Berlin Music Week : Pet Shop Boys: „Liebe ist eine Mittelschichtsidee“

Die Pet Shop Boys treten als einer der Headliner des Berlin Festivals auf. Hier sprechen sie über ihr aktuelles Album "Electric", berauschende Partys in Berlin und den rührenden Bruce Springsteen.

Dennis Kastrup
Pop-Gentlemen. Chris Lowe und Neil Tennant sind die Pet Shop Boys.
Pop-Gentlemen. Chris Lowe und Neil Tennant sind die Pet Shop Boys.Foto: EMI

Sie haben in den letzten Jahren viel Zeit in Berlin verbracht. Können Sie sich noch an Ihren letzten Clubbesuch erinnern?

NEIL TENNANT: Ja, wir waren auf der sogenannten „Gutterslut Party“. Das ist eine englische Partyreihe, die eigentlich aus Hoxton stammt, aber in unregelmäßigen Abständen auch in Berlin stattfindet. Das Flair ist dementsprechend eine Mischung aus Ost-London und Berlin. Die Party hat sehr viel Spaß gemacht, auch wenn sie nicht so berauschend war wie das Mal davor. Unser letzter Clubbesuch davor muss auch in Berlin gewesen sein. Wahrscheinlich waren wir im Berghain.

Ist Ihr aktuelles Album „Electric“ für den Club gedacht?

CHRIS LOWE: Das Album ist geprägt von unserer Zusammenarbeit mit Stuart Price, der ja hauptsächlich als DJ arbeitet. Aber es kommt natürlich darauf an, wie man Clubmusik definiert. Wir haben jetzt kein Electronic-Dance-Music-Album aufgenommen, auch wenn wir die gleichen Techniken wie bei der Produktion eines Dance-Albums benutzt haben. Ich denke aber schon, dass es eine tanzbare Platte geworden ist.

Das Besondere an Dance-Musik ist ja, dass sie auf der Tanzfläche ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen kann.

TENNANT: Genau darum geht es im letzten Track „Vocal“. Dort heißt es: „It’s in the music, it’s in the song. Everyone I hoped would be around, has come along. For the music, for the song. And the feeling of the warmth around us all is so strong“. Der Song soll auch eine nicht ganz ernst gemeinte Stichelei in Richtung der Club-DJs sein, weil die meisten bis vor kurzem fast überhaupt keine Stücke mit Gesang aufgelegt haben, sondern immer nur die Instrumentalversionen gespielt haben. Ursprünglich wollte ich das Stück sogar mal „1989“ nennen, weil ich viel über die Zeit nachgedacht habe, als sich die Clubkultur radikal veränderte und zu einem großen turteltaubenartigen Happening wurde. Diese Stimmung habe ich selbst in den Clubs erlebt.

Sie haben mal gesagt, dass es Sie nervt, heute noch immer mit den 80ern verglichen zu werden. In dem Zusammenhang ist es fast schon lustig, dass Sie sich als Produzenten Stuart Price geholt haben, der mit seiner Band Zoot Woman wesentlich zum 80er-Revival beigetragen hat.

LOWE: Stuart Price hat sein Handwerk bereits in den 80ern gelernt. Er war eine Art Wunderkind, weil er sich durch das Hören seiner damaligen Lieblingsplatten alle Eigenschaften der Musik angeeignet hat. Wir gehörten auch zu seinen Favoriten. Stuart hat dann diesen 80er-Sound mit den neuen technischen Möglichkeiten stark weiterentwickelt. Deshalb klingt unser neues Album sehr zeitgemäß. Aber es gibt darauf auch einige Elemente, die ganz klar aus den 80ern stammen, wie etwa die typischen Glockensounds. Bei einigen Tracks kann man sich schon vorstellen, dass sie damals in einem Club wie der Danceteria gespielt worden wären. Manche Stücke haben einfach diesen speziellen New-York-Sound von früher. Aber alle diese Einflüsse wurden klanglich auf den neuesten Stand gebracht. Die Platte ist also kein Retro-Album und hätte in dieser Form zu keiner anderen Zeit entstehen können.

