Kultur : Berlinale: Der scheidende Forum-Chef Ulrich Gregor über seine Arbeit

Herr Gregor[als Sie 1971 das Forum gründeten]

Herr Gregor, als Sie 1971 das Forum gründeten, zeigten Sie vor allem politische Filme. Was verstehen Sie heute unter unabhängigem Kino?

Auch damals haben wir Filme nicht nach ihrer Botschaft ausgewählt, sondern nach ihrem kinematografischen Verdichtungsgrad. Was zählt, ist das ästhetische Resultat, die Virtuosität oder auch der bewusste Verzicht auf geläufige Stilmittel. Ein Film soll mich zum Staunen bringen. Und das kann er am ehesten, wenn er sich eine gewisse Unabhängigkeit vom Markt bewahrt. Meist sind das jene Filme, die aus der Notwendigkeit heraus gedreht werden, unbedingt etwas erzählen zu wollen. Solche Filme entstehen zur Zeit eher in Asien, in China, Vietnam oder Japan als in Europa oder auch in der amerikanischen Independentszene.

Dem Forum wird häufig vorgeworfen, es zeige zu viele Filme. Sollte es sein Programm nicht verschlanken, wie die exklusiveren Nebenreihen in Cannes oder Venedig?

Die Festivals in Cannes und Venedig haben ein beschränktes Suchfeld. Die würden niemals Kurzfilme von Heinz Emigholz ins Programm nehmen; auch Dokumentarfilme sind anderswo selten. Das Cannes-Konzept heißt: einzelne, hervorragende Werke zeigen. Unser Konzept besteht darin, ein Kontinuum zu entfalten und eine Dynamik zwischen den Filmen zu entwickeln. Wir leisten uns esoterische Werke mit einem hohen Schwierigkeitsgrad, mit einer Handschrift und eigenen Visionen, deren Existenzberechtigung man niemals an der Zuschauerquote festmachen darf. Und daneben zeigen wir indischen Mainstream und Kommerzfilme aus Hongkong.

Kleine Filme, die kaum eine Verleihchance haben, touren durch die Festivals und kommen so auf eine beachtliche Zuschauerzahl. Schadet der Exklusivitätsanspruch der Festivals nicht gerade diesen Filmen?

Wir lassen Ausnahmen zu, denn wir wollen nicht, dass die Filme unserem Reglement zum Opfer fallen. Aber es ist schwer, eine kohärente Linie zwischen einem eigenen Profil und übertriebenem Neuheitsanspruch zu finden. Was nützen uns lauter Uraufführungen von schlechten Filmen! Besser ein gutes Programm, von dem einige Filme schon zu sehen waren. Fachzeitschriften wie "Variety" merken natürlich, dass etwa Bela Tarrs neuer Film schon auf anderen Festivals lief. Unser Publikum stört das kaum.

Welche Existenzmöglichkeit hat das unabhängige Kino außerhalb des Festivalzirkus?

Wir müssen ständig Ereignisse produzieren, und das in immer größerer Geschwindigkeit. Wir sehen das täglich in unserem Arsenal-Kino: Wenn der Filmemacher persönlich präsent ist, dann kommen mehr Leute. Auch Reihen sind sehr gefragt, wie unsere "Geschichte des Kinos in 365 Filmen". Und wir verleihen über die "Freunde der Deutschen Kinemathek" auch etliche unserer Berlinale-Filme. So strahlt das Festival über seine Ende hinaus.



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