Kultur : Berlin, offene Stadt

Weimar? Es gab auch eine Berliner Klassik. Conrad Wiedemann von der Akademie der Wissenschaften über Deutschlands erste moderne Zivilgesellschaft

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Herr Wiedemann, was deutsche Klassik ist, weiß jeder: Goethe, Schiller, Weimar. Eine Arbeitsgruppe an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften forscht unter Ihrer Leitung über eine Berliner Klassik. Muss die deutsche Kulturgeschichte umgeschrieben werden?

In der Tat ist etwas übersehen, vielleicht auch bewusst ignoriert worden. Aus unserer Sicht – unsere bisherigen Ergebnisse haben das erhärtet – gibt es um 1800 zwei gleichberechtigte Zentren des Geistes in Deutschland. Neben Weimar und Jena eben auch Berlin, und neben Goethe und Schiller stehen die schon damals weltberühmten Brüder Humboldt und viele andere.

Kann man den Klassik-Begriff, einen Markenartikel der Kulturgeschichte, den mit Weimar verbundenen Mythos, an dem noch die Weimarer Republik partizipiert hat, wirklich auf Berlin anwenden?

Geht man vom Zeitgeist aus, dann gibt es natürlich viele Gemeinsamkeiten zwischen Weimar und Berlin, darunter die Orientierung an der klassischen Antike. Doch die Unterschiede sind markant. Im rein literarischen Weimar richten sich die klassischen Ideen vor allem auf die ästhetische Erziehung des Individuums, in Berlin auf die Umgestaltung der Bürgerstadt durch Architekten und Bildhauer, sowie auf die Reform von Schule und Universität für eine moderne Großstadtgesellschaft.

Weimar der Musenhof, Berlin die große Stadt . . .

Der Ruhm Weimars beruht auf dem absichtlich zufälligen Zusammentreffen weniger Genies unter dem Schutz eines Fürstenhofes. In Berlin gibt es eine gewachsene Stadtkultur, die plötzlich auf Touren kommt. Das fällt ziemlich exakt zusammen mit dem Tod Friedrichs des Großen 1786. Durch ihn wird ein Potenzial freigesetzt, das bis dahin von der autokratischen, gleichwohl eminent befruchtenden Persönlichkeit des großen Königs gefesselt war. Die Folge ist eine rasante Emanzipation der Stadtkultur von der Hofkultur. Daraus entsteht die erste moderne Zivilgesellschaft in Deutschland, die diesen Namen verdient.

Ein großes Wort, aber ist es mehr als der Versuch, die Geschichte mit einem aktuellen Bezug etwas zeitgemäßer zu machen?

In Berlin entstand eine intellektuelle und ästhetische Vielstimmigkeit, für die es in der viel gerühmten kleinformatigen deutschen Kultur mit ihren Residenzen und Bürgerstädten kein Vorbild gibt. Anders als Weimar ist es um 1800 eine „offene Stadt“. Dazu gehört auch, dass die Romantik, die gegen Aufklärung und Klassizismus opponiert, frei mitspielen darf. Dichter wie Moritz, Kleist, Tieck, Achim von Arnim und E. T. A. Hoffmann, bildende Künstler wie Schadow, Langhans, Rauch und Schinkel, Philosophen wie Schleiermacher und Fichte, politische Reformer wie Stein und Hardenberg sowie Bildungsreformer wie Wilhelm von Humboldt, Rahel Levin-Varnhagen und Zelter können hier die unterschiedlichsten, für die Herausbildung der Moderne fast durchweg bedeutsamen Konzepte realisieren.

Eine eindrucksvolle Gemengelage. Aber nicht doch mehr Gemenge als Lage? Was sind die gemeinsamen Nenner?

