Berlin-Mitte : Die letzten Alternativ-Projekte kippen

Zwischen Off-Szene und Touristenattraktion: Wer braucht noch Alternativ-Projekte, wenn die alten Feindbilder nicht mehr passen?

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Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Das Kulturzentrum Schokoladen in der Ackerstraße in Berlin-Mitte.
Zwanzig Jahre sind eine lange Zeit. Das Kulturzentrum Schokoladen in der Ackerstraße in Berlin-Mitte.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Jetzt hört man ihn wieder, den Kampfruf, der einen in Berlin auch von den Fassaden längst geräumter Häuser angähnt: „Wir bleiben alle!“ Aber wer am Ende wirklich bleibt, und wo, das wird sich zeigen. Vermutlich schon bald. Drei alternative Kulturprojekte mit zwanzigjähriger Geschichte stehen im Bezirk Mitte auf der Kippe. Jüngst hat der Kunstverein Acud in der Veteranenstraße den Insolvenzantrag eingereicht, „Acud in Not!“ ist die Losung, der Betrieb läuft vorerst weiter. Dem Schokoladen e.V. in der Ackerstraße, wo unter anderem der Club der polnischen Versager beheimatet ist, wurden nicht zum ersten Mal die Mietverträge gekündigt. Das Kunsthaus Tacheles in der Oranienburger Straße, dessen Querelenhistorie viele Regalmeter füllt, zahlt schon lange die geforderte Miete nicht und könnte bald verkauft werden. In allen Fällen geht es ums Geld. Und darum, was das eigentlich noch ist oder sein könnte – alternative Kultur.

Entstanden sind diese Projekte sämtlich zu Beginn der neunziger Jahre, als am Berliner Runden Tisch mit der Wohnungsbaugesellschaft Mitte die Immobilienkarten neu gemischt und Hausbesetzerverbände in Vereinsstrukturen überführt wurden. Es kommt einem ewig weit weg vor. „Die Freiräume, die Mitte früher ausgemacht haben, die gibt es nicht mehr, das ist vorbei“, sagt Matthias Horn, der Leiter des Theaters im Schokohof. Er spricht von der Gentrifizierung des Bezirks, was gemeinhin die Verdrängung von Altmietern durch Neureiche meint, das Schlagwort ist in Berlin ja allgegenwärtig.

Tim Staffel hat kürzlich ein schönes Stück zum Thema geschrieben: „Man braucht keinen Reiseführer für ein Dorf, das man sieht“. Nurkan Erpulat inszenierte es im Hebbel am Ufer. Allerdings waren die Fronten darin gar nicht so klar. Da macht der Spross einer türkischen Familie im Wrangelkiez aus Vaters Kahvehane, dem anatolischen Männercaféhaus, selbst einen Sushi-Laden.

Kunst gegen Carloft? Es ist nicht ganz so einfach. Zumindest nicht überall. Der Schokoladen hat es mit einem Eigentümer zu tun, der einen höheren Kaufpreis für das Objekt verlangt, als der Verein zahlen könnte, vermutlich wird er das Gebäude also selbst sanieren und die Miete kräftig erhöhen. Gepflogenheiten des Immobilienmarkts. Das Acud-Grundstück dagegen gehört der Stiftung Umverteilen, die hierzulande Geld verdient und es in Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika investiert. Nicht eben das Bild eines haifischmäuligen Spekulanten.

„Schauen Sie sich doch mal um“, sagt Martin Reiter, Vorstandsmitglied des Tacheles, das dann auch wieder ein ganz besonderer Fall ist, und deutet auf die Dachgeschosse in der Oranienburger Straße. „Lauter Apartments für 1700 Euro, der Großteil steht leer“. Deswegen vermeidet er auch den Begriff Gentrifizierung. Es rücke ja nichts nach. Reiter, ein Wiener Künstler, kann einem die wirren Vorgänge rund ums Tacheles einigermaßen verständlich auseinandersetzen. Unlängst ist der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit bei seinem Hamburger Kollegen Ole von Beust mit dem Versuch abgeblitzt, einem Verkauf des Tacheles durch die HSH Nordbank entgegen zu wirken, das ist die Gläubigerbank des Investors. Wenn Reiter über diesen Investor spricht, den Dürener Kaufmann Anno August Jagdfeld, der einmal eine Luxusbebauung am Tacheles-Standort vorhatte, bis die große Blase platzte, dann fühlt man sich wie in dem Stück „Stadt als Beute“ von René Pollesch. Das verhandelte, frei nach einem Text der Stadtforschergruppe SpaceLab, die Umwandlung von urbanem Raum in Event-Areale und Hype-Parks, und es stammt daraus auch der schöne Satz: „Kauf dir ein schickes Nervenkostüm in Mitte!“ Das können viele brauchen.

