Kultur : Berlinale: Das Glück der Katastrophe

Kai Müller

Er sitzt in der dunklen Ecke einer menschenleeren Hotelbar und gestikuliert. In schwarzem Hemd, schwarzer Hose, schwarzen Turnschuhen, auch die Haare: schwarz. Der tiefrote Wandanstrich, die schwarzen Ledersessel, der schräg in die Sitzgruppen geschobene Bechstein-Flügel - man fühlt sich in die verlassene Kulisse eines Film noir versetzt. Und obwohl nicht er diesen lichtscheuen Ort ausgesucht hat, sondern seine Agenten, bekommt dieser Zufall plötzlich einen Sinn.

Er sitzt also in einem Ledersessel und platziert imaginäre Kameras im Raum - ein Crash-Kurs im kleinen Einmaleins des Kinos. "Der Dialog zwischen uns könnte von einer neutralen dritten Position aus einfach nur aufgezeichnet werden. Oder die Kamera würde uns immer abwechselnd über die Schulter blicken. Aber dann könnte man auch darauf achten, ob unsere Aufmerksamkeit noch von etwas anderem gefesselt wird." Wovon? "Von der Dame zum Beispiel, mit der ich in diesem Augenblick eine wortlose Auseinandersetzung hatte. Sie wollte unserem Gespräch zuhören und hat mich abgelenkt. Deshalb habe ich ihr mit einem unangenehmen Seitenblick zu verstehen gegeben, dass sie gehen soll. Und sehen Sie", fügt Tykwer hinzu, "um solche Momente geht es mir, in denen sich jemand verhält, wie nur er es könnte."

Tom Tykwer hat fünf Filme gedreht. In jedem ist der Zufall sein wichtigster Verbündeter. Denn nur der Zufall verhindert, dass man am Anfang schon weiß, was am Ende passieren wird. Bei Tykwer weiß man am Ende, dass der Anfang ein Glücksfall war. Selbst dann, wenn es sich um eine Katastrophe handelt. Tykwers Filmgeschöpfe werden unter die Macht des Schicksals gezwungen - und befreit. Ein Paradox. Wer an solche Fügungen glaubt, muss ein Romantiker sein.

Zuletzt hat der "Lola rennt"-Regisseur in der Toskana gedreht, dem Inbegriff einer romantischen Landschaft. Es ist sein erster "amerikanischer" Film. Aber das sieht man nicht, da "Heaven" nach einem von Krzysztof Kieslowski hinterlassenen Drehbuch entstand und ein typischer Tykwer-Stoff ist: Eine junge Englischlehrerin sprengt in Turin irrtümlich vier Menschen in die Luft, aber die Carabinieri glauben ihr nicht, dass sie eigentlich jemanden anderen hatte töten wollen - einen Geschäftsmann, an dessen Drogengeschäften ihre Schüler krepieren. "Heaven" wird morgen die 52. Berlinale eröffnen. Und vermutlich wird dann an den dicht besetzten Tischen derselben Hotelbar darüber diskutiert, wie groß der Anteil der amerikanischen Geldgeber und wie groß Tykwers Beitrag an diesem transatlantischen Gemeinschaftsprojekt gewesen ist.

King Kong als Lehrmeister

Tykwer gilt als der herausragende Filmvisionär seiner an Visionären nicht eben gesegneten Generation und liefert den überzeugenden Beweis, dass man Kinder nicht früh genug mit dem Kino vertraut machen kann. Schon als 11-Jähriger drehte der eingefleischte King-Kong- und Horror-Fan mit einer Super-8-Kamera Remakes seiner Lieblingsfilme. Mit 16 wurde er Vorführer in einem Wuppertaler Programmkino und arbeitete sich in nächtlichen Privat-Séancen durch die Filmgeschichte. Nach dem Abitur bewarb er sich bei sämtlichen Filmhochschulen, wurde jedoch überall abgewiesen ("Ich hätte mich auch abgelehnt"). Stattdessen übernahm er 1988 die Programmgestaltung des Berliner Moviemento-Kinos und war dort für so abstruse Erfindungen wie das Mitternachts-Doppel-Feature verantwortlich, mit dem er den Kreuzberger Nachtschwärmern seine eigene Kindheits-Idylle vermitteln wollte.

Es würde einen nicht wundern, wenn man dem 36-jährigen Tykwer noch heute im Moviemento begegnete. Natürlich arbeitet er dort seit Jahren nicht mehr, aber die nonchalante Lässigkeit des Kreuzberger Cine-Freaks ist ihm erhalten geblieben. So schweift das Gespräch unweigerlich zu anderen Filmemachern ab, die sich Tykwer bei der Etablierung seiner eigenen visuellen Sprache zum Vorbild genommen hat - Kaurismäki, Truffaut, von Trier. Jedem hat er das Geheimnis zu entlocken versucht. Greenaway setzte er für ein Fernsehporträt im Kempinski auf die Toilette und ließ ihn 26 in alphabetischer Reihenfolge gestellte Fragen beantworten, die Greenaways eigenes Bauprinzip aus "26 Bathrooms" aufgriff.

