Berlin : Tränenpalast schließt für immer

Der geschichtsträchtige Ost-West- Grenzübergang muss wegen Bauvorhaben zum 30. September geräumt werden. Der Betreiber Marcus Herold hatte das Land Berlin vergeblich gebeten, den Tränenpalast nicht an den Bauinvestor zu verkaufen.

Berlin - Ein Schauplatz deutsch-deutscher Vereinigungsgeschichte verschwindet in seiner jetzigen Form aus dem Berliner Stadtbild. Der so genannte Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße müsse spätestens zum 30. September geräumt sein, die Mitarbeiter seien bereits zum 31. Juli gekündigt worden, sagte Betreiber Marcus Herold am Mittwoch. Das Gebäude am ehemaligen Ost-West-Tunnel-Grenzübergang wird zur Baustelle.

Das Land Berlin hatte das Grundstück im vergangenen Jahr an den Hamburger Bauinvestor Harm Müller-Spreer verkauft. Ab Oktober soll auf diesem so genannten Spreedreieck ein Geschäftshaus mit zehn Etagen errichtet werden. Nach Angaben der Senatsfinanzverwaltung wurde im Kaufvertrag jedoch festgeschrieben, dass das Gebäude als Kultur- und Veranstaltungsstandort weiter genutzt werden muss. Der Eingangsbereich soll aber abgerissen werden.

Der Kulturunternehmer Herold hatte den Tränenpalast 1991 vor dem Abriss bewahrt, als er den gläsernen Gebäudeteil als Denkmal schützen ließ. Er bat in den vergangenen Jahren das Land vergeblich, das Haus nicht an einen Bauinvestor zu verkaufen. Anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Tränenpalastes 2001 hatte der Geschäftsführer noch hoffnungsvoll geklungen: "Wir blicken optimistisch in die nächsten zehn Jahre und wollen unserem Publikum ein noch innovativeres Programm aus Musik, Kabarett und Theater bieten."

Zu DDR-Zeiten spielten sich an diesem Ort in der geteilten Stadt emotional bewegende Szenen ab. Das Gebäude diente den DDR-Zöllnern als Grenzabfertigungssaal, Ostberliner verabschiedeten hier ihre Besucher aus dem Westen oft unter Tränen.

"Ort der Grenzgänge und des Aufeinandertreffens lebendiger Kulturen"

Nach der Wende entwickelte sich das Haus als "Ort der Grenzgänge und des Aufeinandertreffens lebendiger Kulturen". Viele Künstler von nationalem und internationalem Rang begeisterten die Zuschauer. Unvergesslich bleibt wohl das legendäre Konzert von Prince im Jahr 1995, zu dem sich der Pop-Star spontan einen Tag vor der MTV-Europe-Preisverleihung am Brandenburger Tor entschieden hatte. "Die eigentliche After-Show-Party sollte im E-Werk stattfinden", erinnerte sich Herold vor ein paar Jahren, "aber dann sprach sich das Prince-Konzert herum und der Tränenpalast geriet unter Belagerungszustand."

Nina Hagen spielte hier mit Jimmy Somerville ebenso wie Robert Kreis als Interpret von Liedern der 20er/30er Jahre, Schlagerqueen Marianne Rosenberg oder Entertainer Paul Kuhn. Herolds Credo war es zugleich immer, nicht nur kommerziell erfolgversprechende Programme zu bieten, sondern vor allem auch junge Künstler zu fördern.

Und es gab ganz gewagte Ideen für den Tränenpalast: Der Intendant des Berliner Ensembles (BE), Claus Peymann, schlug einst vor, von der benachbarten Max-Reinhardt-Straße bis zur Spree ein "gewaltiges bauliches Monument der untergegangenen DDR" zu schaffen. So wollte er zusammen mit dem BE, dem "versetzten" Palast der Republik und dem Tränenpalast eine Art "Nostalgiezentrum DDR" entstehen lassen.

Nach dem Willen Berliner Historiker sollte in dem geschichtsträchtigen Haus ein Museum zu Opposition und Widerstand in der DDR eingerichtet werden. "Wir wollen sicherstellen, dass sich die Nachgeborenen in 20 oder 30 Jahren an die Zeit der kommunistischen Diktatur und der Teilung Berlins an authentischen Orten in der Stadt erinnern können", sagte einst der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität, Manfred Wilke. Auch der Direktor der Gedenkstätte für Stasiopfer in Berlin-Hohenschönhausen, Hubertus Knabe, plädierte dafür, das Gebäude der Nachwelt als historisches Zeugnis zu erhalten.

Kritik an Schließung des Tränenpalasts

CDU-Kulturexperte Uwe Lehmann-Brauns forderte den Senat auf, "das Relikt der Menschen- und Freiheitsverachtung" zu erhalten. Der Tränenpalast gehöre zu den wenigen authentischen Orten, an denen die Vergangenheit bis zum Mauerfall noch erlebbar sei. Aus diesem Grund dürfe das Schicksal des Gebäudes "nicht allein vom Wunsch und Willen des neuen Eigentümers abhängen".

Der Tränenpalast müsse "ausbaden, was der Senat verbockt hat und den Betrieb einstellen", kritisierte Grünen-Kulturexpertin Alice Ströver. Jeder "Bauspekulant" werde von der rot-roten Koalition besser behandelt als eine Kultureinrichtung, die seit 15 Jahren einen wichtigen Platz im nicht öffentlich geförderten Kulturangebot einnehme. Der Denkmalschutz des Gebäudes sei nichts mehr wert. Auch für die Durchsetzung eines neuen Mietvertrages habe der Senat gegenüber dem Eigentümer keinen Finger krumm gemacht.

Als "traurig", aber absehbar bezeichnete FDP-Kulturexpertin Sibylle Meister die Schließung der Einrichtung. Das Land Berlin habe durch sein "dilettantisches Vertragsgemurkse beim Verkauf des Spreedreiecks die Bedingungen für den Tränenpalast sehenden Auges verschärft". (tso/ddp)

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