Berlinale-Interview : "Wir erleben einen Generationswechsel der Filmemacher"

Alfred Holighaus ist einer, der deutsche Filme liebt. Als langjähriger Leiter der Berlinale Sektion "Perspektive Deutsches Kino", spricht er im Interview über das Talent junger Filmemacher und stellt klar: "Da ist kein Platz für Trittbrettfahrer".

Alfred Holighaus
Der Leiter der Perspektive Deutsches Kino - Alfred Holighaus. -Foto: promo

Wie ist es um das Biotop deutscher Film bestellt?



Es gibt eine Nachhaltigkeit in dem, was deutsches Kino ausmacht. Ich kann bei meiner Arbeit aus dem Vollen schöpfen. Und nur weil es diese Qualität in der Arbeit der Filmemacher gibt, kann eine Reihe wie die "Perspektive" bestehen. Der wesentliche Unterschied zu den Jahren vorher ist, dass es längst nicht mehr nur punktuell funktioniert junge deutsche Filme zu zeigen, sondern dass es eine Kontinuität an guten Filmen gibt.

Die deutschen Filmemacher haben die Fähigkeit entdeckt und erlernt, das Medium Film mit interessanten Inhalten zu füllen. Dafür besteht ein größeres Bewusstsein als früher. Das ist, kurz gefasst, die wichtigste Erfahrung der letzten zehn Jahre. Deshalb gibt es Jahr um Jahr die "Perspektive".

Ihre Tätigkeit bei der Berlinale ist eine der spannendsten und für das deutsche Kino relevantesten.

Festivalleiter Dieter Kosslick gab den Impuls, an den deutschen Film zu glauben, als es die Filmemacher selbst noch nicht taten. Für mich war Film immer mein Thema als Journalist, deshalb hat er mich gefragt, ob ich mich darum kümmern möchte. Und dann tauchten da Filme auf wie Andreas Dresens "Halbe Treppe“, später auch "Baader“, Filmemacher wie Tom Tykwer - das war der Beweis, dass unsere Idee trägt und das es weiter geht. Es muss weiter gehen, darum ging es - das war ein wichtiges Statement. Meine Aufgabe war folgende: Kümmer dich um die Deutschen. Dafür brauchten wir einen Focus - so wurde die Perspektive geboren, deren Kurator ich bin.

Freuen Sie sich, erste Schritte junger Filmemacher beobachten zu können?

Seit sieben Jahren prägen Talente, Ideen und Handschriften der jungen Filmemacher diese Reihe. Aber hier laufen nicht nur Abschlussfilme. Wir zeigen auch Quereinsteiger, wie Franka Potentes Regie-Debut „Der die Tollkirsche ausgräbt“. Sogar den Film eines Türstehers, der aus Leidenschaft Filme macht, haben wir schon gezeigt.

Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen? Schauen Sie täglich neue Filme, fliegen um die Welt zu Festivals und bilden sich so Ihre Meinung?

Der rote Faden, der mich übers Jahr führt, sind zum einen die Termine an den Filmhochschulen. Zudem halte ich mit Filmemachern und Studenten über das ganze Jahr Kontakt. Wir sprechen darüber, woran sie gerade arbeiten. So erfahre ich von Projekten, zum Beispiel der Entstehung des Films "Der freie Wille“. Und wir tauschen uns natürlich im Team aus.

Außerdem pendle ich in einem Radius zwischen München, Saarbrücken und Hof, um Filme auf den deutschen Festivals zu sehen und hole mir Inspiration auf internationalen Festivals. Das heißt: Ich schaue, wie die jungen Filmemacher über den Tellerrand hinaus, auch wenn ich mich zwischen Bergen und Städten bewege. Außerdem bin ich im Gremium der Filmförderung ehrenamtlich tätig. Da lese ich zwischen 120 und 150 Drehbücher im Jahr - das verschafft mir einen exzellenten Überblick. Ich weiß, was kommt.

Werden Sie einmal ein Buch - sagen wir mit dem Titel "Meine Perspektive“  - schreiben? Das ist doch ein unglaublicher Fundus an Wissen, den Sie da anhäufen!


Stimmt, vielleicht sollte ich darüber mal nachdenken! Die Berlinale verfolge ich als Journalist seit 1979 - und habe keine einzige verpasst. Seit 2001 leite ich die Perspektive als Kurator. Ich wusste anfangs gar nicht, wie das geht, ein Programm zusammenstellen. Inzwischen ist die Perspektive eine tragende Säule unseres Programms geworden.

"Wer nichts mehr hat, kann alles geben“ - der Wunsch, Schauspieler, Autor oder Regisseur zu werden, kann die Existenz bedrohen. Warum werden geistreiche Tätigkeiten wie diese oft so wenig honoriert?

