Berlinale-Direktor Kosslick : "Kino gibt's nur im Kino"

Am 10. Februar beginnt die Berlinale. Festivalchef Dieter Kosslick spricht mit dem Tagesspiegel über Filmfeste im Download-Zeitalter, die Filmwelt nach der Krise und den kürzlich verstorbenen Bernd Eichinger.

Herr Kosslick, Filme verraten etwas über die Befindlichkeit der Welt. Welches sind ihre aktuellen Sorgen und Sehnsüchte?

Zunächst dachten wir, das Hauptthema wird diesmal die Frage, wie sozial eigentlich das „social network“ ist. Wie kommunizieren und begegnen wir einander in Zeiten von Facebook und Smartphone? Viele Filme thematisieren das, wir zeigen auch den von Ridley Scott produzierten, Youtube-generierten Film „Life in a Day“. Künstlerisch besonders gewagt ist Miranda Julys Wettbewerbsfilm „The Future“, in dem die Protagonistin ständig mit zwei Notebooks hantiert oder wie man das nennt, ich hab ja bis heute keins …

Ein Festivalchef ohne Computer, ist das Ihr Ernst?

Das heißt ja nicht, dass ich keine Informationen aus dem Netz bekomme. Meine Mitarbeiter sind natürlich online. Aber zurück zum Programm. Wir haben festgestellt, dass es eine Vielzahl von Themen gibt, es ist ein disparates, also vielseitiges Programm. Im Acion-Thriller „Unknown“, in Berlin gedreht, kracht es derart, dass man sich Sorgen um die Friedrichstraße macht. Und im koreanischen Wettbewerbsfilm „Kommt Regen, kommt Sonnenschein“ gibt es die komplette Stille. Die Familie ist als Sujet natürlich wieder dabei: Wie funktional oder dysfunktional ist sie, was stimmt in der Keimzelle der menschlichen Gemeinschaft nicht? Bisher war sie Zufluchtsort vor der Globalisierung, jetzt geht es eher darum, ob sie als Modell überhaupt noch taugt. Wir haben Newcomer und archaisches, fast religiöses Kino von Bela Tarr, es gibt alte Stoffe, neu erzählt, etwa in „El Premio“ über die argentinische Militärdiktatur.

Taucht die Finanzkrise noch auf?

Den ultimativen Krisenfilm gibt es gleich am zweiten Festivaltag: In „Margin Call“ spielt ein großartiger Kevin Spacey den CEO einer Investmentbank, in der Nacht vor dem Crash. Die Nacht davor ist immer interessant. Aber sonst ist die Krise verschwunden – eigentlich seltsam.

Nur 16 Wettbewerbsfilme, und der Eröffnungsfilm, „True Grit“ von den Coens ist keine Weltpremiere, er läuft längst in Amerika. Miranda Julys Film lief schon in Sundance, das verbat sich die Berlinale bisher.

Es waren 17 Filme, einer ist weggefallen. Wir haben das Programm im Berlinale-Palast bewusst kompakter gestaltet, erstmals zeigen wir als Abschlussfilm den Gewinner des Goldenen Bären. Ein Wettbewerb mit 16 bis18 Filmen erlaubt Jury und Kritikern zudem eine intensivere Auseinandersetzung mit den einzelnen Filmen. Cannes zeigt regelmäßig maximal 18 Wettbewerbsfilme. Und bitte nicht das historische Gedächtnis ausschalten: Amerikanische Weltpremieren waren auf der Berlinale schon immer die Ausnahme, das hat mit den Oscars zu tun. Aber wir hatten schon welche, etwa Scorseses „Shutter Island“ im letzten Jahr.

Es gibt immer mehr Festivals, neu sind Abu Dhabi, Dubai oder Doha, sie sind teils mit viel Geld zusammengekauft. Und immer mehr Filme kommen immer schneller ins Kino. Welche Folgen hat dieser überhitzte Markt für die Berlinale?

Die vielen Festivals machen unsere Arbeit nicht einfacher, aber keine Sorge, es gibt weltweit noch genügend interessante Filme für die drei Großen, Cannes, Venedig und Berlin. Die Umlaufgeschwindigkeit ist in der Tat extrem schnell geworden, manchmal kommt man in Berlin vor lauter Gala-Premieren kaum nach. Vor zehn Jahren konnte man im Oktober einen Film sehen, ihn im November einladen, und im Februar kamen die Stars. Heute wartet keiner mehr monatelang.