„Weder die maroden noch die sanierten Altbauten in Berlin-Mitte täuschen darüber hinweg, dass ihr Lokalkolorit längst in ein globales System der touristischen Special-Effects integriert ist“, schreiben Tom Holert und Mark Terkessidis in ihrer Stadt-Studie „Fliehkraft“. Der interessante Punkt ist: Die Vertreter der Off-Kultur wehren sich heutzutage kein bisschen dagegen, als Touristenattraktion gehandelt zu werden. Im Gegenteil, sie argumentieren damit. Am Anfang ist es Underground. Am Ende kommen die Billigflieger.

Das Tacheles ist als Besuchermagnet längst ein Wirtschaftsfaktor. Der Schokoladen spricht in einer Selbstdarstellung von den Besuchern aus aller Welt, die in den Kiez gelockt würden und ihn lebendiger machten. Auch die Acud-Betreiber verweisen auf die Bedeutung ihres Hauses weit über Mitte hinaus, auf kräftigen Besucherzuwachs des Theaters und des Kinos, weswegen sie sich auch wünschen würden, als überbezirkliches Projekt vom Senat gefördert zu werden. Punkten müssen die Off-Künstler heute mit der eigenen Profitabilität.

Wieviel Kreativität ist da noch? Das Theater im Schokohof war bis zum vergangenen Jahr noch das Orphtheater mit eigenem Ensemble. Seit die Fördermittel gestrichen wurden, hat die Bühne auf Gastspielbetrieb umgestellt. Das Theater im Acud bekommt keine Spielstättenförderung mehr. Und die Zeiten, als im Goldenen Saal des Tacheles Künstler von der Qualität einer Sasha Waltz auftraten, sind lange passé.

Das Tacheles definiert sich heute vor allem über die dreißig Ateliers im Haus sowie die Galerie, das Acud hat ein mehrfach ausgezeichnetes Programmkino. Die Kulturmacher betonen sämtlich, es gehe um Nachwuchsförderung, Probemöglichkeiten, Freiräume. Aber die gibt es nicht mehr umsonst. Die Vereine sind gezwungen, an Gastronomen zu verpachten, was das Gefüge allmählich auseinanderdriften lässt. Letztlich heißt es dann immer „Künstler gegen Geschäftemacher“, sagt Reiter.

Die Künstler selbst sind längst Spezialisten für Finanzfragen aller Art geworden, für Mietrecht sowieso, Begriffe wie Planinsolvenzverfahren oder Erbbaupacht gehören zu ihrem Alltagsvokabular, und auch Ideen für die Stadtplanung haben sie. Wie Reiter, der vorschlägt, das Brachland hinter dem Tacheles zu erwerben und daraus so etwas wie das Wiener Museumsquartier zu entwickeln. Wenn man ihn fragt, was das alles noch mit einem alternativen Profil zu tun habe, lächelt er und sagt, die Etiketten Alternativkunst, Subkultur, Underground, die seien doch sowieso bloß Selbstberuhigungsformeln des Kleinbürgertums gewesen, das den 68er-Schock verwinden und sich die langhaarigen Kinder irgendwie erklären musste.

In Berlin findet die Off-Szene immer wieder neue Nischen, es entstehen Theater wie das Ballhaus Ost in Prenzlauer Berg, das Ballhaus Naunynstraße in Kreuzberg oder der Heimathafen Neukölln. Selbst in der Potsdamer Straße eröffnen Galerien, in Neukölln haufenweise Bars (Kreuzkölln!), und in Friedrichshain existieren Medienkonzerne und Clubkultur nebeneinander. Gentrifizierung hat viele Gesichter.

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