Bei der Existenzfrage trennt sich die Spreu vom Weizen. Da ist kein Platz für Trittbrettfahrer. Da greift der extreme Unterschied von Beruf und Berufung. Und der audiovisuelle Bereich ist da noch freundlich. Mit Werbefilmen und Videoclips kann man seine Brötchen verdienen. Man kann statt fürs Kino Filme fürs Fernsehen machen. Aber es besteht auch  die Gefahr, dass man dann aus dem Kinometier rausfliegt. Bestenfalls macht aus der Not eine Tugend - wie der Regisseur Dominik Graf, der einfach die besten Fernsehspiele dreht, dessen Stoffe aber auch im Kino funktionieren. Aber natürlich gibt es auch Regisseure, die Taxifahren.

Wie können junge Filmemacher Projekte realisieren? Selbst wenn sie mit einer einmaligen Zahlung von Fernsehgeldern ausgestattet sind, haben sie oft TV-Redakteure im Nacken, die Drehbücher aufgrund von Änderungswünschen über Monate blockieren - Arbeitszeit, für die kein zusätzliches Geld fließt.

Es gibt einige TV-Redaktionen, die regelmäßig mit jungen Talenten arbeiten. Beim "Kleinen Fernsehspiel“ des ZDF haben die TV-Redakteure zwar viel Mitspracherecht, sind aber im Unterschied zum freien Markt oft Verbündete der Filmemacher. Ähnlich ist dies auch beim BR oder NDR. Auch private Sender versuchen junge Talente für sich zu gewinnen, weil sie noch formbar sind.

Warum haben die Verantwortlichen bei den Sendern schon in der Drehbuchentwicklung das Herz in der Hose anstatt neue Sehgewohnheiten zu etablieren?

Wir erleben einen Generationswechsel der Filmemacher. Die sagen heute: Wir wissen, wie es geht, wir arbeiten an Themen, die sich uns aufdrängen, die sich der Gesellschaft aufdrängen - das kulminiert in einer bewundernswerten Professionalität. Das ist das Besondere, das Wichtige - sonst könnten wir uns den Aufriss mit dem Kino sparen. Die jungen Filmemacher sind der Garant dafür, dass Kino nicht zum Museum der Dinge verkommt. Daran werden sich auch die Geldgeber gewöhnen müssen.

"Der Film geht dorthin, wo es weh tut“  -  haben Sie einmal gesagt. Was ist in diesem Jahr markant für die Perspektive?

Der Eröffnungsfilm der Perspektive "1. Mai das Ende vom Lied“, war einer der ersten Filme, die ich gesehen habe. Und er hat mir sehr gut gefallen. Den Regisseuren ist es gelungen, dieses Datum, das in Berlin einem Mythos gleicht, mit Witz zu erzählen. Die Regisseure kommen nicht alle aus einer Generation. Da sind absolut talentierte Leute dabei, wie das Regieduo Ludwig & Glaser. Drei Filme ergeben bei diesem Projekt einen Beitrag. Sie spielen alle am 1. Mai und enden alle am nächsten Morgen im Berliner Urban Krankenhaus.

Außerdem sah das Manifest der Truppe vor, dass pro Film mindestens eine Szene so verfasst werden müsse, dass es ein TV-Redakteur das Drehbuch am liebsten ablehnen würde. Aber Jörg Himstett, Redakteur beim Hessischen Fernsehen, hat sofort zugesagt. Er betreute auch das Projekt "Katze im Sack“ und setzte die drei Geschichten um, die am Ende einen Film ergeben. Das Besondere an diesem Film ist, dass er in seiner Form etwas Neues probiert. Das war auch von der Seite der Produzenten ein Experiment. Der Film ist für Berlin-Veteranen wie mich ein Erlebnis, das Stadtbild in Kreuzberg hat sich verändert - der 1.Mai ist weniger Agitation als früher.

Entdecken Sie im Erzählen der Filme einen internationalen Gestus - oder ist die geistige Tiefe der Perspektive-Filme typisch deutsch?

Zum guten Ton des Festivals und der Kunst gehört auch in diesem Jahr, dass es mal wieder wenig zu lachen gibt. Dabei lache ich gerne. Und viel. Was die Filme auszeichnet, ist die Suche nach den schönen Momenten und das Licht am Ende des Tunnels. Vielleicht ist es dieses Mal schwieriger, die schönen Momente zu finden, das Komische zu entdecken - aber die Welt ist eben gemein.

