Kultur : Berlinale, die sechste

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Harald Martenstein über den Tod, das geheime Leitmotiv dieser Berlinale

Zuerst war ich im SpikeLee-Film. Darin kommt eine Schulklasse vor. Ein Schüler schreibt einen Aufsatz über den Tod seiner Großmutter. Er kriegt eine Eins dafür. Eine Mitschülerin beschwert sich beim Lehrer: „Seine Oma ist ihm doch scheißegal. Er hat nur deshalb über ihren Tod geschrieben, weil ein Aufsatz über den Tod deiner Oma in der Schule eine todsichere Eins ist. Und Sie Blödmann fallen drauf rein!“ Dann traf ich den Kollegen aus Hamburg. Er sagte: „Was ist denn zur Zeit los in Berlin? Ich war jetzt hintereinander in drei Filmen, und in jedem Film ging es um den Tod.“ Ich hätte jetzt sagen müssen: „Die Regisseure wollen halt alle eine Eins kriegen.“ Aber das hätte der Kollege nicht verstanden. Und es ist mir sowieso in dem Moment nicht eingefallen. Dann war ich in der Kantine. Eine Kollegin sagte, sie habe mit Hellmuth Karasek gesprochen. Hellmuth Karasek sage, dass in diesem Jahre die Berlinale-Partys irgendwie anders seien … exzessiver … wilder … bedingungsloser. „Es ist vielleicht der Tanz auf dem Vulkan“, meinte die Kollegin. „Wegen des Irak-Krieges.“ Ob ich der These mal nachgehen könne. Ich hätte jetzt sagen müssen: „Es ist nicht wegen des Irak-Krieges. Es ist wegen der Filme. Wenn Du den ganzen Tag Filme über den Tod kuckst, bist Du abends automatisch auf Lebenslust progammiert. Du musst dir dann am Abend die Kante geben. Das ist psychologisch bewiesen.“ Es ist mir leider schon wieder nicht eingefallen.

Dieter Kosslick ist kein morbider Typ. Er ist nur clever. Statt das Festival wieder in den Sommer zu legen, was kompliziert wäre, zeigt er Sterbefilme. In gewisser Weise sorgt sogar das für gute Laune. Und dann, nach so vielen Sterbefilmen, gab es gestern einen echten Todesfall auf der Berlinale.

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