Kultur : Berlinale 2001: Wettbewerb der Argumente

Eines kann man diesem Berlinale-Wettbewerb, dem letzten unter der Ägide von Moritz de Hadeln, ganz gewiss nicht vorwerfen: dass er lau ist. So ungewöhnlich lau gar wie diesmal das Februarwetter. Eher stürmisch wie im April treffen die Filme und die Meinungen aufeinander, zeigen sich Filmgeschmäcker in aller Schärfe - oder schärfen sich weiter oder schälen sich erst heraus. Was will man mehr als ein Programm, über das sich wunderbar streiten lässt? So gesehen, hat der scheidende Berlinale-Boss diesmal nicht zu viel versprochen. Was sich hier zumindest zur Halbzeit abzeichnet, ist ein Abschied mit Pauken und Trompeten.

Schon gut, mit selber Instrumentierung - und zwar fortissimo - war der Eröffnungsfilm durchgefallen. "Enemy at the Gates" blieb draußen vor den Toren und schweißte, selten einmütig und harmonisch, Kritik und Publikum gleich zum Start zusammen. Seitdem aber geht es rund. Die knappe Hälfte der bisher gezeigten Wettbewerbsfilme teilt Kritik wie Publikum querbeet. Fordert heraus wie selten zum Wettbewerb der Argumente. Und die sind stark und gut, auf beiden Seiten. Möge drum auch die Jury leidenschaftlich streiten und in ihrem Urteil am Sonntag etwas von dem Mut, ja Wagemut widerspiegeln, der in vielen der gezeigten Filme steckt.

Zum Beispiel "Wit": Hat Mike Nichols mit Emma Thompson, die sich als, ja, live an Krebs sterbende Frau einer schauspielerischen Tour de Force ohnegleichen aussetzt, die cineastische Welt wieder ein Stück vorangebracht - oder wirkt ihr abendfüllendes Spiel mit dem realen Tod eher zynisch? Als eines jener Kino-Experimente, bei dem uns vor unserer eigenen Lust mulmig wird, alles, aber auch alles ins Bild zu setzen? Oder Catherine Breillats "A ma soeur": Ist der Film, der jegliche Männerannäherung an die Frau als Vergewaltigung deutet, weswegen die Vergewaltigung als justiziabler Tatbestand ausgedient hat, dem Hirn einer fundamentalistischen Feministin entsprungen - oder vielmehr die Summe einer hellwach alles Zwischengeschlechtliche ausforschenden genialen Regisseurin?

Nicht weniger heftig gehen die Meinungen etwa bei dem dänischen Wettbewerbsbeitrag auseinander. Für die einen ist Lone Scherfigs "Italienisch für Anfänger" nur eine mit dem "Dogma"-Zertifikat geadelte Soap, für die anderen eine große menschliche Tragikomödie aus dem normalen Alltagsleben, die sogar die Seifenoper zurückverwandelt in gestaltete Erfahrung - und dies eben mit den noch immer zauberischen, Kraft freisetzenden Mitteln des "Dogma"-Films. Und was sagen wir zu Spike Lee? Wie lässt sich ein offenbar total humorloser schwarzer Rassist begreifen, in dessen Film man durchaus lachen kann - und dessen vitale Kreativität immer wieder erstaunt, wenn er nicht gerade auf Leitartikel-Pille ist?

Und so fort. Der argentinische Beitrag "La Ciénaga", am Festivalbeginn im Schatten von "Enemy" fast versteckt: Mancher hat diesen tief beunruhigenden, peinsam ereignisarmen, supergenau sein ländliches Menschen-Zootop beobachtenden Film als Langweiler abgehakt. Andere handeln ihn immer mehr als Geheimtip für höchste Festival-Ehren. Nur über die altertümelnden Beiträge "Chocolat" und "Malèna" lässt sich allgemein negatives und über Soderberghs "Traffic" positives Einvernehmen erzielen. Nur: Wirkt sein Drogenfilm - als Seh- und Denkerfahrung - nicht geradezu schlicht gegenüber den Sachen, die wir inzwischen genossen oder erlitten haben?

Fast hätten wir bei so viel Filmgesprächsstoff die Stars aus den Augen verloren. Manche haben vor der Berlinale, manche erst jetzt abgesagt, etwa Ridley Scott und Pierce Brosnan aus zu respektierenden familiären Gründen. Dass aber Steven Soderbergh seinen "Traffic" allein vertrat; dass Michael Winterbottom, mit "The Claim" im Wettbewerb, offenbar nur für einen Kürzestaufenthalt kommt; dass sich schon jetzt alle Aufmerksamkeit auf das verbleibende Senioren-Doppel Kirk Douglas und Sean Connery fokussiert: Das alles sind nicht die besten Zeichen. Dennoch, das Berliner Glamour-Schwächeln schert uns dies Jahr weniger als sonst. Ein glänzendes, weil kontroverses Programm als Moritz de Hadelns letzter Streich: Wer hätte das gedacht?

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