Berlinale 2017 : Überblick über das Panorama

Rebellion in Brasilien, Frauenposer in Berlin, ein Modeopfer in China: Das Panorama lädt zu einem turbulenten Trip um den Globus. Eine Vorschau.

von
Szene aus Hu Jias Film "The Taste of Betel Nut" über eine Dreiecksbeziehung auf der Insel Hainan.
Szene aus Hu Jias Film "The Taste of Betel Nut" über eine Dreiecksbeziehung auf der Insel Hainan.Foto: Berlinale

Grenzen, Mauern, Abschottung – die Welt wird derzeit für viele Menschen kleiner. Nur im Kino bleibt die Reisefreiheit uneingeschränkt, was in diesem Jahr ganz besonders für das Panorama-Programm gilt: Aus sagenhaften 43 Ländern stammen die 51 Filme, die Wieland Speck und sein Team ausgewählt haben.

In der großen Vielfalt lassen sich einige Schwerpunkt-Regionen ausmachen. Südamerika ist mit vier brasilianischen Beiträgen stark vertreten. Darunter Daniela Thomas’ Spielfilmdebüt "Vazante", das im Jahr 1821 in einer Edelsteinmine spielt, in der Sklaven aus verschiedenen afrikanischen Ländern arbeiten. Es kommt zu einer Rebellion. Der Film eröffnet zusammen mit Tiger Girl von Jakob Lass („Love Steaks“) die Panorama Special-Sektion. Er erzählt von der Freundschaft zweier junger Frauen, die sich zufällig im sommerlichen Berlin begegnen und dann auf einen zunehmend duchgeknallten, teils comichaft inszenierten Trip geraten.

Die deutsche Hauptstadt ist auch der Schauplatz eines ebenfalls stark stilisierten Thrillers der Australierin Cate Shortland: In "Berlin Syndrome" trifft die Rucksacktouristin Claire (Teresa Palmer) auf den von Max Riemelt gespielten Lehrer Andi, der ihr die Stadt zeigt und sie mit zu sich nach Hause nimmt. Was zunächst nach einem netten One-Night-Stand aussieht, zeigt sich am nächsten Tag als gefährliche Falle: Andi hat sie absichtlich eingesperrt und schreckliche Pläne mit ihr.

Aus Europa kommen 13 Filme, darunter "Belinda", der das Dokumentarprogramm eröffnet. Über mehrere Jahre folgte die Französin Marie Dumora darin einem Mädchen aus der Volksgruppe der Jenischen, die mit ihrer Schwester zunächst im Heim aufwächst. Als sie getrennt werden sollen, hauen sie ab. Der kanadische Regisseur Sylvain L’Espérance begibt sich mit "Combat au bout de la nuit" in die griechische Krise, die hierzulande fast völlig aus dem Fokus geraten ist. Doch die Menschen leiden weiter, wie der fast fünfstündige Essayfilm eindrucksvoll zeigt, der unter anderem Protestaktionen von Putzkräften und Werftarbeitern dokumentiert, eine spendenfinanzierte Klinik vorstellt und verzweifelte Geflüchtete porträtiert.

Ein finsteres Kapitel europäischer Geschichte erforscht die US-Regisseurin Andrea Weiss in "Bones of Contention": Sie geht der Frage nach, wie es Schwulen und Lesben unter der Franco-Diktatur erging, wobei sie auch die zahllosen Massengräber in Spanien erforscht.

Berlinale 2017 - Wettbewerbsfilme
Mit "Return to Montauk" verfilmt Volker Schlöndorff zum zweiten Mal einen Stoff von Max Frisch. Der Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård) begegnet in New York der Liebe seines Lebens (Nina Hoss) wieder. Gemeinsam reisen sie ein Wochenende nach Montauk - und in die eigene Erinnerung. Ein Kammerspiel über die Liebe und die Literatur.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: © Franziska Strauss
02.02.2017 10:30Mit "Return to Montauk" verfilmt Volker Schlöndorff zum zweiten Mal einen Stoff von Max Frisch. Der Schriftsteller Max Zorn...

Queere Themen spielen im Panorama traditionell eine wichtige Rolle. Das zeigt bereits der Eröffnungsfilm des Hauptprogramms, der parallel zur Gala im Berlinale-Palast gezeigt wird: In "The Wound" erzählt John Trengove von einem 17-jährigen Schwulen aus Johannesburg, der von seinem Vater in ein abgelegenes Bergdorf geschickt wird, um dort an einem Beschneidungsritual teilzunehmen. Frauen sind ausgeschlossen, Machismo dominiert – und bald gibt es Spannungen unter den Teilnehmern.

Deutlich spaßiger wird es dagegen in "The Misandrists" des kanadischen Regie- Berserkers Bruce LaBruce zugehen. Es handelt sich um eine Art Schwesterfilm des RAF-inspirierten „Rasperry Reich“ von 2005: Unter der strengen Leitung von Big Mother (Susanne Sachsse) bereitet eine geheime feministische Terrorgruppe in einer brandenburgischen Mädchenschule die Weltrevolution inklusive Abschaffung des Patriarchats vor. Sicher ein Kandidat für den Teddy Award, den Preis für den besten queeren Film der Berlinale. Verliehen wird er am 17. Februar im Haus der Berliner Festspiele. Eine Preisträgerin steht schon fest: Regisseurin, Produzentin und Autorin Monika Treut bekommt den Special Teddy.

Ein weiterer Stopp der Panorama-Weltreise liegt in China, das mit drei Produktionen dabei ist. In eine prachtvolle Hügellandschaft, mit der sich die ständig rauchenden Menschen jedoch kaum verbunden fühlen, führt "Ghost of the Mountain" von Yang Heng. Six Tian (Tang Shenggang) kehrt nach langer Abwesenheit hierher zurück. Seine Begegnungen mit alten Bekannten werden in langen, ruhigen Einstellungen eingefangen. Auch in Ciao Ciao kehrt die Protagonistin in ihre hügelige Heimat zurück. Mit ihrem schicken Outfit wirkt sie wie ein Fremdkörper in der Landschaft. Freiheitsliebend und offen geht es dagegen an einem Surferstrand auf der Insel Hainan zu. Hier spielt Hu Jias "The Taste of Betel Nut", das von einer Dreierbeziehung zwischen zwei Männer und einer Frau erzählt. Das Liebesglück bleibt nicht lange ungetrübt. Gefühle, wie man sie überall auf der Welt nachvollziehen kann.

Video
Berlinale: "Die großen Utopien haben versagt"
Berlinale: "Die großen Utopien haben versagt"

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben