gruppenaussstellung ihre besonderen Tücken. Da bemüht sich offenbar jeder, dem freien, unbegrenzten Raum ein gemütliches, heimeliges Privat-Eckchen abzuzwacken: Es werden Raumecken mit Vorhängen verhängt, Kompartiments mit Tüchern abgetrennt, Paravents aufgestellt, es gibt die üblichen Videokabinen, oder man schmiert, wie Thea Djordjadze, gleich eine der Glasscheiben blind. Glücklich die, die die Garderobenboxen als Wand oder Ausstellungfläche nutzen können, wie Susanne M. Winterling, die die kleinen hölzernen Kabinette zu einer raffinierten Hommage an die Architektin Eileen Gray nutzt. Von Sinn und Gespür für den Gesamtraum, das große Ganze ist ansonsten nicht viel zu merken.

Ein Paradox. Denn die Ehrfurcht vor der Architektur ist groß, so groß, dass die Kunst dagegen fast zwergenhaft erscheint. Sie duckt sich bescheiden, verkriecht sich in Ecken, will am liebsten durchscheinend ganz verschwinden. Alles mit historischer Referenz natürlich.

Da baut Goshka Macuga im Zentrum der Halle ein Glasobjekt, das an das schneckenförmige Kompartiment des Cafés „Samt und Seide“ erinnert, das Mies gemeinsam mit seiner Mitarbeiterin Lilly Reich 1926 für die Berliner Messe entwarf. Auch Haris Epaminonda zeigt seine manipulierten Bildbände in einer Glaskabine, die an Mies’sche Räume erinnert. Marc Camille Chaimowicz lehnt bemalte Marmorplatten an die riesigen Onyxpfeiler, Aleana Egan spannt ein Drahtgeflecht zwischen ihnen. Nicht wenige Künstler greifen auf das Mittel der frei im Raum hängenden Tafeln zurück, die schon Mies als Ausstellungseinrichtung für die Nationalgalerie vorsah. Und Raster, Gitter, Quadrate gibt es allerorten.

Wie selbstbewusst man diesen Raum bespielen kann, hatte zuletzt Jannis Kounellis mit seiner Mega-Installation vorgemacht. Etwas von diesem Selbstbewusstsein, etwas mehr Berserkertum wünscht man auch der Biennale-Kunst, die sich stattdessen so sensibel, scheu und verhalten gibt wie ihr Kurator Adam Szymczyk. Raus aus dem Schatten der Moderne!

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