Kultur : Berlin von außen und innen

Eine Stadt feiert sich selbst: Beobachtungen eines Heimkehrers – im Jahr 1987 /Von Heinz Ohff

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Die Berliner 750-Jahrfeier, fand eine englische Zeitung, sei sehr von „kultur“ durchdrungen. Das Wort war deutsch geschrieben. Trotzdem mochte man sich geschmeichelt fühlen. Im nächsten Jahr geht die Feierei ja weiter. Da sind wir Europas Kultur-Hauptstadt, eine Ehrung, der dieser Kommentar zu applaudieren schien.

Nur kann man leider „kultur“ nicht ohne weiteres mit Kultur übersetzen. Als deutsches Lehnwort wird es in der englischen Sprache vorwiegend ironisch angewendet. Gemeint ist eine deutsche Eigenart, mit kulturellen Leistungen zu prunken und zwar – ich übersetze frei aus einem englischen Wörterbuch, in diesem Fall dem „Collins“ – „vor allem mit Autoritätsgläubigkeit und Bierernst“.

Das ist ganz gewiss ungerecht und beruht noch auf dem Teutonen-Komplex, den uns eine unglückselige, immer noch relativ nahe Vergangenheit eingetragen hat. Es erinnert auch ein bisschen an den Ausspruch des Nazi-Dichters Hanns Johst in seinem Stück „Schlageter“: „Wenn ich das Wort Kultur höre, ziehe ich meinen Revolver.“ Der donnernde Applaus, den dieses kernige Zitat zu ernten pflegte, dröhnt jedem, der ihn gehört hat, heute noch in den Ohren.

Dabei sind wir, glaube ich sagen zu können, doch tolerant geworden. Berlin ist es sogar immer gewesen, in weit größerem Maße jedenfalls als andere deutsche Städte. Dass – scheußlich-bezeichnendes Wort – die „Reichskristallnacht“ hier ihren Ausgangspunkt nahm und die noch verhängnisvollere Wannseekonferenz in der Stadt eines Moses Mendelssohn stattfand, gehört zu jenen tragischen Aspekten, an denen gerade die 750-jährige Geschichte Berlins so überreich ist.

Wer ehrlich sein will, wird auch zugeben müssen, dass die Hauptstadt Preußens, des Deutschen Reiches, zu schweigen von der Großdeutschlands, nicht nur ein Hort der Toleranz und Liberalität, sondern auch des Gegenteils gewesen sein dürfte, so eine Hochburg des mehr oder minder fatalen Nationalismus und Antisemitismus. Was Wunder, wenn die Welt noch immer reichlich verblüfft vor einem Glockenklang reinster Toleranz steht, den sie ganz anders gewohnt war. Entweder wir haben es nicht verstanden, die Wandlung plausibel zu machen oder gute vierzig Jahre sind zu kurz, um sich ganz und gar umzugewöhnen.

Umso mehr als die gewohnte Intoleranz doch auch immer wieder durchklingt. 1933 war es Albert Bassermann, der zum Erstaunen aller Republikaner im „Schlageter“ auf der Bühne stand, zwar kein Jude, aber doch mit einer Jüdin verheiratet, Gegner der Braunen und folgerichtig wenig später emigriert. 1987 erfolgte ein ähnlicher Missklang von ähnlicher Seite kakophonisch in unser Bemühen um Kultur oder „kultur“.

Natürlich ist und bleibt es gestattet, am Skulpturenboulevard Kritik zu üben, aber im Gegensatz zum einbetonierten Trabanten klang der pauschale Rundumschlag des sonst so witzigen Ephraim Kishon doch eher wie Johsts Revolverschuss. Er trug dazu bei, dass von außen gesehen der Eindruck entstand, so viel könne sich in diesem merkwürdig unbeständigen Deutschland (West) und dieser seltsam widersätzlichen Stadt Berlin doch nicht geändert haben. Musste man tatsächlich umlernen? Kontroversen, die das Kind mit dem Bade ausschütten, gehören jedenfalls seit langem zum Deutschlandbild der Welt, mehr jedenfalls als das neue Image aus Glaube, Liebe, Hoffnung, Skepsis, Toleranz und Wohlerzogenheit. Dass die Deutschen und die Berliner „tüchtig“ sind, hat nie in Frage gestanden.

Es ist immer lehrreich und gibt viel Aufschluss, Gegenwärtiges, das einem auf den Nägeln brennt, einmal von außen zu betrachten. Die Nabelschau, die Berlin im Augenblick betreibt, hat jedenfalls nach meinen Erfahrungen im Ausland nicht überzeugt. Wer Berlin liebt, wird oft beinahe gekränkt gewesen sein ob des geringen Echos unserer gewaltigen Anstrengung. Mag man mit Hekatomben von Papier das Gegenteil beweisen, in der nicht subventionierten freien Meinungsäußerung kann man den erzielten Effekt nahe Null ansetzen.

