Kultur : Berlinale 2001: Die Bilder zur Tat

Ralph Geisenhanslüke

In der Filmkritik gilt ein ehernes Gesetz: Niemals das Ende verraten. Egal wie lausig ein Film auch sein mag, seinen Ausgang soll der Zuschauer selbst erkunden. Im Folgenden wird es nicht immer möglich sein, diese Diskretion zu wahren. "Hannibal", dem neuen Film von Ridley Scott, wurde sein Geheimnis bereits in vielen Vorberichten entrissen. Sein auf Schock kalkulierter Schluss wird der Haupt-Grund sein, über diesen Film zu sprechen.

Was passiert in der Fortsetzung von "Das Schweigen der Lämmer"? Dr. Lecter ist noch feinsinniger und blasierter geworden. Er doziert nun in Florenz über Kunstgeschichte, liest Dante im Original und schreibt parfümierte Briefe auf Bütten. Lauter Dinge, die sich Amerikaner unter guter alter Euro-Kultur vorstellen. Aber Lecter, weiterhin gespielt von Anthony Hopkins, wird gestört in seinem Elfenbeinturm: Eines seiner Opfer, das schwer entstellt überlebte, hat ein hohes Kopfgeld auf ihn ausgesetzt. Und auch die FBI-Agentin Starling, im zweiten Teil nicht mehr gespielt von Jodie Foster, sondern von einer melancholisch gestimmten Julianne Moore, nimmt wieder Witterung auf.

Rund eineinhalb Stunden schleppt sich die Geschichte bräsig dahin. Scott verwendet eine ähnliche, artifizielle Farbtemperatur wie "Gladiatior". Er schwelgt in morbid-feuchten Landschafts-Aufnahmen und zeigt auch gern, dass er am Ponte Vecchio war. Dabei serviert er schon die eine oder andere Grausamkeit, wie zum Beispiel das entstellte Gesicht des Milliardärs Verger: Gary Oldman ist unter dem formatfüllenden Narben-Patchwork allenfalls an seinem Gebiss zu erkennen. Aber das sind erst die Antipasti.

Zum Hauptgang wird Lecter einem lebenden Menschen den Schädel öffnen, etwas Hirn entnehmen, es braten, mit Zitronensaft und Trüffeln abschmecken und ihm hübsch auf einem Teller anrichten. Ridley Scott, der Action-Spezialist, zeigt die Zubereitung mit geradezu manischer Besessenheit fürs Detail. Es ist, als wolle er all die diffusen Angstzustände, die im "Schweigen der Lämmer" aus dem Ungesagten und Ungezeigten resultierten, mit einer schreienden Bildsprache potenzieren.

"Das Schweigen der Lämmer" setzte Maßstäbe. Dutzende Male wurde das Muster kopiert. Es gibt noch heute Fans - man muss sie wohl so nennen -, die sich die Zeit nehmen, Web-Seiten-weise Huldigungen auf Hannibal Lecter ins Netz zu stellen, ja sich die Mühe machen, die richtige Version von Bachs "Goldberg Variationen" dazu erklingen zu lassen. Doch in den vergangenen zehn Jahren haben digitale Möglichkeiten und das damit verbundene Reiz-Bombardement die Ekelschwelle neu definiert. Und das Publikum löffelt alles geduldig aus.

Wer soll oder möchte sich ansehen, wie Menschen eines anderen Menschen Hirn fressen? Wenn auf der Leinwand Genitalien ineinander stecken, zittern die Sittenwächter. Dieser Kannibalismus aber, in äußerster Genauigkeit gezeigt, soll salonfähig sein? Ist das nicht allein Grund genug zum Kotzen?

Der Reiz an Massenmördern besteht gewöhnlich darin, dass ihre Motive unklar bleiben. Sie erscheinen als emotionslose Wesen, die nach einem undurchschaubaren Programm funktionieren. Ein Grauen, das nicht zu begreifen ist - und schon allein deshalb ein überschaubares Verhältnis von Gut und Böse garantiert. So zu sehen in allen einschlägigen Verfilmungen solchen Stoffs. Notfalls tun es natürlich auch fiktive Killer wie Patrick Bateman in "American Psycho", dessen Autor immerhin eine klare künstlerische Intention verfolgte.

Thomas Harris, aber, der die Vorlage zu "Hannibal" schrieb, verrät nicht, was seine Figur antreibt. In seinem Roman, der wochenlang die amerikanischen Bestsellerlisten anführte, wirkt das Psycho-Geraune so angeschminkt wie die abendländische Bildung seiner Hauptfigur. Harris, nicht gerade ein Meister des geschliffenen Wortes, kann sich gar nicht satt schreiben an Einzelheiten. Besonders der Schluss, verkündete Ridley Scott schon während der Dreharbeiten, sei ihm zu hart.

Was er geändert hat? Unter anderem, dass Lecter und Starling nach dem feinen Dinner nicht auch noch übereinander herfallen - als das verkappte Liebespaar, das sie immer zu sein schienen. Denn das geht nicht: dass eine frustrierte amerikanische Gesetzeshüterin mit einem Serienkiller durchbrennt. In ein Land, in das auch Dr. Mengele flüchtete: nach Argentinien. Bei Ridley Scott bleibt die Agentin zu Hause - und dem Gesetze treu. Dafür lässt Scott noch einen kleinen Jungen von den Produkten der Lecterschen Küche kosten.

Harris hatte seinen Hannibal bereits in seinem Roman "Red Draggon" als Nebenfigur eingeführt, der unter dem Titel "Manhunter" von Michael Mann verfilmt wurde. Der soll demnächst als "Hannibal"-Prequel neu aufgelegt werden und auch ein weiteres Sequel soll kommen. Der Millionär Verger (Gary Oldman) wollte Hannibal den Schweinen zum Fraß vorwerfen. Statt dessen wird die Sau demnächst noch ein paar Mal durchs globale Dorf getrieben.

Als Luis Buñuel 1928 für seinen Film "Der andalusische Hund" das Auge einer Kuh zerschnitt, ließ er die in diesen Dingen noch unerfahrenen Zuschauer glauben, es handele sich um ein menschliches. Im Dunkel eines Kinosaals, so befand Buñuel, nehme ein kultiviertes Individuum die entsetzlichsten Themen gelassen auf, solange das Gezeigte im Einklang mit den Auffassungen der gewöhnlichen Moral und der Zensurbehören stehe.

Von Kunst kann bei Ridley Scotts Schlachteplatte keine Rede sein. Nur vom Geschäft. Der Hauptdarsteller allein wetzt das Messer für elf Millionen Dollar Gage plus Gewinnbeteiligung. Am Ende wird auch für Anthony Hopkins die Frage kommen, die er sich angeblich als Inschrift auf seinem Grabstein wünscht: "Was sollte das alles?"

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