In Berlin denkt man in gesellschaftlichen Zusammenhängen, die auf eine selbstbestimmte Bürgerlichkeit zielen. Ein Beispiel sind die architektonischen und künstlerischen Zeugnisse dieser Zeit, die wir alle kennen. Das Brandenburger Tor von Langhans, obwohl vom König in Auftrag gegeben, ist kein Fürstentor, sondern ein Bürgertor, kein Triumphbogen für den Durchmarsch des Heeres, sondern ein Durchgang für Einzelne von der Stadt in die Natur. Der Hofbildhauer Schadow verweigert seinen Bildwerken – nicht nur in der berühmten Prinzessinnengruppe – demonstrativ alle Attribute der Macht, des Amtes und des Standes. An diesen Geist wird Schinkel auf seine Weise anknüpfen. Und während das Berliner Spree-Athen entsteht, schreibt Wilhelm von Humboldt seinen großen Essay über die Grenzen des Staates, worin er diesem die Aufgabe zuweist, die Ausbildung seiner Bürger optimal und frei zu ermöglichen und zu schützen.

Ein neuer zivilgesellschaftlicher Geist? Preußen ist durchaus „ancien regime“, ein Obrigkeits- und Militärstaat, Ruhe ist die erste Bürgerpflicht. Erst viel später, 1848, rüttelt daran die bürgerliche Revolution. Nicht sehr erfolgreich, wie man weiß.

Ruhe gaben die Intellektuellen durchaus nicht. Nehmen wir als besonders eingängigen Fall den Philosophen Fichte. Solange er Professor in Jena ist, betreibt er, was man damals an deutschen Universitäten bevorzugt treibt: Erkenntnistheorie oder Religionskritik, also hochspekulative Dinge. Seit er in Berlin ist, also seit 1799, geriert er sich als Stadtbürger und spricht öffentlich über den Geist des Zeitalters, den offenen Handelsstaat und die Überwindung der Napoleonischen Fremdherrschaft. Schleiermacher wiederum, von Haus aus Theologe, tritt durch eine Geselligkeitstheorie hervor, die deutlich vom liberalen (und säkularen) Geist der jüdischen Salons der Stadt geprägt ist. Selbst die Staatsrepräsentanten Stein und Hardenberg haben mit ihren protodemokratischen Reformvisionen an dieser Tendenz teil. Ich nenne nur deren „Städteordnung“ von 1808, die das Prinzip der urbanen Selbstverwaltung in ganz Preußen durchsetzt.

Die berühmten Berliner Salons. Eine bürgerliche Vereinsbewegung, die sich dem staatlichen und kirchlichen Reglement entziehen will, gab es doch in vielen Städten!

Aber in Berlin gibt es sozusagen die einschlägigen Genies, allen voran die beiden jungen Jüdinnen Henriette Herz und Rahel Levin-Varnhagen, die in ihrem Emanzipationsmut weit über ihren Ziehvater Moses Mendelssohn hinausgehen. Davon ließ sich die Intelligenz der Stadt betören. Bei Rahel finden wir Diplomaten und Angehörige der Hocharistokratie im Gespräch mit Schauspielern und jüdischen Studenten – ohne den Beigeschmack adliger Caprice. Dasselbe gilt für die erotische Freizügigkeit, in der das Maitressenwesen individuellen Liebesdramen gewichen ist. Für all das bietet das große Berlin einen ganzen anderen Boden als die kleinen deutschen Residenzen...

Berlin ist auch damals weder Paris noch London.

Aber eine beginnende Großstadt ist es schon. Und die Quantität – Berlin geht auf 200 000 Einwohner zu – ermöglicht so etwas wie einen Qualitätssprung. Man braucht sich da nur ganz empirisch an die Zahlen zu halten. Bewegt sich in den anderen deutschen Städten die Zahl der Intellektuellen, Gelehrten und Künstler zwischen 20 und 200, so sind es im damaligen Berlin weit über 1000, zur Zeit der Universitätsgründung sogar das doppelte. Und in diesen Kreisen bewegt sich auch eine große Zahl hochgebildeter Adeliger, Ministerialbeamter und Militärs.

So wie Sie Berlin beschreiben, ist es fast der Ort einer Gegenkultur.

