Berlinale : Am Puls der Zeit

Rap statt Rock: Das war die Musik-Berlinale, von Dakar bis Berlin-Marzahn. In den Filmen wurde gescratcht, gesampelt und gemixt.

Bodo Mrozek
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Die gute Nachricht: Er hat es nicht getan. Zwar hat Berlinale-Chef Dieter Kosslick demonstrativ seine E-Gitarre geschwenkt, aber ein Ständchen brachte er nicht dar, jedenfalls nicht öffentlich. Es war auch nicht nötig, die Botschaft, dass die diesjährige Berlinale im Zeichen der Musik steht, ließ sich kaum überhören. Unbestrittene Höhepunkte im Starrummel: eine Altherrenkapelle, die Arenen füllt, und dazu die wohl berühmteste Popsängerin der Welt.

Die Rolling Stones und Madonna: für den Celebrity-Faktor zwei Volltreffer. Die filmische Bilanz dagegen: eine gut inszenierte Dokumentation über ein Konzert der mittlerweile langweiligsten Band der Welt und ein dahingeschluderter Quatschfilm einer mit Musikvideos bekannt gewordenen Pop-Diva, die nun unnötigerweise als Regisseurin debütiert. Nein, hier triumphierte nicht die Musik über die Bilder, wie gelegentlich spekuliert wurde. Sondern der rote Teppich.

Es gab Besseres. Auch Neil Young reiste an und Patti Smith – die dann auch in die Saiten griff. Und etliche Filme boten Nahaufnahmen zum Thema Pop, wie Steven Sebrings Langzeitdokumentation über die Rock-Sängerin, die der Regisseur über ein Jahrzehnt lang begleitete. Sein intimes Porträt schmeckt nach Abschied. Wenn die Kamera über die Dinge fährt, die sich im Lauf eines Lebens angesammelt haben, betrachtet sie Zeugnisse vergangener Epochen. Erinnerungen an die Zeit, da die Literatur sich noch am Jazz und nicht am Pop orientierte, Beat ein Wort für Poesie war und ein paar Zeilen zur akustischen Gitarre ausreichten, um die Stimme gegen Lärm und Politik der Zeit zu erheben. Rückblicke, nicht ohne Wehmut. Und hat nicht auch Martin Scorseses Stones-Dokumentation beste Chancen, als allerletzter Rückblick auf die Monster-Band des 20. Jahrhunderts in die Rockgeschichte einzugehen? So klappt man die Deckel von Archivordnern zu.

Ein ganz eigener Höhepunkt war der Auftritt des philippinischen Regisseurs und Performers Khavn De La Cruz bei der Weltpremiere seines Films „The Muzzled Horse of an Engineer in Seek of a Mechanical Saddle“. De La Cruz hatte einen Flügel ins Arsenal-Kino gezwängt und spielte seinen symphonisch-psychedelischen Sphärensoundtrack mit einigen Musikern live ein. Der Film zur Musik handelt in weiten Teilen von einem Mann, der sich von weißen Pferden verfolgt glaubt, die ihn vergewaltigen wollen. Die diesbezüglichen Fantasien liefern detailreich die Untertitel. Man möge es dem Rezensenten verzeihen, dass er das Kino irgendwann fluchtartig verließ. Nichts gegen Tierliebe, aber die konsequente Wackeloptik des philippinischen Untergrundkinos kann auf den leeren Magen schlagen.

Repräsentativer zeigt sich die Popmusik da, wo es nicht um Stars geht, sondern um lebendige Praxis. So der Tenor einer Diskussion auf dem Talent Campus, die der Verbindung von Hip-Hop und Kino nachspürte. Auf dem afrikanischen Kontinent ist Hip-Hop gesellschaftlich so wichtig, dass selbst Behörden sich seiner bedienen und Gesundheitsaufklärung als rhythmisch rezitierte Texte in Rap-Form herausbringen: etwa die Aufforderung, sich die Hände zu waschen oder sich impfen zu lassen. Nur so erreichen die lebenswichtigen Informationen die im Durchschnitt sehr junge Bevölkerung und verbreiten sich quasi von selbst in Form von Musik.

Doch Populärmusik ist mehr als nur ein Propagandamedium. Im Schaffen der Senegalesin Fatoumata Kandé Senghor („True School“) etwa spielt Hip-Hop eine entscheidende Rolle. Ein Rapper, sagt die 37-Jährige mit den vielen geflochtenen Zöpfen, sei stets auch ein Intellektueller. Im Straßenrap verbinde sich Mentalität mit Reflexion – das Ergebnis einer musikalischen aber auch intellektuellen Leistung, selbst wenn sie aus dem Bauch kommt. Dass dabei nicht immer politisch korrekte Inhalte transportiert werden, beweisen die kraftvollen Arbeiten des Londoner Regisseurs Atif Ghani: Die Realität der Straße mit all ihren Härten wird ungebremst in Musik übersetzt. Prostitution, Drogenhandel und Gewalt inklusive.

Film und Musik teilen aber nicht nur Inhalte, sondern auch die Entstehungsbedingungen im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit. An Plattenspieler und Mischpult der Disc-Jockeys entstandene Techniken wie Cut, Scratch, Break, Mix oder Remix prägen längst den Rhythmus des Filmemachens. Die in Südafrika und Uganda entstandene Produktion „Divizionz“ , halb Spielfilm und halb Sozialreportage, schneidet in harten Kontrasten Szenen aus dem Alltagsleben Ugandas und Naturaufnahmen Afrikas gegeneinander. Ihre Protagonisten sind keine Schauspieler, sie sind Hip-Hop-Stars, die erstmals für eine Bildregie agieren.

Wie globalisiert mittlerweile nicht nur die Technik ist, sondern auch die Attitüde bis hin in körpersprachliche Details, das machte spätestens die Dokumentation „Love, Peace and Beatbox“ des Filmemachers Volker Meyer-Dabisch deutlich (siehe S. 30). Human Beatboxing nennt man das Nachahmen von Musik mit dem Mund. Als einziges Hilfsmittel ist ein Mikrofon erlaubt, die Artisten konkurrieren auf Battles. Der Einblick in die vitale Szene zwischen Kreuzberg und Marzahn stellte sinnfällig die Verbindung zum weltweiten Sound her, die vom „Heavy Metal in Baghdad“ bis zum Hip-Hop auf den Philippinen reicht: Pop als globale, generationen- und klassenübergreifende Sprache.

Man muss dabei gewesen sein, als im Abspann der Beatbox-Dokumentation eine Anleitung gegeben wird und hunderte Kinozuschauer in den Sound einfallen. So viel Rhythmus war selten im Kino. Nein, die Berlinale 2008 hat nicht gerockt. Aber sie hat gescratcht, gesampelt und gemixt. Wenn der Themenschwerpunkt eines gezeigt hat, dann dieses: Musik und Film sind keine Konkurrenten. Da, wo sie der Zeit den Puls fühlen, sind sie im Kern längst ein und dasselbe.

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