Berlinale : Die Liebe der Frauen

"Nie ist man schöner, als wenn dich einer anblickt, der dich liebt", sagt Liv Ullmann über den Kino-Großmeister Ingmar Bergman. Jetzt sind einige seiner Heldinnen zur Retrospektive nach Berlin gekommen. Ein Familientreffen.

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Szenen einer Ehe. Er habe „nicht viel gesagt, er hat dich bloß angesehen“, erzählt Liv Ullmann über Ingmar Bergman (Mitte), der 1966 mit ihr und Max von Sydow „Die Stunde des Wolfs“ drehte. Foto: Berlinale
Szenen einer Ehe. Er habe „nicht viel gesagt, er hat dich bloß angesehen“, erzählt Liv Ullmann über Ingmar Bergman (Mitte), der...Foto: Berlinale

Sie nennt ihn nur „das Genie“. Als sie selbst anfing Regie zu führen, habe sie das Genie gebeten, nicht zu den Dreharbeiten zu kommen, erzählt die Schauspielerin Liv Ullmann. Es habe nun mal die unangenehme Eigenschaft gehabt, alles kontrollieren zu wollen. Nur am letzten Drehtag, da sei ein Besuch gestattet gewesen. Und Ingmar Bergman, damals schon in seinen Achtzigern, habe sich gefreut wie ein Kind, habe sich am Set unter der Bettdecke versteckt, um die Schauspieler zu erschrecken. Sein Kichern, das die ganze Decke vibrieren ließ, habe ihn natürlich verraten. Doch alle haben mitgespielt. Das haben sie bei ihm immer getan.

2007 ist der schwedische Regisseur Ingmar Bergman mit 89 Jahren gestorben. Zuletzt hatte er zurückgezogen auf der Insel Farö gelebt und niemanden mehr sehen wollen. Nur telefoniert hat er noch, stundenlang, mit seinen Freunden. „Er war wohl einsam, vor allem nach dem Tod seiner Frau“, vermutet die Schauspielerin Harriet Andersson, sie hatte mit ihm 1953 den Skandalfilm „Die Zeit mit Monika“ gedreht. Auch Liv Ullmann berichtet von diesen Telefonaten, und davon, dass Bergmans Freund aus Studienzeiten, der Schauspieler Erland Josephson, ganz gekränkt gewesen war, als Bergman ihn nicht mehr hatte sehen wollen. Sie selbst, die mit Bergman fünf Jahre verheiratet war, hat sich an einem Julitag 2007 zum ersten Mal in ihrem Leben einen Privatjet gechartert. Sie hatte so ein komisches Gefühl, dass sie dringend nach Farö müsse. In der Nacht ist Ingmar Bergman gestorben.

Liv Ullmann ist noch immer eine schöne Frau, wie sie hier sitzt in der Panorama-Lounge am Potsdamer Platz, umgeben vom Trubel der Filmwelt, das breite Gesicht, die vollen Lippen, das unbändige rote Haar. Sie ist hier wegen Bergman, dessen Lebenswerk die Berlinale mit einer Retrospektive und das Filmmuseum mit einer Ausstellung ehrt. Harriet Andersson ist ebenfalls deshalb gekommen. Die Ära Bergman neigt sich unwiderruflich ihrem Ende zu, und so geht es in diesen Tagen um letzte, fragile Erinnerungen. Man spürt es, wenn man Harriet Andersson gegenübersitzt, die am Montag 79 wurde und deutlich zeigt, dass ihr Leben 60 Jahre lang von Bergman geprägt wurde. Und man spürt es bei Liv Ullmann, die selbst Filme dreht und Theaterstücke inszeniert, die heute in Florida lebt und die trotzdem unmissverständlich klarstellt: Ingmar Bergman war ihre „verwandte Seele“, wie man nur eine trifft im Leben.

Man sieht noch immer das Mädchen in ihr, das Ingmar Bergman Ende der Sechziger zu einer Ikone der neuen Frau gemacht hat. Da schieben sich zwei Bilder übereinander, wie sich in „Persona“, ihrem ersten Film mit Bergman, zwei Gesichter übereinanderschieben. Und dabei hat sie immer gern Make-up getragen, hat sich gern schön gefühlt, erzählt Liv Ullmann. Nur Bergman wollte ihr Gesicht ungeschminkt, habe ihre Eitelkeit kritisiert. Als sie in „Schreie und Flüstern“ lange in den Spiegel blickt, eine Frau, die sich an ihrer Schönheit berauscht, wusste Liv Ullmann: „Diese Szene ist nicht für die Filmfigur Maria geschrieben, sondern für mich, für Liv.“

