Berlinale : Eine Frau, die sich selber fremd wird

Männerwelt, Frauenleben, ich spiele nicht nach euern Regeln. Laura Bispuris Debüt „Vergine giurata“ hegt interessante Absichten ohne ganz zu überzeugen.

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Eine Albanierin in Mailand. Alba Rohrwacher als Hana/Mark. Foto: Berlinale
Eine Albanierin in Mailand. Alba Rohrwacher als Hana/Mark. Foto: Berlinale

Sie dürfen nicht rauchen, nicht trinken, nicht reiten, nicht schießen. Sie dürfen keine Männer angucken und sich schon gar nicht den Ehemann aussuchen. Sie halten bitte den Mund, wenn der Mann redet. Und sie dürfen nicht einmal denken, dass er unrecht haben könnte.

„Vergine giurata“ (Die Erzjungfrau) von der 37-jährigen Italienierin Laura Bispuri, die dritte Produktion einer Regisseurin im Wettbewerb, eine Fabel über Frauen im Mittelalter? Nein, ein Film über Hana (Alba Rohrwacher, als Kind: Drenica Selimaj). Das Waisenmädchen wächst bei bettelarmen Leuten in den nordalbanischen Bergen auf, in einer unwirtlichen, verschneiten Gegend, in der noch der Kanun gilt, ein uraltes patriarchalisches Rechtssystem. Die Frau ist ein Sack, der zum Tragen bestimmt ist, heißt es darin. In der Tat schleppen die Frauen aus dem Dorf schwere Lasten und Hana wird beinahe gelyncht, als sie Männerdinge tut. Bis sie selber zum Mann wird, im Kreis der Männer ewige Jungfrauenschaft schwört und sich das Haar abschneiden lässt. Das immerhin erlaubt der Kanun.

Das Schweigen einer Fremden

Hana heißt jetzt Mark. Nach dem Tod der Eltern verlässt er das Dorf und reist zu seiner Schwester Lila, die sich dem Kanun ebenfalls nicht gebeugt hat, sie lebt jetzt mit Mann und Tochter in Mailand. Eine Frau, die keine Frau sein darf, wird aus archaischen Zeiten in die Gegenwart katapultiert. Laura Bispuri zeigt diese Gegenwart aus Hanas Sicht. Dessous in den Schaufenstern. Kichernde Glamourgirls in der Mall (schrecklich absichtsvolle Szene).

Tätowierte, muskulöse, feminine, behaarte, dicke, unendlich verschiedene Körper im Hallenbad, wo die Nichte für den Synchronschwimmwettbewerb trainiert und der Bademeister (Lars Eidinger) die rot-weißen Schwimmleinen löst, um sie am anderen Ende des Beckens auf den Rollwagen zu wickeln, in einer langen, intensiven Einstellung, von der man sich mehr wünschte – Hana sieht all das und verstummt. „Vergine giurata“ ist ein Film über das Schweigen einer Fremden, über ihren befremdeten Blick auf die heutige Welt, die der Film immer wieder in Plansequenzen mit meist statischer Kamera einfängt und mit Jumpcuts bei den Rückblenden in die Berge.

Ich spiele nicht nach euern Regeln

Eine Frau, die sich selber fremd wird in ihrer Haut. Hana will wissen, was Sex ist, und holt dem Bademeister einen runter (schon wieder eine Inszenierung, in der Lars Eidinger seinen Schwanz rausholt). Sie probiert den ersten BH, erste italienische Wörter, die Verstörung lässt nach. Irgendwann sagt sie: Wir sind freier, als wir glauben. Wir müssen nicht jemand Bestimmtes sein. Ach ja.

Ich spiele nicht nach euern Regeln. Frauen, die sich nicht wohlfühlen in ihrer Haut, die den für sie vorgesehenen Platz verlassen, sich verweigern und neu erfinden, gab es auch in den beiden anderen Wettbewerbsfilmen von Regisseurinnen – mehr oder weniger gelungen. Isabel Coixets Eröffnungsbeitrag „Nobody Wants the Night“ mit Juliette Binoche als Nordpol-Abenteurerin aus Washington krankt am rassistischen Bild der edlen Inuit-Wilden, die der verwöhnten Amerikanerin Humanität nahebringt.

Dann lieber „Body“ von Mamgorzata Szumowska aus Polen: Auf den Tod der Mutter reagiert die Tochter des Untersuchungsrichters mit Bulimie. Sie kotzt sich ihr Unglück aus dem Leib, um bei den Therapiestunden in der Klinik allerdings eine Stärke an den Tag zu legen, eine unvermittelte und umwerfende Lebenswut, die auch den Vater aus seiner Lethargie reißt.

Das Problem von „Vergine giurata“ heißt Alba Rohrwacher. Das Markenzeichen der Schauspielerin ist ihr Madonnengesicht, ihre Fragilität. Keine Sekunde glaubt man dieser zarten Frau, dass sie jahrelang harte Männerarbeit verrichtete und auch nur ein einziger Mailänder sie für einen Mann halten könnte. Bispuris Film hegt interessante Absichten, aber man tut der Regiedebütantin keinen Gefallen damit, sie aufs exponierte Wettbewerbspodest zu heben. Wer bin ich? Wer seid ihr? Wen seht ihr in mir? Es wird Zeit, dass die Frauen hinter der Kamera auch mal andere Fragen stellen.

13.2., 12 Uhr und 21 Uhr (Friedrichstadtpalast), 19 Uhr (Haus der Berliner Festspiele)

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