Berlinale : Insekten zu Pornostars

Forum Expanded erforscht auf der Berlinale die Grenzen zwischen Film und Kunst.

Christiane Meixner
Green Porno
Isabella Rossellini in "Green Porno". -Foto: Promo

Ein griechischer Sommer. So heiß, dass man ihn auch im Arsenal noch spüren kann, wo das Video „Rodakis“ von Olaf Nicolai läuft. Die Kamera tastet eine Ruine ab, parallel dazu erfährt man einiges über den Dorfbewohner Alexis Rodakis: Der baut sich auf der Insel Aegina erst ein eigenwilliges Haus und wird allmählich zum Sonderling, bevor er verschwindet. Zurück bleibt jenes steinerne, verfallende Monument, das Architekten wie Corbusier als Ikone des 19. Jahrhunderts gilt.

Erst im Abspann erfährt man, dass die Geschichte frei erfunden ist. Poesie, die sich zwölf Minuten allein aus dem Visuellen speist und vom Zuschauer ohne Zögern geglaubt wird. Besser lässt sich die Macht der Bilder kaum darstellen, weshalb „Rodakis“ perfekt ins „Forum expanded“ passt, die Reihe, mit der die Berlinale nun zum dritten Mal das Verhältnis von bildender Kurzfilmkunst und filmischer Ästhetik ausloten will.

Vier Programmblöcke stehen im Zentrum, darum gruppieren sich Videoinstallationen in der Kanadischen Botschaft und der jungen Wilde Gallery (Chausseestr. 7). Das Foyer im Arsenal teilen sich Künstler wie die Gruppe Cheap mit ihrer schon erprobten Bar „Gossip Studio“ und Jörg Hommer, der für seinen „Spaziergang am Rand der Demokratie“ den ganzen temporären G-8-Gipfel-Zaun in Heiligendamm mit der Kamera abgeschritten ist. Etwas mehr Abwechslung verspricht die Arbeit „Green Porn“ von Ex-Schauspielerin Isabella Rossellini, die aus Insekten Pornostars macht, denen man per Lupe bei der Arbeit zusehen kann.

Im Kinosaal schwingt derweil eine Großmutter für den Filmpionier G. A. Smith Nadel und Faden (1900), während in „Said Death to Passion“ (2007) von Jeanne Faust und Jörn Zehe ein struppiger Sänger von den mysteriösen Gedichten Emily Dickinsons nicht mehr loskommt. Als Scharnier der Zeitschere fungieren Videos wie das von Marie Losier: „Tony Conrad, Dreaminimalist“ zeichnet ein schräges Porträt jenes Künstlers, der in den sechziger Jahren selbst Avantgarde war und sich nun standhaft weigert, ein netter Opa zu sein. Stattdessen hopst er in rosa Hosen auf dem Sofa herum.

Junge US-Künstler auf den Spuren alternder Pioniere – solche Beiträge sind absolut sehenswert, weil sie die Wurzeln ihres Genres reflektieren und dabei Neues schaffen. Anderes wirkt einfach lähmend, weil es wie in „Creamy Krimi“ (Isabelle Prim) ein filmisches Prinzip überstrapaziert oder seinem Vorbild zu sehr huldigt. Bestes Beispiel dafür ist „Vertigo Rush“: Wie auf der Schaukel zoomt Johann Lurf den Zuschauer eine gefühlte Ewigkeit vor und zurück und allmählich aus dem Kinosaal heraus. Warum nur muss Avantgarde manchmal so grausam anstrengend sein?

Filmhaus, Atrium, täglich 12-24 Uhr. Programm 1: heute 17.30 Uhr (Arsenal 1), 13.2., 16.30 Uhr (Arsenal 2), Programm 2: 10.2., 15 Uhr (Arsenal 1), 14.2., 16 Uhr (Arsenal 2), Expanded Mix: 13.2., 14 Uhr (Cinemaxx 6)

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