Trotzdem geht es gerade jetzt wieder nicht um sie. Sondern um ihn, Ingmar. Sein Leben, die Frauen, die Filme. Was macht die ungebrochene Faszination von Bergmans Werk aus, das bei der Berlinale die Besucher scharenweise in die Kinos treibt? Dass hier ein Regisseur am Werk war, der nie unterschieden hat zwischen Leben und Film. Der in elliptischen Schleifen auf seine Lebensthemen zurückgekommen ist, Einsamkeit, Kindheit, Glaube. Die Auseinandersetzung mit Gott, dem Alter und dem Tod. Und immer wieder die Liebe. Frauen, die stark und schwach sein können, selbstständig und abhängig. Jung und wild und frei, so wie Monika, Harriet Anderssons erste Rolle, die sich das Recht zur Liebe nimmt und dann in der Enge der Beziehung scheitert.

Ewige Schönheit. Harriet Andersson 1953. Foto: Berlinale
Ewige Schönheit. Harriet Andersson 1953.Foto: Berlinale

Harriet Andersson wird etwas ärgerlich, wenn man eine Spur zu stark betont, wie viel sie Bergman verdanke. Da sei keine Abhängigkeit gewesen und sie nicht das Geschöpf des Regisseurs. „Er hat gegeben, wir haben gegeben“, betont sie. Liv Ullmann sagt, Bergman habe die Schauspieler spüren lassen, dass der Film von ihnen lebt und nur von ihnen. Nicht umsonst habe er am Ende, als er gefragt wurde, ob er das Drehen nicht vermisse, gesagt, nein, er vermisse gar nichts. Nur die Schauspieler, die vermisse er.

Immer wieder hat er mit denselben Schauspielern gedreht, über Jahrzehnte hinweg, eine Arbeitsfamilie, in der die Grenzen verschwammen. Die Schauspielerinnen, die er so großartig in Szene setzte, hat er geliebt, und den Frauen, die er liebte, großartige Rollen geschrieben. „Niemals ist man so schön, als wenn dich einer anblickt, der dich liebt“, sagt Liv Ullmann im Rückblick. „Und Ingmar Bergman konnte wunderbar blicken, er hat gar nicht viel gesagt, er hat dich nur angesehen.“ Vielleicht ist das das Rezept, nach dem Bergman so unvergessliche Frauenrollen schuf.

Gab es gar keine Rivalität zwischen den Frauen? Nicht beim Dreh von „Persona“, als Bergman sich in die damals 25-jährige Liv Ullmann verliebt? Deren Freundin Bibi Andersson, die in „Persona“ ihren Gegenpart spielt, war zuvor mit ihm zusammen. Im Film schiebt der Regisseur die Gesichter der beiden Frauen übereinander. Ein Kino der Liebe: Davon erzählt auch „Die Zeit mit Monika“. Eigentlich hatte Bergman den Dreh abbrechen wollen, er fand Harriet Andersson ungeeignet, doch dann verlängert er plötzlich die Drehzeit auf der Insel. „Es war etwas passiert“, sagt Andersson und schmunzelt. Bergman war verheiratet, hatte ein kleines Kind, sie selbst war verlobt, es war 1953, einfach war das nicht. Sie höre noch immer das Quietschen der Kinderwagenräder, wenn Bergmans Frau Gun zu Besuch kam, erzählt Harriet Andersson. „Er dachte wohl, das hält nicht lang mit uns, und danach kehrt er zu Gun zurück, und sie sagt: Herzlich Willkommen. Doch das tat sie nicht.“ Da kichert Harriet Andersson schadenfroh.

In den Erinnerungen Liv Ullmanns und Harriet Anderssons sind beide lebenslustige junge Frauen, die ihren Spaß hatten am Set, auch wenn sie am nächsten Tag eine schwierige Szene drehen mussten wie jene in „Schreie und Flüstern“, in der Andersson als krebskranke Agnes stirbt. Noch heute bewundert sie Andersson dafür, wie sie diese Szene gespielt hat, sagt Liv Ullmann und meint: nach dieser Party.

Manchmal sei es Ingmar Bergman zu viel geworden, da habe er seine Schauspieler im Zimmer einschließen wollen. Bei aller Nähe am Set sei Bergman immer ein bisschen auf Distanz geblieben, fügt Liv Ullmann hinzu: „Er ist wie der Junge in der Klasse, der immer am Rand steht und so gern dazugehören möchte.“ Deshalb habe er auch so gern im Mittelpunkt gestanden.

