Kultur : Berlin von oben und unten

KUNST

Michael Nungesser

Erst spät hat Egmont Schaefer Anerkennung gefunden – sicher nicht ungewöhnlich für einen, der mit seiner Arbeit ganz im Alltag aufgeht, keine Konzessionen macht an Kunstmoden und Politik, der das 20. Jahrhundert mit Höhen und Tiefen erlebt hat, von den Nazis kaltgestellt und von den DDR-Offiziellen eher gelitten denn geachtet wurde. Von 1965 bis 1980 betreute er die Galerie im Turm am Frankfurter Tor, in der er nun erneut ausstellt (bis zum 23. Mai). Man könnte Schaefer der „verschollenen Generation“ zurechnen – nicht als Maler, auch wenn er zuweilen Aquarell und Gouache einsetzt, sondern als Zeichner. Seit seinem Studium bei Emil Orlik begleitet ihn die Feder, mit der er seine Weltsicht in immer neuen Einfällen aufs Papier tuscht. Als „Realist der inneren Sicht“ – so Malerkollege Wolfgang Leber – widmet er sich einem einzigen Thema: Berlin. Heute schaut er aus dem Wohnhochhaus auf die Stadt, zeitlebens aber hat er sie zu Fuß durchstreift. Er kennt sie in- und auswendig. Ihr Treiben schlägt sich in graphischen Szenen nieder, die, nur gelegentlich blattfüllend, sich frei im Raum entwickeln. Gelängte Gestalten in wellig-zittrigem Strich bevölkern die Zeichnungen vom Ende der 20er Jahre. Später werden die Linien kräftiger, quirliger, sind buschig und windzerzaust. Mit geflügelten Menschen zwischen Häuserschluchten kündigt sich Phantastisches an, das über „Die unmögliche Stadt“ (1979) bis in die 90er Jahre immer wieder neue Blüten treibt. Neben typenhaften Einzelpersonen, darunter „Mein Bruder Harry“, dominieren bei Schaefer karnevalistisch-skurrile Metamorphosen. Menschen, Autos, Vögel, Käfer und Bäume wechseln die Rollen, Konturen verheddern und durchdringen sich. Das großstädtische Leben ist, auch im Kleinformat, ein Füllhorn für Beobachter wie Egmont Schaefer. Am 7. Mai feiert er seinen 95. Geburtstag.

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