Berlinale-Forum : Jubiläum ohne Kompromisse

Wilde Jahre: Das Forum der Berlinale feiert 40. Geburtstag – mit einer Filmreihe im Arsenal-Kino.

Helmut Merker

Cannes, 19. Mai 1968: Filmemacher stürmen die Bühne im Galasaal, hängen sich an den Kinovorhang und erzwingen den Abbruch des Festivals.

Venedig, 7. September 1968: Alexander Kluges Films „Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos“ gewinnt den Goldenen Löwen und gibt den entscheidenden Anstoß zur Änderung der Festival-Statuten, die noch aus faschistischer Zeit stammen.

Zwei Tage eines bewegten Sommers. Wer den 68ern heute ihr totales Scheitern nachweisen will, sollte sich jene Bilder anschauen: kein Weltenumsturz, aber immerhin eine Kulturrevolution.

In Cannes sind die handelnden Personen Jean-Luc Godard, François Truffaut, Claude Lelouch, in Italien handelt erst einmal keiner, sondern man blendet sich zehn Jahre lang aus, in Deutschland passiert zunächst auch nichts, aber dann geht es richtig los.

Berlin, 1. Juli 1970, die Berlinale endet mit dem Wortspiel: „k. o. für die Berliner Filmfestspiele durch ,o. k.’“. Der kritische Vietnam-Film „o. k.“ hat den Unwillen des Jury-Präsidenten George Stevens erregt, die Auseinandersetzungen führen zum Abbruch des Festivals. Und zu Erkenntnissen: Die alte Berlinale ist überholt, das Schnulzenkartell der Filmindustrie hat ausgedient, das wahre Festival findet woanders statt, nämlich im Flohkino Arsenal. Damit hat die Stunde für Erika und Ulrich Gregor geschlagen.

27. Juni 1971: Die Berlinale ist gerettet, und die 1963 gegründeten „Freunde der Deutschen Kinemathek“ veranstalten das erste „Internationale Forum des Jungen Films“. Eine Konkurrenzreihe, eine Herausforderung an den Wettbewerb. Heute, 39 Jahre später, macht man nicht mehr neben- oder gar gegeneinander Programm, aus der anfänglichen Konkurrenz ist eine erfolgreiche Kombination geworden. Und weil man einst im Sommer begonnen hat, wird nun von 1. bis 15. Juli Jubiläum gefeiert: „Vier Jahrzehnte Forum“, mit Symposium und Filmreihe.

Von Anfang an ging es um eine „Auswahl ohne Kompromisse“: um filmische Zeugnisse sozialer und politischer Entwicklungen, Geschichten aus der „Dritten Welt“, um neue Formen und Experimente, um den jungen deutschen Film, das Autorenkino und historische Wiederentdeckungen. Schon die Beiträge des allerersten Forums sind verheißungsvolles Programm. Für eine neue Zeit: „L’Age d’or“ (Luis Buñuel, Frankreich 1930). Für Freiheit und Demokratie: „Voto mas Fusil“ („Stimmzettel und Gewehr“, Helvio Soto, Chile). Für die Filmgeschichte: „Gishiki“ („Die Zeremonie“, Nagisa Oshima, Japan). Für neue Ästhetik: „Othon – Die Augen wollen sich nicht zu jeder Zeit schließen oder Vielleicht eines Tages wird Rom sich erlauben seinerseits zu wählen“ (Jean-Marie Straub, Danièle Huillet, BRD/Italien). Gezeigt wird auch „W. R. – Die Mysterien des Organismus“ von Dusan Makavejev, der im Jahr zuvor die Machenschaften der Jury gegen den Film „o. k.“ an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Fortan kann sich keiner mehr eine Zensur erlauben, bloß einmal noch steht Ulrich Gregor mit einem Bein im Gefängnis, als ein Berliner Staatsanwalt 1976 die Kopie des Films „Im Reich der Sinne“ von Nagisa Oshima beschlagnahmt.

