Kultur : Berlinale 2001: Wölfe, wollt ihr ewig leben?

Jan Schulz-Ojala

Sie hatten es sich so schön ausgedacht: Diese Berlinale beginnt mit einem Paukenschlag. Weltpremiere des mit 180 Millionen Mark teuersten europäischen Films aller Zeiten, doppelt so teuer wie "Asterix und Obelix"! Europa erobert Hollywood! Machtvolle Demonstration für das wieder erstandene Studio Babelsberg, das für seine Dienstleistungen über 20 Millionen Mark einnehmen konnte! Ein regionaler und globaler Triumph - und, nicht zu vergessen, ein deutscher, schließlich steckt zu 70 Prozent deutsches Geld drin! Kurz, eine "exzellente Visitenkarte", so Festivalchef Moritz de Hadeln, für den Beitrag Europas zum Weltkino! Und, nebenbei, eine exzellente Visitenkarte für die Berlinale selbst und für de Hadelns letztes Festival!

Und nun das. Diese Berlinale beginnt mit einem Schlag ins Wasser. Denn Jean-Jacques Annauds Stalingrad-Opus "Duell - Enemy at the Gates" ist, statt sich in den sehr eigenen Olymp gewaltiger (Anti-)Kriegsfilme einzureihen, zuallererst - ja, man muss es so deutlich sagen - ein grottenschlechter Film. Das Trara, das um seine Entstehung zu Recht gemacht wurde, steht in schrillem Kontrast zum Ergebnis. "Duell" ist ein überlanger, dramaturgisch schwach gearbeiteter, schauspielerisch magerer, seinen technischen Aufwand kaum widerspiegelnder Film - und in seinem Look, seiner Personenkonstellation und den Spurenelementen von Sinnhaftigkeit so etwas von steinzeitlich, dass es einen im Jahr 2001 geradezu gruselt. Man könnte, im Blick auf immerhin den Eröffnungsfilm eines Weltfestivals, Skandal schreien - wenn dieses Wort denn nicht selbst so schrecklich abgenutzt wäre. Aber eine Blamage ist diese Premiere allemal.

Wo anfangen, wenn es nicht besonders viel zu sehen, wenig zu fühlen und noch weniger zu denken gibt? Am besten bei Vorbildern, mit denen sich dieser Film messen will. "Das Boot" war die klaustrophobische Metapher jedweden Kriegs. "Die Brücke": ein Indianerspielen an der Peripherie, das in ein grausiges Kindertotenlied übergeht. "Full Metal Jacket" zeigt, wie das Militär nette Menschen in Kampfmaschinen verwandelt. "Der schmale Grat" ist die Stille vor den Schüssen: Angst, Angst, Angst. "Saving Private Ryan" treibt, zumindest in seiner ersten Viertelstunde, den Zuschauer mitten ins wörtlich zu nehmende Schlachtfeld. Schließlich Vilsmaiers "Stalingrad" von 1993: Der Film imponierte zumindest in dem Versuch einer Abbildung des Krieges, wenn es denn schon zur konzentrierten Analyse nicht reichte.

Annauds Film will von alledem etwas und hat doch von all dem nichts. Der Krieg ist ihm nur Kulisse, und wie Kulissengeschiebe sehen vor allem die Massenszenen aus. Der Bodenkampf um Stalingrad, die Luftangriffe, die Rückeroberung des Wolga-Ufers: Die Bilder schmecken, wenn sie denn nicht ohnehin ins digital Prospekthafte wegsuppen, durchgängig nach Simulation. Der Krieg: eine Katastrophenschutzübung. Wir fühlen nichts. Wir sehen kein Leiden. Wir sehen Leichen, für unsere Augen hingelegt. Das Abschlachten ist nicht abstrakt wie auf den Bildschirmen der neuesten Kriege, sondern anderweitig entrückt, ins Vorzeitige, ins Dunnemals. Irgendwann im 20. Jahrhundert lagen die Deutschen mal vor Stalingrad. Wie sie dort hingekommen waren, wird in ein paar Sekunden wie in einem Schulfunk-Clip abgehandelt: irgendeine Flut über Europa, schwarzbraun. Napoleon vor Moskau, Hannibal vor Rom, Alexander der Große in der Wüste Gobi: Irgendwie wäre das wohl dasselbe gewesen.

