• Berlin war während des Kalten Krieges ein Zentrum der Spionage und Treffpunkt der Agenten

Kultur : Berlin war während des Kalten Krieges ein Zentrum der Spionage und Treffpunkt der Agenten

Helmut Trotnow

In den fünfziger Jahren war Berlin das Dorado der Spionage. 8000 Agenten gab es hier zeitweilig. Verwunderlich ist dies nicht. In der Hauptstadt des besiegten Nazideutschland trafen die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs direkt aufeinander. Der danach beginnende Kalte Krieg offenbarte die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen den westlichen Demokratien und der kommunistischen Sowjetunion. Aus westlicher Sicht mussten die Grundwerte der Freiheit und Demokratie glaubhaft verteidigt werden. Welche Rolle haben dabei die Nachrichtendienste gespielt?

Bis zum Mauerfall 1989 konnte es darauf keine Antworten geben. Die Archive waren zu. Jetzt beginnen sich die Dinge zu wandeln. Anlässlich einer internationalen Tagung, die vom Alliierten Museum gemeinsam mit der historischen Forschungsabteilung des US-Nachrichtendienstes veranstaltet wurde, legte die CIA eine umfangreiche Quellenedition vor. "An der Front des Kalten Krieges: Dokumente zum Krieg der Nachrichtendienste in Berlin, 1946 bis 1961" heißt die wörtliche Übersetzung des Originaltitels. Noch nie vorher hat ein Nachrichtendienst sein Archiv so weit geöffnet. Die Dokumente, resümiert der leitende CIA-Historiker Gerald K. Haines im Vorwort, "liefern ein detailliertes Bild jener Aspekte des Kalten Krieges, die der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich gewesen sind". Die Auswahl der Dokumente war allerdings alles andere als einfach.

Zur Quellensammlung gehören neben "Rohinformationen" (über bestimmte Ereignisse) und Analysen für die Entscheidungsträger in der Politik vor allem die Rechenschaftsberichte, verfasst von der "Berlin Operations Base", kurz "BOB" genannt, an die Zentrale in Washington. Sie zeigen, dass die Anfänge des US-Nachrichtendienstes sehr schwierig waren. Während das sowjetische Gegenstück auf eine bis 1917 zurückreichende Vergangenheit blicken konnte, war der US-Dienst erst mit dem Kriegseintritt 1941 geschaffen worden. Bei Kriegsende wurde er wieder aufgelöst. Die Gründung der CIA erfolgte erst 1947. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich die US-Truppen bereits seit zwei Jahren in Berlin. General Clay war alles andere als begeistert über den Neuankömmling. Sprachkundige Mitarbeiter gab es zum Beispiel keine. Dennoch wollten viele Mitarbeiter in Berlin Dienst tun. Nicht wenige von ihnen machten später Karriere. Der erste Bürochef, der legendäre Allen Dulles, und auch sein Nachfolger, Richard Helms, stiegen zum Direktor der CIA auf.

Dem US-Nachrichtendienst wurde schnell klar, dass die Präsenz in Berlin trotz aller Schwierigkeiten enorme Vorteile bot. "Dem Kreml ist bewusst", heißt es 1947 in einem Bericht an Truman, "dass die Vier-Mächte-Verwaltung den USA einen idealen Standort für Aufklärungsarbeiten bietet". Zum einen gab es glänzende Abhörmöglichkeiten bis weit nach Osteuropa hinein. Zum anderen ließen sich Aktivitäten in der sowjetischen Zone von Berlin aus steuern, und die Westsektoren dienten den politischen Flüchtlingen als Zufluchtsort. Die Sowjetunion dagegen hatte keine gleichwertigen strategischen Interessen; diese richteten sich auf die amerikanischen Streitkräfte in Westeuropa.

Der Mauerbau schränkte die Freizügigkeit der westlichen Agenten ein. Auf die von deutscher Seite immer wieder gestellte Frage, was denn nun die USA über den Mauerbau gewusst haben, liefert die Dokumentation keine Antwort. Die USA und die Westmächte betrieben keine "deutsche Politik", wie manche bundesdeutschen Politiker geglaubt hatten. Die aktive Aufhebung der deutschen Teilung stand nicht auf der Tagesordnung. Das Risiko des Krieges war zu groß. Mit Blick auf den 17. Juni schreibt Steury: "Die CIA hatte nicht zur Rebellion aufgerufen und besaß daher auch keinen Handlungsplan." Ähnlich verhielt es sich beim Mauerbau 1961. Die Rechte der Westmächte wurden nicht wirklich bedroht, also bestand kein Grund zum Handeln.

Erst 1989 änderten sich die Rahmenbedingungen: Die Mauer fiel, der Kalte Krieg ging zu Ende und die deutsche Einheit kam. Die CIA mag in Einzelfällen geirrt haben. Dennoch trug sie mit ihrer Arbeit erheblich dazu bei, dass ihre politische Führung, die gleichzeitig die führende Kraft der westlichen Welt war, die Herausforderungen in Berlin weder über- noch unterschätzte.Donald P. Steury (Hrsg.): On the Front Lines of the Cold War. Documents on the Intelligence War in Berlin 1946 to 1961. Center for the Study of Intelligence, Washington 1999. 634 Seiten. Die Studie kann für 30 Mark beim Alliierten Museum, Clayallee 135, 14195 Berlin, erworben werden.

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