Berlinale Forum Expanded : Wenn Panzer zu sehr schnurren

Forum Expanded zeigt Film- und Medienkunst mit politischen Themen und ist damit die experimentierfreudigste Sektion der Berlinale. Das Thema lautet: „Traversing the Phantasm“.

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Die amerikanische Künstlerin Jen Liu
Alles hat ein Ende. Die amerikanische Künstlerin Jen Liu in fleischlichem Ambiente.Foto: Jen Liu

Erst werden alle Teile eines Gehirns entnommen, dann gewaschen und anschließend sorgsam wieder eingesetzt. Nationenbildung als chirurgischer Eingriff. So zeigt es die indische Künstlerin Pushpamala N. Nur zwei Minuten dauert ihr Video im Forum Expanded, jener immer bedeutender werdenden Berlinale-Reihe, die zeigt, wie bildende Künstler das Medium einsetzen. Ein Film wie ein Zaubertrick, und natürlich ist es nur ein Plastikgehirn, das die Frauengestalt im Sari auf der Leinwand seziert. Doch die Metapher ist stark genug, um all die unmenschlichen Praktiken ins Gedächtnis zu rufen, die Regierungen einsetzen, wenn sie einen modernen Staat aufbauen wollen, von der Anthropologie bis zur Eugenik.

49 Beiträge zeigt das Forum Expanded, Europa-Premieren allesamt. Es ist die experimentierfreudigste Sektion der Berlinale mit Werken, die oft nicht fürs Kino, sondern für den Ausstellungsraum entstanden sind, von der komplexen Videoinstallation bis zur performativen Arbeit. In diesem Jahr läuft vieles auf großen Bildschirmen. Gut ein Dutzend Arbeiten sind in einer Ausstellung in den Hallen der Akademie der Künste zu sehen, eine weitere Installation im Kulturquartier Silent Green. Außerdem werden 32 Filme unterschiedlicher Länge in Kinosälen gezeigt, was nicht heißt, dass diese per se konventioneller sind.

Das gemeinsame Thema, das die Kuratoren in diesem Jahr für all die unterschiedlichen Werke gefunden haben, lautet „Traversing the Phantasm“ – das Phantasma durchqueren. Meist geht es um Fantasiegebilde im politischen Raum, die sich mit realen, subjektiven Erlebnissen kreuzen. Viele Filme kommen aus dem arabischen Raum, andere beleuchten geopolitische Verwerfungen in China und Taiwan.

Berlinale 2016 - Der Wettbewerb
24 WochenDas zweite Kind der Kabarettistin Astrid und ihres Mannes und Managers Markus wird, wie das Paar erfährt, nicht gesund zur Welt kommen. Zwischen anfänglichem Optimismus und wachsenden Sorgen erkennt Astrid, dass sie allein eine aller Leben betreffende Entscheidung treffen muss. Vor drei Jahren hatte die in Erfurt geborene Anne Zohra Berrached mit „Zwei Mütter“ ihr Debüt auf der Berlinale, mit ihrem Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg stellt sie nun den einzigen deutschen Beitrag im Wettbewerb. D, 102 Min., R: Anne Zohra Berrached, D: Julia Jentsch, Bjarne Mädel, Johanna Gastdorf, Maria DragusWeitere Bilder anzeigen
1 von 23Foto: dpa
02.02.2016 15:1124 WochenDas zweite Kind der Kabarettistin Astrid und ihres Mannes und Managers Markus wird, wie das Paar erfährt, nicht gesund...

Ein Phantasma ist eine Fiktion, ein Trugbild, das durchaus nicht der Realität entspricht, aber hilft, die Realität zu ertragen. Im Sinne der Psychoanalyse Jacques Lacans spiegelt sich im Phantasma der verdrängte Wunsch nach Absolutheit und Kontrolle. Das Forum Expanded adressiert Phantasmen unterschiedlicher Natur: Nationalstaaten, Gesetze, Geschlechternormen – und ankert immer an realen Orten. Sandra Schäfer untersucht die Erinnerungskultur am Berg Mleeta im Südlibanon, James T. Hong entert die Weltpolitik in einem Autoexperiment, er versucht eine gesperrte Inselgruppe zwischen China, Taiwan und Japan zu betreten. Auch Waffen sind ein wichtiges Thema.

Eine Fiktion, die Realität erst sichtbar macht

In einer Installation von Natascha Sadr Haghighian ist der Kampfpanzer „Pssst Leopard 2A7+“, ein Exportschlager der deutschen Rüstungsindustrie, nicht etwa zu sehen. Die Künstlerin bietet eine entmilitarisierte Version des Fahrzeugs. Sie hat eine Plattform in den Ausmaßen des Leopard-Panzers gebaut, die mit Legoplatten im Camouflagemuster bedeckt ist. In das Modell sind 60 Soundstationen eingelassen. Da gibt es Aufnahmen von Treffen zwischen Angela Merkel und dem Emir von Katar (ein Land, das 200 Leopards bestellt hat). Auch Geräusche aus dem Inneren des Leopards sind zu hören, und man vermag nicht zu sagen, ob hier ein Kriegsgerät schnurrt oder eine Raubkatze. Die Tiermetapher ist nur eine der Nebelkerzen um den Leopard, die Haghighian demaskiert. Ihre Soundinstallation löst beim Betrachter einen Film aus, der nur im Kopf abläuft. Damit strapaziert die Künstlerin nicht nur die Grenzen des Genres, sie illustriert auch das Wesen des Phantasmas: eine Fiktion, die Realität erst sichtbar macht – und doch Kopfgeburt bleibt.

Der Berliner Künstler Andreas Bunte dokumentiert in seinem Film „Safe Disassembly“ die Arbeit in einer Fabrik vor den Toren Berlins. Er zeigt Arbeiter, die an Werkbänken stehen, Maschinen surren, zylindrische Formen werden gefräst und geschliffen. Was aussieht wie ein Montageprozess, ist in Wahrheit Fließbandarbeit mit umgekehrten Vorzeichen. Hier, wo zu DDR-Zeiten Fernlenkgeschosse gewartet wurden, werden Streubomben in ihre Einzelteile zerlegt. Seit 2010 sind die grausamen Waffen verboten. Demilitarisierung sorgt für Arbeit im strukturschwachen Brandenburg.

Noch absurder ist die Arbeitswelt in dem Film der amerikanischen Künstlerin Jen Liu. Dort geht es um eine rosafarbene Wurstfabrik. Jen Liu bezieht sich wie etliche Künstler des Forum Expanded auf Material aus der Sammlung des Arsenal. Auch in Filmarchiven liegen Phantasmen begraben, die durchpflügt werden wollen.

Bis 22.2., Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, tägl. 11–21 Uhr, auch Silent Green, Botschaft von Kanada und im Kino

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