Weil aber jeder Film eine Geschichte erzählen muss, gibt es das Duell. Genauer: zwei Duelle. Da sind der russische Heckenschütze Vassili (Jude Law), der schon als Kind den bösen Wolf mit dem Gewehr vom guten Schimmel fernhalten wollte, und der deutsche Major König (Ed Harris): Er soll den gefährlichen Vassili ausschalten, der schon ein paar deutsche Offiziere auf dem Gewissen hat. Mann gegen Mann, das uralte Spiel. Das andere Duell führen Vassili und sein Freund und Polit-Führungsoffizier Danilov (Joseph Fiennes). Sie führen es um eine Frau (Rachel Weisz). Noch einmal Mann gegen Mann: das andere uralte Spiel. Sehr aufregend ist das nicht. Denn alle Helden jedweden Geschlechts reden, mit Verlaub, solchen Stuss, dass man sich bei dem Wunsch ertappt, im nächsten Leben lieber als T-34-Panzer wiedergeboren zu werden.

Gesprochen wird übrigens Englisch, in feinen Abstufungen. Alle Russen sprechen gut englisch. Sehr schönes Englisch sprechen das Funkmariechen Rachel Weisz und Jude Law, der im Übrigen fast zu schön ist, um als Scharfschütze wahr zu sein. Die deutschen Offiziere sprechen miteinander etwas schlechteres Englisch, mit Ausnahme von Major König, dessen Englisch so akzentfrei ist wie seine Augen blau (die Russen haben dafür goldene Zähne). Das deutsche Fußvolk - "Sauber draufhalten!" - spricht hingegen deutsch. Oder sehr schlecht englisch, durchs Megafon, wenn etwa der Russe zum Überlaufen verleitet werden soll. Russische Nebenfiguren wiederum sprechen, sofern sie weiblich sind, ordentliches Englisch: Eva Mattes als genüsslich outrierende Mutter Courage und Sophie Rois als tapfere, tragisch früh fallende Ludmilla.

Der Rest ist Musik. Kalinka für die Russen. Lili Marleen für die Deutschen. Und James Horner für alle. Wenn es denn ans Schlachten geht, am Anfang und dann erst wieder gegen Schluss (die Mitte des Films gehört überwiegend dem Stellungskrieg der beiden Scharfschützen-Helden an verschiedenen Standorten; es sind lange Szenen, die sich womöglich als militärisches Trainingsvideo recyceln lassen), kommt der "Titanic"-Komponist zum Dauereinsatz. Zu Schreien und Schüssen passt offenbar am besten eine Sauce aus arg verdünntem mittlerem Bruckner und spätem Mahler, irgendwo zwischen Oper, Oratorium und Ohrenschmalz. Nur beim Sex unter der Bettdecke schweigen Horners Waffen. Dann ertönt Geschützdonner, aber nur in der Ferne.

Wo aufhören? Erstens lernt man auch aus diesem Film etwas: Der Kommunismus ist nicht zuletzt daran gescheitert, dass der Gegensatz zwischen Reich und Arm zumindest in der Liebe nicht hat liquidiert werden können. Zweitens sieht das Happyend, rangekleistert, um den Film für den amerikanischen Markt zu retten, tatsächlich rangekleistert aus. Drittens aber gibt es ein Happyend der ökonomischen Art. Denn für den Film sind keine staatlichen Fördergelder geflossen, sondern deutsche Investoren haben ein Drittel der Gesamtsumme in einen Abschreibungs-Filmfonds gesteckt. Und so ist die Sache zumindest für sie schon mal gut ausgegangen.

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