Die meisten europäischen Hauptstädte kranken an einem zu geringen Kulturetat. Mir scheint, Berlin krankt an einem zu hohen. Wir machen zu viel und wir betreiben alles zu aufwändig. Wir versuchen, den Partner mit Kultur zu erschlagen, baff soll er sein vor unserer kulturellen Leistungsfähigkeit. Das kommt, um es modisch zu sagen, jedoch nicht überall an. Im Gegenteil: Es überdeckt viele der wirklichen kulturellen Leistungen, die im Rahmen des Stadtjubiläums immerhin weltweit Aufsehen erregt haben oder hätten erregen können, seien es die zentralen Ausstellungen wie „Berlin, Berlin“ oder „Ich und die Stadt“ (letzteres der bessere, weil weniger ichbezogene Titel), das Gastspiel des Habbimah-Theaters oder etwa die selbstkritisch-historische Oper „Goldelse“.

Mit Kultur sollte man kleckern, nicht klotzen. Sonst wird sie „kultur“.

Ähnlich aufschlussreich wie die Betrachtung Berlins und seiner Probleme von außen ist die Wiederbegegnung mit Berlin von innen. Sie wird individuell, das heißt bei jedem verschieden vonstatten gehen. Die nicht sehr erfreuliche Quintessenz stammt freilich nicht ausschließlich aus eigenen Erfahrungen, sondern aus unzähligen Gesprächen, Erfahrungen, Erlebnissen auch anderer, Heimkehrern, Daheimgebliebenen, geborenen Meckerern, die es in Berlin wahrhaftig genug gibt, sowie Lobrednern, an denen ebenfalls kein Mangel herrscht. Man mag der Stadt noch so lange verbunden sein, nach einer längeren Abwesenheit hat man einige Schwierigkeiten mit ihr. Sie hat sich verändert.

Berlin, scheint mir, ist aggressiver geworden und unfreundlicher. Das geht, wie ich meine, schon aus den Wandschmierereien hervor, die jeden, wohl oder übel, begrüßen. Relativ geistreichen Inschriften, wie sie noch vor ein paar Jahren im Schwange waren und sogar als Ausstellungstitel übernommen werden konnten („Gefühl und Härte“), fehlen nahezu völlig. Dafür wünscht, an der Lieblings-Klagemauer Jung-Berlins, den Yorck-Brücken, eine offensichtlich jugendliche Handschrift „Krebs für alle“ und „Macht die Bullen platt!“

Der Sprache des Unmenschen begegnet man überall, wie ich gestehen muss, mit einigem Entsetzen. In einem mir unbekannten Lied, das ein Sportclub, total betrunken, in der S-Bahn anstimmte, war die Rede von durchgeschnittenen Kehlen und Blut, das vom Messer spritzt. Man konnte nur inständig hoffen, dass ein dänisches Ehepaar im gleichen Waggon rein akustisch das wüste Gegröle nicht verstehen würde. Ich weiß nicht, ob die ebenfalls auffallend verstärkte Unliebenswürdigkeit der Berliner untereinander mit dem fortdauernden Selbst-an-die-BrustGeklopfe der vergangenen Monate zu tun hat. Möglich wäre es. Kein Mit-Berliner, den ich gesprochen habe, der nicht genervt wäre von „B 750“. Dabei liegt „E 88“ vor uns. Was soll da werden?

Gereiztheit, Nervosität, Krach, wohin man sieht, in den Spalten dieser Zeitung, im Bus, den Fahrkartenschaltern, Blumenständen, Kaufhauskassen. Der sprichwörtliche Witz scheint den Berlinern weitgehend abhanden gekommen, und wenn er irgendwo auftaucht – meist bei Angehörigen der älteren oder ganz alten Generation –, geht die Sonne auf. Man staunt, lacht, freut sich; ich habe es erlebt, dass bei einem freundlich-burschikosen Fahrer des 19ers der ganze Wagen in eine Art von Betriebsausflugsstimmung und geradezu außer sich geriet vor Wonne über Töne, die zumindest früher zum Berliner Alltag gehört haben.

Zugegeben: Alle großen Städte auf der Welt sind schnell, schmutzig, überhastet und, wenn man so will, auf ihre Weise inhuman. Das war Berlin auch, aber, wenn meine Erinnerung nicht täuscht, mit jenem spröden Charme, den nicht nur ich in jüngster Zeit – geschärft durch längere Abwesenheit – vermisse.

Das Wichtigste der Kultur, Grundvoraussetzung und vielleicht Sinn von Kultur überhaupt, hat gelitten, die Humanität. Berlin täte gut daran, statt Kultur auf goldenen oder silbernen Platten vor sich herzutragen, die ureigene Kultur der Mitmenschlichkeit, Gutmütigkeit und, last not least, Lebensfreude wiederzuentdecken. Der Berliner Stadtcharakter sollte sich wieder auf sich selbst besinnen, auch wenn mit ihm keine Kulturpropaganda zu machen ist. Oder vielleicht doch? Vielleicht sogar eine wirkungsvollere als jede Monsterveranstaltung.

Der (hier leicht gekürzte) Essay zur 750-Jahrfeier Berlins erschien am 19. November 1987 im Tagesspiegel.

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