TENNANT: Es war in den 80ern so, dass wir oft endlos lange im Studio nach dem richtigen Glockensound gesucht haben. Und ich glaube, wir haben ihn nie gefunden. Während der Arbeit mit Stuart Price gab es dieses Problem so gut wie nie. Aber wir haben uns damals ewig den Kopf darüber zerbrochen. Ich habe Glocken schon immer geliebt. Zum Beispiel die Glockenmelodie in diesem einen Stück von Madonna, dessen Titel mir entfallen ist. Es stammt von ihrem dritten Album. Im Video ist sie mit diesem Model namens Felix zu sehen. Ich komme gerade nicht darauf, wie es heißt.

Dann lassen Sie uns über einen Ihrer neuen Songs reden. Worum geht es in „Love Is A Bourgeois Construct“?

TENNANT: Die Inspiration für den Text kam von dem Buch „Nice Work“, das David Lodge in den 80er Jahren geschrieben hat. Es spielt auch in den 80ern in Birmingham und handelt von einer Universitätsdozentin, die im Rahmen eines Uniprojektes den Alltag von einem Mann begleiten soll, der einen großen, finanziell angeschlagenen Industriekomplex leitet. Der Typ verliebt sich in sie, und sie sagt als Literaturwissenschaftsdozentin, die sich gut mit zeitgenössischer Literaturtheorie auskennt, so etwas wie: „Liebe ist ein viktorianisches Konstrukt.“

Was genau meint sie damit?

TENNANT: Sie meint, dass es sich um eine Idee der Mittelklasse handelt und Liebe gar nicht wirklich existiert. Daraus habe ich den Satz „Love is a bourgeois construct“ genommen und die Geschichte aus der Sicht eines Mannes geschrieben, der von seiner Freundin verlassen wird. Daraufhin gibt er seinen ganzen spießigen Mittelklasse-Lifestyle auf, wie etwa einen festen Job zu haben oder Anzüge zu tragen. Er liegt dann nur noch biertrinkend zu Hause rum und beobachtet, wie in seinem Garten das Unkraut immer höher wächst. Im Prinzip ist die Geschichte schon etwas pathetisch.

Sie haben vor einiger Zeit in einem Nebenprojekt für die BBC dem britischen Wissenschaftler Alan Turing ein Stück gewidmet. Was hat es damit auf sich?
TENNANT: Alan Turing war ein britischer Mathematiker und einer der Pioniere des modernen Computers. Seine Idee war, eine Universalmaschine zu entwickeln. Während des Zweiten Weltkrieges hat er das britische Militär bei der Entschlüsselung von Codes unterstützt. Anschließend hat er dann weiter an der Idee des „elektrischen Gehirns“ gearbeitet, die zur Grundlage für den heutigen Computer wurde. Er war außerdem homosexuell und ging damit sehr offen um. Homosexualität war damals in England strafbar. Er ist verhaftet und verurteilt worden. Anstatt die Haftstrafe anzutreten, stimmte er zu, sich einer Behandlung mit weiblichen Hormonen zu unterziehen, wodurch ihm Brüste wuchsen. Am Ende hat er sich das Leben genommen. Wir haben eine Art musikalisches Denkmal für ihn erschaffen.

Sie covern auf ihrem neuen Album auch einen Song von Bruce Springsteen. Haben Sie ihn jemals live gesehen?
LOWE: Ich habe ihn nie live gesehen. Aber ich fing an, ihn richtig zu mögen, als ich im Fernsehen ein Roy-Orbison- Konzert gesehen habe, bei dem Springsteen zusammen mit K.D. Lang und Elvis Costello in der Backing Band spielte. Springsteen hatte einfach nur riesigen Spaß auf der Bühne und freute sich, dass er mit Roy Orbison spielen durfte. Das hat mich echt berührt. Er hat diese Ausstrahlung eines sehr aufrichtigen, netten und fürsorglichen Menschen.

Das Interview führte Dennis Kastrup.

Konzert: 6.9., 20.30 Uhr, Flughafen Tempelhof, Main Stage

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