Berlinale-Bilanz : Hohe Kunst des Breitensports

Dreihunderttausend verkaufte Tickets, das ist Berlinale-Rekord. Trotz arktischer Temperaturen und Knochenbruchgefahr vor den Kinos, die Filmfestspiele sind Volksfestspiele. Mehr denn je liebt das Publikum seine Berlinale. Dieses Jahr kamen wenige Stars, Hollywood machte sich rar. Die Zuschauer kamen trotzdem. Das Event sind die Filme.

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Dreihunderttausend verkaufte Tickets, das ist Berlinale-Rekord. Trotz arktischer Temperaturen und Knochenbruchgefahr vor den Kinos, die Filmfestspiele sind Volksfestspiele. Mehr denn je liebt das Publikum seine Berlinale. Gibt es noch Karten, egal wofür? Hauptsache, man ist dabei. Und es war ja auch für jeden etwas dabei, elf Tage lang am Potsdamer Platz und überall in der Stadt.

Die Berlinale ist Olympia unter den internationalen Filmfestivals, mit einem Dutzend Disziplinen, dem Wettbewerb, den Sektionen für Filmkunst, Schwul-Lesbisches oder den Mainstream, mit Kinder- und Kulinarischem Kino und mit zusätzlichen Galas zum 60. Jubiläum, open air am Brandenburger Tor oder gleich um die Ecke im Kiez.

Viel zu viel, das alles stiehlt sich gegenseitig die Show, heißt es oft. Ein Vorwurf, der mit dem Hinweis auf die überfüllten Vorstellungen schnell entkräftet ist. Zumal das Erfolgsrezept sich ja nicht in Gefälligkeit oder Anbiederung an den sogenannten Massengeschmack erschöpft. Dieses Jahr kamen wenige Stars, Hollywood machte sich rar. Die Zuschauer kamen trotzdem. Das Event sind die Filme.

Nicht zufällig trägt das Festival den Namen seines Austragungsorts im Titel. In Berlin ist Kultur seit jeher Breitensport, mit drei Opern, sieben Spitzenorchestern, zig Theatern, Museen und Clubs sowie eins, zwei, drei, vielen HAUs für die Experimentierfreudigen. Hier gibt es viele Arten von Schaulust. Die Programmstruktur der Berlinale mit ihren zahlreichen Festivals unter einem Dach entspricht diesem kreativen Chaos.

Wie die Bilder sich dann doch gleichen, vor allem die Kinohelden im Zentrum des Getümmels, in den kleinen, stillen, starken Filmen mitten im lauten Event. Ein verrückter, bemerkenswerter Zufall: Die Berlinale 2010 wird als Männer-Festival in die Geschichte eingehen. Um genau zu sein: als Festival des einsamen, überforderten, bewaffneten, sich abrackernden, niedergeschlagenen Mannes. Ob in Teheran oder Texas, Wien, Rumänien oder Nordrussland, ob unter jungen Muslimen in Berlin oder sogar im Propagandafilm der Nazi-Zeit – ständig waren auf der Leinwand Männer zu sehen, die im Wald stehen und nicht weiterwissen, die unter mörderischem Druck leiden, in unwirtlicher Gegend, auf verlorenem Posten. Manche zerbrechen daran, andere schlagen wild um sich. Als Frau, mit Verlaub, nimmt man das amüsiert zur Kenntnis.

Der irritierte, in seinen Grundfesten erschütterte Mann, dazu die Familie als gefährdete Art und die vernachlässigten Kids, die sich um sich selbst kümmern und um eine Zukunft für die kleinen Geschwister: Zeichen der Krise, seismografische Ausschläge der globalen Umwälzung von Gesellschaft, von Lebensformen, Rollenverteilung und Seelenheil sind die Filme allemal. Da ändert sich etwas Entscheidendes, und was im Argen liegt, wird zum Glück nicht verdrängt. Das Weltkino befasst sich mit den wichtigen, dringlichen Themen.

Festivals sind Wahrnehmungsverstärker. Auch der Goldene Bär für den türkischen Film „Bal“. Die zarte, melancholische Vater-Sohn-Geschichte über einen Imker in den Wäldern Anatoliens, der seinem stotternden Jungen beisteht, so gut er kann – das ist die verlorene Utopie. Keine Illusion, kein naturreligiös frommer Wunsch, sondern ein Hinweis auf das, was es auch im 21. Jahrhundert zu bewahren gilt. Schon wieder ein Bär für einen leisen Film, der kaum Kinochancen hat, wie in den Vorjahren? Ja, unbedingt. Die Lauten brauchen keine Verstärker.

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