In der Tat baut das „klassische“ Berlin auf einer organisch gewachsenen Aufklärungskultur auf – auch insoweit anders als das reine Kunstgebilde Weimar –, deren Mitte 45 Jahre lang das europäische Unikum eines radikalaufklärerischen Herrschers, des Voltaire-Freunds Friedrich der Große bildet. Und daneben gibt es, vom frankophilen König geduldet, drei weitere selbstständige Aufklärungstraditionen: eine bürgerlich-deutsche, begründet vom Dreigespann Lessing-Mendelssohn-Nicolai, eine bürgerlich-französische, die der Hugenotten, und schließlich eine bürgerlich-jüdische, die Berlin zum Eintrittstor der Juden in die westeuropäische Bürgerkultur gemacht hat. Das alles ergibt eine höchst fruchtbare ethnische und sprachliche Mischung, aus deren Amalgamierung dann jene ungewöhnliche Bildungsgesellschaft entsteht, die das damalige Berlin auszeichnet.

Wie kommt es, dass ein Phänomen wie das damalige Berlin im Gesamtbild der deutschen Kultur eigentlich keine Rolle spielt?

Der Grund dafür liegt in der föderalen Tradition des Landes, die alles zuließ, nur keine Hauptstadt oder Metropole. Der übersensible Goethe hat das früh erkannt und seinen Landsleuten ein geistiges Zentrum mitten in der Landschaft konstruiert, mit dem alle glücklich wurden. Auch die Berliner von 1800, die gern nach Weimar fuhren und einen Goethe-Kult betrieben, wie es ihn sonst nirgendwo gab. Goethe hat es ihnen nicht entgolten. Ja, im Grunde beginnt die Leugnung des Ganzen mit ihm. Zwar hielt er sich – auch hierin übersensibel – einen Brief-Spion in Berlin, nämlich Carl-Friedrich Zelter, der ihn mehr als 30 Jahre lang treulich über die Stadt unterrichtete. Doch außer dem bekannten Wort vom „verwegenen Schlag“ sagte er wenig Anerkennendes über das Konkurrenzunternehmen.

Aber begriff denn Berlin selbst, was hier vorging?

Alles deutet darauf hin, dass man damals nicht einmal in Berlin ein Bewusstsein von sich selber hatte. Man verhielt sich wie alle Großstädter, distanziert zur Stadt, gab vor, an ihr zu leiden und träumte von Weimar, Rom oder Paris. Die Vorstellung, dass Berlin in die Reihe der nationalen Kulturmetropolen Europas aufstieg, war nicht vorhanden.

Ist diese merkwürdige Verdrängung der Berliner Klassik nur eine Frage der Wahrnehmung und des Mythos von Weimar?

Oder blieb sie unentdeckt, weil sie nicht in das Wunschbild der deutschen Kulturgeschichte passt? Wenn es zutrifft, dass die Geschichte der europäischen Modernisierung sich in den Metropolen abspielt, dann wäre der kulturelle Aufbruch Berlins um 1800 ein Anschlusssignal, eine Art Dementi des ewigen deutschen Sonderwegs. Zwar erheben die damaligen Berliner keinen Metropolenanspruch, doch realiter leben sie nach den Gesetzen der großstädtischen Zivilgesellschaft. Also ethnisch gemischt, zweisprachig, sozial flexibel, in vielen Dingen tolerant, in anderen zerstritten, fasziniert von ihren Optionsmöglichkeiten und deshalb zu ständig wechselnden und oft gewagten Lebensentwürfen tendierend.

Was wäre die Botschaft, die für uns von dieser Berliner Klassik ausgeht?

Für den Weg in ein vereintes Europa ist die Erinnerung an die liberale Berliner Bürgerkultur der Humboldtzeit kein schlechtes Visum. Berlin berief sich auf die antike griechische Stadtkultur, Weimar auf den Mythos von der griechischen Naturverbundenheit. Stadt und Landschaft – das ergänzt sich im Problemraster der Modernisierung fast ideal. Allerdings ist dieses urbane Erbe Deutschlands erst noch zu entdecken. Wenn wir das begriffen haben, sind wir dem europäischen Ziel ein Stück näher.

– Das Gespräch führte Hermann Rudolph.

Conrad Wiedemann ,

emeritierter Professor der TU Berlin, ist Gründungsmitglied der

Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. In Jena hat er die Schiller-Professur inne.

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