Und was in der langen Liste der Forumsfilme hat einen seitdem am meisten bewegt, inspiriert oder aufgeregt? Ist Claude Lanzmans „Shoah“ über die Vernichtung des europäischen Judentums das wichtigste Werk und Jacques Rivettes wilde Improvisation „Out 1“ das schönste? Ist Peter Watkins’ Diskurs über Krieg und Frieden „The Journey“ verstörender als Béla Tarrs Apokalypse „Sátántangó“? All diese Filme wirken schon durch ihre Länge (8–14 Stunden) verändernd auf das Bewusstsein ein; auch „La Signature“ des belgischen Regisseurs Marcel Broodthaers kommt trotzdem nicht zu kurz – auch wenn er nur eine Sekunde lang ist.

Generationen von Zuschauern begegnen zum ersten Mal den Werken von Jean Eustache oder Wong Kar-Wai, Apichatpong Weerasethakul, Ulrike Ottinger, den sowjetischen Klassikern und den italienischen Neorealisten. Und es müssen nicht immer die großen Namen sein, die alle Normen sprengenden Werke, oft beschert einem ein kleiner unscheinbarer Film wie „Die versiegelte Erde“ (1976) von Marva Nabili den Schock einer neuen Sicht mit seinen 33 nahezu bewegungslosen Bildern von der Einsamkeit eines Mädchens in einem ärmlichen Dorf im Iran. Und wenn Jean-Luc Godard zufolge „Film Wahrheit 24-mal in der Sekunde ist“, zeigt eine andere Entdeckung das wahre Alltagsleben in China mittels 23 Einstellungen („Niu pi“/„Oxhide“, 2005). In der Heimat legte man der jungen Regisseurin Liu Jiayin nahe, den Beruf zu wechseln, nach dem großen Erfolg beim Forum lief ihr zweiter Film in Cannes.

Die Forums-Philosophie: Einerseits will man weltweit den einzelnen besonderen Film entdecken und auch noch dem sperrigsten Werk den Weg ins Kino, zum Publikum erleichtern. Andererseits will man den Dialog zwischen Filmemachern und Filmfans herstellen, den Austausch zwischen den Generationen erleichtern, Bezüge quer durch die Filmgeschichte deutlich machen. Hinter dem Starrummel des Wettbewerbs braucht man sich mit Gangsterfilmen von Johnnie To oder dem „Bollywood“-Kino nicht zu verstecken. Die Berlinale insgesamt – mit dem vierten Direktor in 60 Jahren – und das Forum – mit dem zweiten Leiter in 40 Jahren – weisen eine Kontinuität auf, wie sie sonst bloß noch (aber weniger erfreulich) im Amt nordkoreanischer Diktatoren und im Trainerjob von Manchester United anzutreffen sind.

Der Generationswechsel von „den Gregors“ zu Christoph Terhechte verlief bruchlos und schwungvoll, mit einer Mannschaft, die in schöner Balance aus Leidenschaft und Wissenschaft ihre Arbeit verrichtet und das Forums-Prinzip in der Jubiläumswoche unter dem Motto „Dialoge mit Filmen“ fortsetzt.

Eine repräsentative Auswahl von einem Dutzend aus rund 2300 Forums-Filmen ist sowieso unmöglich; daher hat man Regisseure, die dem Forum verbunden sind, eingeladen, einen Film vorzustellen, der ihre eigene Arbeit geprägt hat. So können die „Kuratoren“ (unter ihnen Sabu, Aditya Assarat, Angela Schanelec) mit ihren „Auserwählten“ (Chantal Akerman, David Gordon Green, Helke Sander) diskutieren. Die Filmreihe beginnt mit „Dust in the Wind“ des wichtigsten Vertreters der taiwanesischen Nouvelle Vague Hou Hsiao-Hsien und endet mit „Tulitikkutehtaan tyttö“ („Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“) von Aki Kaurismäki sowie „Der zynische Körper“ von Heinz Emigholz.

Zur Podiumsdiskussion am Sonntag (12 Uhr) über „Die Bedeutung der Festivalarbeit für das unabhängige Filmschaffen“ treffen sich Ulrich Gregor und Christoph Terhechte unter anderem mit dem bekanntesten Regisseur des unabhängigen chinesischen Kinos Jia Zhangke und mit Jasmila Zbanic, die mit ihrem bosnischen Kriegsdrama „Grbavica“ 2006 den Goldenen Bären in Berlin gewann.

Infos: www.arsenal-berlin.de

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