Heute würde er am liebsten Lars von Trier treffen. Der Däne fiel Tykwers Kino-Durst schon einmal zum Opfer, als er mit "Europa" den Schlusspunkt seiner "formalistischen Phase" erreicht hatte. "Damals betrachtete er Schauspieler als Teil einer technischen Anordnung", erzählt Tykwer. Was kann man also von ihm lernen? "Seinen Horizont auf das zu beschränken", sagt Tykwer, "was einem Subjektivität ermöglicht."

Subjektivität ist ein eigenartiges Wort für jemanden, dessen Geschichten mit der Mechanik eines Räderwerks ineinander greifen. "Ich suche stets nach einem formalen Rahmen", erläutert Tykwer, "der mir hilft, meine Ideen aus ihrer privaten Isolation herauszulösen." In "Lola rennt", einem aus drei Variationen derselben Ausgangslage zusammengesetzten Episodenfilm, hat er diesen Formalismus auf die Spitze getrieben - und seinen internationalen Durchbruch erlebt. Seither überschütten ihn amerikanische Studios mit Drehbüchern. Doch es ist die Übersetzung einer persönlichen Erfahrung in "eine universelle, jedem zugängliche Form", der sich das Berliner Produktionskollektiv "X-Filme Creative Pool" verschrieben hat. Neben Tykwer gehören ihm die Filmemacher Dani Levy ("Stille Nacht") und Wolfgang Becker ("Das Leben ist eine Baustelle"), sowie die Produzenten Maria Köpf und Stefan Arndt an. Künstlerische Freiheit bedarf eines "Bollwerks" (Tykwer), in dessen Schutz sich ein "System der sanften Widerspruchslosigkeit" herausbilden kann, wie der "Stern" Tykwers familiären Arbeitsstil beschrieb. Der Autodidakt gibt zu, dass er die Gruppe, "mit der ich in meine Filme hineingewachsen und groß geworden bin, nicht verlieren will. Ich brauche diese Leute, um verstehen zu können, was ich machen will."

Treffpunkt im Unendlichen

Wie langlebig dieses auf seine Person fixierte System sein kann, ist nicht vorauszusehen. So gestand er sich einmal nur zehn Jahre zu, in denen er seine wichtigen Filme würde machen können. Heute hofft er, dass es länger dauert. Sein Debüt mit der "Tödlichen Maria" liegt acht Jahre zurück. Noch gebe es keine Anzeichen, dass er sich wiederhole, sagt er. Überhaupt ist Zuversicht seine stärkste Charaktereigenschaft. Manche halten Tykwer deshalb für einen Mystiker. Sie werden sich von "Heaven" wahrscheinlich bestätigt fühlen. Denn wer würde einen Film über den Himmel, dieses "Urbild alles Unendlichen" (Tykwer) machen, wenn er nicht von religiöser Ehrfurcht getrieben wäre? Tykwer selbst hält sich für einen "spirituellen Atheisten". Deshalb enden seine Filme meist mit einem Himmelssturz, der die vertrakt-moralischen Schicksalswege der Protagonisten mit einer Versöhnungsgeste abfedert. So wird Maria, nachdem sie Ehemann und Vater ermordet hat und aus dem Fenster springt, von dem einzigen Menschen aufgefangen, der um ihr Unglück weiß. Auch in "Winterschläfer" (1997), Tykwers zweitem und vielleicht beeindruckendstem Film, ist der Todessturz des Skilehrers Marco zugleich ein Himmelfahrtserlebnis. Denn er schlägt, nachdem er auf Skiern über die Abbruchkante einer Bergwand hinausgeschossen ist, nie am Boden auf. Schließlich griff Tykwer das Motiv in "Der Krieger und die Kaiserin" (2000) erneut auf. Dort springen Bodo und Sissi - der Patient und seine Pflegerin - vom Dach einer Irrenanstalt. Dass sie nicht auf dem Rasen zerschmettern, sondern in einem Tümpel landen, ist eine ironische Täuschung, die man dem Film nicht glauben muss.

Es sind solche transzendentalen Pointen, die den theologischen Kern von Tykwers Filmen offenbaren. Sie sollen die Ambivalenz seiner Lebensauffassung schlichten. Denn obwohl er sich in die Gottlosigkeit hineingeworfen fühlt, kann er die Wirkung "einer fast magisch leitenden Hand" nicht verleugnen. "In meinen Filmen, in denen Menschen sehr aktiv darum kämpfen, ihr Schicksal zu wenden, aus der Ausweglosigkeit einen Ausweg zu finden, kommt ihnen schließlich etwas zu Hilfe." Und sei es auch nur der Regisseur.

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