Zu den sich schließenden Lebenskreisen im Bergman-Universum gehört auch, dass nun Isabella Rossellini in Berlin im Publikum sitzt und hört, wie Liv Ullmann von Ingrid Bergman, der Mutter Isabellas, erzählt und von den Dreharbeiten zu „Herbstsonate“. Es war ein schwieriger Dreh, Ingrid Bergman, der Hollywoodstar, damals schon krebskrank, habe bei den Proben immerzu Fragen gestellt, warum sage ich das, was soll der Satz bedeuten, muss das sein? Ingmar Bergman habe das überhaupt nicht ertragen. Liv Ullmann spielte Ingrid Bergmans Tochter. Nach einem langen, zornigen Monolog, in dem sie ihrer Mutter vorwirft, sie ihr ganzes Leben lang vernachlässigt zu haben, hätte Ingrid Bergman laut Drehbuch den Satz sagen sollen: „Bitte vergib mir. Bitte liebe mich.“ Doch die Bergman hat sich geweigert, so einen Satz sage sie nicht, lieber würde sie der selbstmitleidigen Tochter eine Ohrfeige geben. Auch Ingrid Bergman hat ihre Tochter Isabella für einen neuen Mann zurückgelassen.

Damals habe es einen Riesenstreit gegeben, erzählt Liv Ullmann, Ingmar Bergman habe sich am Ende durchgesetzt, und Ingrid habe diesen Satz dann gesagt, doch in ihrem Gesicht sei aller Zorn, alle Wut zu lesen gewesen, man habe alle Frauen darin gesehen, die gezwungen worden seien, solche Sätze zu sagen. Liv Ullmann bewundert Ingrid Bergman, sie war auf ihrer Seite damals. Sie hat ihre Tochter Linn allein aufgezogen.

Liv Ullmann heute. Foto: picture-alliance / IBL Schweden
Liv Ullmann heute.Foto: picture-alliance / IBL Schweden

Bergman, der abwesende Vater, der Geliebte, der sich dem gemeinsamen Leben entzieht: Das ist ein Dauerthema. Im Berliner Filmmuseum sind hinreißende Fotografien zu sehen, wie er 1972 mit seiner kleinen Tochter Linn während der Dreharbeiten zu „Schreie und Flüstern“ herumtollt. Doch als Vater sei er nie greifbar gewesen, kritisiert Liv Ullmann. Ihre Tochter Linn, die heute zu den wichtigsten Schriftstellerinnen Skandinaviens gehört, hat es dem Vater offenbar nicht nachgetragen. Sie hat ihm in ihrem Roman „Ein gesegnetes Kind“ ein anrührendes Denkmal gesetzt, ihm und den langen Sommertagen auf Farö, das im Roman Hammersö heißt, wie Hammars, das Haus von Ingmar Bergman auf Farö. Es war auch Linn Ullmann, die sich nach dem Tod Bergmans dafür eingesetzt hatte, dass Hammarsauf Farö erhalten bleibt. Am Ende hat der norwegische Finanzier Hans Gude Gudesen das Geld dafür gegeben, dass auf Farö ein Bergmanzentrum entsteht. Linn Ullmann hatte ein Jahr lang für die Insel gekämpft. „Das ist besser als jedes Buch, das sie geschrieben hat“, lobt ihre Mutter. Wieder war es eine Bergmanfrau, die einen Kreis schloss.

Auf solche Kreise stößt man bei Ingmar Bergman oft. In „Treulos“, der Film, den Liv Ullmann nach einem Drehbuch von Ingmar Bergman gedreht hat, sitzt ein alternder Schriftsteller namens Bergman am Schreibtisch, alles ist exakt dem echten Schreibtisch auf Farö nachgestaltet, bis hin zu den Notizbüchern. Der Schriftsteller steht auf, blickt aus dem Fenster und sieht einen alten Mann langsam über den steinigen Strand von Farö laufen. Der alte Mann, das ist er selbst. Bergman habe die Szene zuerst nicht gewollt, erzählt Ullmann. Erst später sei er gekommen und habe gesagt: „Die Szene ist doch ganz gut, nimm sie wieder rein.“

Liv Ullmann behält ein anderes Bild von Bergman im Kopf. „Sarabande“, Bergmans letzter Film von 2003, war abgedreht, Marianne und Joseph, das Paar aus dem Skandalfilm „Szenen einer Ehe“, war 30 Jahre später noch einmal aufeinandergetroffen. Nach dem letzten Drehtag habe es eigentlich ein großes Fest in Stockholm geben sollen, erzählt Liv Ullmann, doch dann habe Bergman plötzlich in der Tür gestanden, im Gegenlicht, habe kurz mit der Hand gewunken, tschüss tschüss, dann war er weg, zurück nach Farö. Sie wussten alle, es war der Abschied.

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