Vielleicht brauchen die Filme die Festivals ja nicht mehr so dringend.

Ich habe noch keinen Regisseur erlebt, der sich nicht freut, wenn wir ihn einladen!
Der große Oscar-Favorit „The King’s Speech“ startet während des Festivals. Sie zeigen ihn auch. Machen Sie aus der Not eine Tugend?

Keinesfalls! „The King’s Speech“ ist ein toller Film. Und Colin Firth kommt, versprochen!

Filme sind mobil geworden, sie kommen zum Zuschauer nach Hause, begleiten ihn auf dem Smartphone oder iPad. Wie verändert das die Funktion eines Festivals?

Ohne Kino gibt’s kein Kino – um es mit dem schwäbischen Dativ zu sagen. Wir bringen die Filme zum Zuschauer, indem wir sie durch die Stadt fahren und in Charlottenburg, Weißensee oder Friedrichshagen downloaden. Unsere Kiezkinos hatten 2010 riesigen Zuspruch, wenn es wieder so ist, wird das ein fester Bestandteil der Berlinale. Eine andere Methode: unsere Zielgruppenprogramme. Wir wollen die Leute über ihre Interessen wieder ans Kino heranführen, wie etwa im „ Kulinarischen Kino“: Zurzeit reden alle über Gift im Essen, wir tun das seit fünf Jahren. Und raten Sie mal, warum ich neuerdings so gerne verrate, dass ich Yoga mache! Da bahnt sich was an.

Sie zeigen fünf Filme des im Iran verurteilten Regisseurs Jafar Panahi, auch seinen Fußballfilm „Offside“, der 2006 einen Silbernen Bären gewann. Das Festival hat ihn in die Jury eingeladen, trotz Reiseverbot. Aber ist man nicht ohnmächtig gegenüber den Willkürakten eines Unrechtsregimes?

Es ist uns eine Selbstverständlichkeit, gegen seine Verurteilung zu protestieren. Wenigstens können wir dazu beitragen, dass das Unrecht, das Panahi und anderen geschieht, wie zum Beispiel seinem Kollegen Rasoulof, nicht in Vergessenheit gerät. Der iranische Kulturminister wird ja mit der Äußerung zitiert, er fände das Urteil etwas hart, das lässt hoffen. Auch Cannes hat sich letztes Jahr für ihn stark gemacht, da sind wir einmal keine Konkurrenten. Auf der Berlinale werde ich Hand in Hand mit Thierry Fremaux, dem Festivalchef von Cannes, für Panahi eintreten. Im übrigen zeigen wir einige hervorragende iranische Filme; in den Wettbewerb kommt Asghar Farhadi, der 2009 für „About Elly“ einen Regie-Bären bekam.

Am 24. Januar starb überraschend der Produzent Bernd Eichinger. Sie zeigen nun seine Regiearbeit „Das Mädchen Rosemarie“, mit der diesjährigen Jurorin Nina Hoss. Wie haben Sie Eichinger erlebt?

Er war energisch, nie wehleidig, hatte keinerlei Dünkel. Das machte ihn beliebt, obwohl in Deutschland ja nach wie vor der Unterschied zwischen Kunst und Kommerz gilt, zwischen E und U. Eichinger war eindeutig EU, das ganz große EU. „Der Name der Rose“ ist ja eigentlich eine Geschichte über die Zensur, den Papst und die Monopolisierung der Informationsgesellschaft. Und was machte Eichinger? Ein großes Mittelalterspektakel, bei dem man nebenbei begriff, dass es nicht in Ordnung ist, Bücher zu verbrennen.

Was macht Ihnen kurz vor Festivalbeginn noch schlaflose Nächte?

Wie wird das Wetter? Und bleibt es dabei, dass niemand absagt, der schon zugesagt hat? Gerne schlaflos bin ich, wenn ich daran denke, dass Jeff Bridges, der Dude, 13 Jahre nach „The Big Lebowski“ wieder zur Berlinale kommt. Und dass ich den großartigen Harry Belafonte in den Friedrichstadtpalast begleiten darf.

– Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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