Berlinale-Forum : Auf der anderen Seite

Verschiedene Dokumentationen wie "Be like others" berichten in Forum und Panorama vom internationalen Widerstand gegen sexuelle Unterdrückung.

Frank Noack
Be Like Others
Operation oder Tod: Iranische Homosexuelle in "Be like others". -Foto: Berlinale

Natürlich ist es zu begrüßen, wenn Lesben und Schwule aus westlichen Industrienationen sich für die Rechte jener engagieren, die für gleichgeschlechtliche Liebe eingesperrt, gehängt oder gesteinigt werden. Manchmal trägt dieses Engagement allerdings herablassende, latent imperialistische Züge, etwa wenn westliche Normen für universal erklärt werden, nach dem Motto: Bei uns wird das so gemacht, und Ihr macht das am besten auch so. Vier Dokumentarfilme zeigen, dass Schwule und Lesben aus repressiven Kulturen durchaus ohne westliche Hilfe Überlebensstrategien entwickeln.

Das aufwendigste Projekt legt der Inder Parvez Sharma vor: „A Jihad for Love“ (Panorama) beschreibt das Verhältnis von Homosexualität und Islam in zwölf Ländern, darunter Südafrika und Frankreich. Zu den Interviewpartnern gehören homophobe Gelehrte, die mit erstaunlicher Sachlichkeit ihre Positionen erläutern. Ein Schlüsseltext ist dabei die Geschichte von Sodom und Gomorrha. Wie ein schwuler Aktivist betont, verurteilt der Koran nicht die Liebe zwischen Mann und Mann, sondern nur eine von den Sodomiten (!) durchgeführte schwule Vergewaltigung. Mit dem Sufismus wird schließlich eine Form des Islam vorgestellt, die sexuelle Abweichungen ermutigt hat. Pakistan war einmal ein Schwulenparadies; erst von den britischen Kolonialherren wurden strengere Sitten eingeführt. Heute 12 Uhr (Cinestar 7), 10.2., 15.30 Uhr (Colosseum 1).

Ähnlich differenziert ist das Bild, das Döndü Kilic in „Das andere Istanbul“ (Panorama) zeichnet. Ihr Hauptansprechpartner, der Aktivist Mehmet, hat während seiner elf Monate Gefängnis Schreckliches durchgemacht. Sein Gespräch mit einem niederländischen Schwulenaktivisten muss abgebrochen werden, da Mehmet mit dessen salopp-frechem Auftreten nicht klarkommt. Für Europäer, die sich mühelos von der katholischen oder evangelischen Kirche losgesagt haben, ist es offenbar schwierig, für die enge Bindung an den Islam Verständnis aufzubringen. Interessant ist die Erkenntnis, dass Türken auf der Suche nach schnellem Sex kaum Probleme bekommen. Geächtet werden Männer nur, wenn sie sich emotional näher kommen. Heute 20 Uhr (Cinestar 7), 10. 2., 14.30 Uhr (Cinestar 7), 11. 2., 15.30 Uhr (Colosseum 1).

Therapie statt Strafe – diese vergleichsweise humane, auch in Europa jahrzehntelang übliche Behandlung von Schwulen und Lesben geht ausgerechnet auf die Initiative von Ayatollah Khomeini zurück. Allerdings besteht die Therapie in einer Geschlechtsumwandlung. Die Filmemacherin Tanaz Eshaghian begleitet in „Be Like Others“ (Forum) Männer und Frauen zur Sprechstunde, in den OP und auf dem Weg in ihr neues Leben. Es verblüfft der Gegensatz von hochmoderner medizinischer Ausstattung und rückständiger Sexualmoral. Noch mehr erstaunt der Humor des Arztes, der voller Stolz verkündet, die von ihm umoperierten Männer wären am Ende die besseren Frauen. Transsexuell ist keiner der Patienten. Sie alle lassen sich operieren, um der Todesstrafe zu entgehen. Die Maßnahme endet für die zur Frau operierten Männer oft auf dem Strich. Kinder können sie keine bekommen – das macht sie zu begehrten Sexualpartnerinnen. Heute 22 Uhr (Arsenal), 11. 2., 13 Uhr (Cubix 7), 12. 2., 15.30 Uhr (Cinestar 8).

In Russland wurde der Schwulenparagraph 121 unter Boris Jelzin abgeschafft. Die Gewalt gegen Schwule und Lesben geht vom Volk aus und die Polizei sieht zu. Die Diskriminierung erfolgt hier nicht im Namen einer Kirche – was ihre Bekämpfung so schwierig macht. Die allgegenwärtige Gewalt ist auch nicht primär homophob: Wie eine lesbische Aktivistin in Jochen Hicks Dokumentation „East/West – Sex & Politics“ (Panorama) betont, geht die Polizei generell brutal gegen regierungskritische Demonstranten vor, nicht speziell gegen schwul-lesbische Gruppen. Es kommt sogar eine ältere Moskauerin zu Wort, die Schwule mag und Ausländer hasst. Hick bietet ein vielfältiges Bild, das keine Gruppe gegen die andere ausspielt. 11. 2., 20 Uhr (Cinestar 7), 12. 2., 14.30 Uhr (Cinestar 7), 15. 2., 15.30 Uhr (Colosseum 1)

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