Berlinale : Dokumentarfilme: Mahn mal

Verstreut zwischen den "Specials" und der Fülle des "Panoramas" hat sich bei dieser Jubiläums-Berlinale wieder ein Stück jener Erinnerungskultur kristallisiert, deren Lektion heißen soll: Die Vergangenheit ist nie vorbei. Dokus auf den Spuren der Nazi-Vergangenheit.

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Und tatsächlich sind selbst im Bereich der so gründlich erforschten Geschichte der NS-Zeit, der Schoa und der Nachwirkungen des Hitler-Kriegs noch Entdeckungen zu machen. So lange die letzten Zeugen leben.

So hat die aus Polen stammende Berliner Doku-Filmerin Ilona Ziok beispielsweise einen der Richter des Frankfurter Auschwitz-Prozesses und Kollegen des legendären Hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer interviewt für ihr Porträt Fritz Bauer – Tod auf Raten. Bauer war als zurückgekehrter jüdischer Emigrant einer der wenigen prominenten Juristen Nachkriegsdeutschlands, die sich von Anfang an vehement für die Verfolgung von NS-Verbrechen eingesetzt haben. Bauer initiierte nicht nur den Auschwitz-Prozess von 1963. Man erfährt in Zioks Film auch nochmal, wie er den israelischen Geheimdienst auf Adolf Eichmanns Spur in Argentinien setzte und das geheim halten musste, damit Eichmann nicht aus deutschen Behördenkreisen gewarnt wurde.

Einzig Hessens damaliger Ministerpräsident Zinn war von Bauer eingeweiht worden. Diese Sonderrolle Bauers rechtfertigt allerdings noch nicht den im Film gestreuten Verdacht, dass Bauers Tod 1968 in Frankfurt – in der Badewanne, im Alter von 65 Jahren – kein natürlicher war. Trotzdem bleibt erstaunlich, dass es keine Autopsie gab; und beschämend wirkt die Mitteilung, Bauer habe nicht einmal das für höchste Beamte sonst übliche Bundesverdienstkreuz erhalten.

Neben der israelischen Doku A Film Unfinished über die von den Nazis im Warschauer Ghetto 1942 gedrehten und in ihrer Fürchterlichkeit teilweise inszenierten Aufnahmen (Tsp. 15. 2.) erscheint vor allem Sandra Schulbergs Nuremberg: Its Lesson for Today bemerkenswert. Es ist die restaurierte, noch nie gezeigte amerikanische Fassung von Stuart Schulbergs (Sandras Vater) 1946-48 produziertem 80-Minuten-Film über NS-Deutschland, den deutschen Angriffskrieg und den Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess gegen Göring & Co. Damals kam nur eine deutsche Version (und eine russische) in unsere Kinos. Interessant wirkt jetzt, wie die Amerikaner versuchten, die deutschen Zuschauer sowohl als mögliche Täter wie auch als Mitläufer-Opfer und Betrogene der Nazi-Propaganda pädagogisch anzusprechen. Freilich gibt es inzwischen weit bessere Dokumentationen des Nürnberger Prozesses. Und manches wurde 1948 ausgeblendet: der Streit mit den Russen um die Einbeziehung der von Stalin zu verantwortenden Opfer von Katyn. Oder die Tatsache, dass Leni Riefenstahl bei den Filmarbeiten mithalf und der Schöpfer der jetzt mitrestaurierten Filmmusik, Hans-Otto Borgmann, zuvor immerhin die Hymne der Hitler-Jugend komponiert hatte. 

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