Im Film "Drifter“ geht es um die Selbstachtung von Menschen. Um Kinder, die um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern buhlen. Von zu Hause abhauen, als Stricher ihr Geld verdienen. Oder der Beitrag "Jesus liebt Dich“ über Evangelikale, die während der WM in Deutschland versucht haben, Fußballfans zu bekehren. Am Ende stellt sich heraus: Im Grunde ist der Antrieb des Missionars seine Suche nach der Frau fürs Leben.

"Football under Cover“ ist auch eine irre Geschichte. Sie betrifft die Frauenfußball-Mannschaft des Iran und ging auch bei uns durch die Presse. Man erfährt, wie das politische System funktioniert, dass Frauen beim Sport Kopftuch tragen. Der Film gewährt besondere Einblicke, was nur möglich war, weil der Kameramann eine Frau war.

Es gibt auch kurze Filme, wie "Robin“ von der Kölner Hochschule. In diesem Fall wird das Thema "Kindstod“ – in den übrigen Filmen ebenso Inhalte verhandelt, die uns unter den Nägeln brennen. Oder der Beitrag "Lotstage“, bei dem es um Intersexualität geht: Ein Mädchen wächst auf einem Bauernhof auf und wird als Junge erzogen. Wird Schützenkönig im Dorf und hört auf den Namen Jakob. Völlig absurd.

Solche Themen kann man mit dem Medium Film perfekt transportieren und die Filmemacher finden diese Themen und setzen sie grandios um. Sie beobachten ihre Protagonisten sehr genau und geben sie trotz peinlicher Momente nicht der Lächerlichkeit preis. Die Autoren und Regisseure finden eine Form, einen klaren Focus. Die Filme sind nicht austauschbar.

Deutsche Filme räumen auf Festivals Preise ab, sind im Kino aber kaum gefragt.

Eines ist ganz klar: Festivals sind der Umschlagplatz für filmische Ideen und ein geschützter Raum. Kino als Industrie ist etwas anderes. Da laufen Blockbuster wie Harry Potter und die Leute müssen sich an der Kinokasse entscheiden. Trotzdem wird über die kleinen Filme gesprochen. Die Medien berichten über sie. Aber an den Kinokassen ist unsere Botschaft, dass es etwas anderes als Mainstream zu sehen gibt, noch nicht angekommen.

Klingt nicht nach einem Imagewandel.

Im letzten Jahr kamen bis zu 16 deutsche Filme ins Kino. Und auch wenn Regisseure wie Tom Tykwer große Filme machen, behalten sie ihre Handschrift. Oder nehmen wir Fatih Akin mit seinem Film "Gegen die Wand", der ein Welterfolg wurde. Oder auch unser Oscar für "Das Leben der Anderen“. Es ist wichtig, dass deutsche Filme reisen und sie viele Leute zu sehen bekommen.

Fatih Akin ist ein Tausendsassa.

Akin ist ein gutes Beispiel, denn sein Name ist ein Label geworden und eng mit dem explosionsartigen Erfolg von "Gegen die Wand“ verbunden. Sein aktueller Film "Auf der anderen Seite“ ist ein hochphilosophisches Werk, der rund 400.000 Zuschauer in die Kinos holte. Das war vor zehn Jahren noch nicht denkbar.

Auf welchen Filmemachern ruht Ihre Hoffnung? Sie stellen mit Ihrer Arbeit auch die Weichen für deren Entwicklung.

Ich denke, dass sich auch Leute wie Christoph Hochhäusler, Christian Petzold oder Hans-Christian Schmidt prächtig entwickeln. Wir müssen kapieren: Die Welt war eben mal einfacher. Die 90er Jahre waren einfacher. Der Markt war einfacher. Aber der Markt in Deutschland war damals auch beschränkter. Heute stehen wir im Vergleich dazu vor einem Märchenmarkt. Der Markt der Ideen und Visionen ist riesig. Da gibt es kein Schubladendenken. Der deutsche Film hat sich und seine Möglichkeiten wieder entdeckt.

Bei so viel talentiertem Nachwuchs.

Filme wie "Schwarze Schafe“ zeigen, wie das geht. Solche Filme entstehen einfach, bevor die Kreativität der Macher von der Industrie erschlagen wird. Aber Geld und Kreativität haben nicht soviel gemein. Kreativität findet woanders statt, sie hängt nicht am Geld für eine Produktion, sondern sie muss sich einfach entfalten.

Selbst die Politik scheint an den deutschen Film zu glauben.

Der Filmförderfonds umfasst inzwischen 60 Millionen, eine Summe, die Kulturstaatsminister Bernd Neumann aus den Verantwortlichen rausgeleiert hat. Das ist großartig! Davon profitieren die Filmemacher, weil sich das bis hin zum kleinen Dokumentarfilm auswirkt.

Verraten Sie uns Ihre filmischen Entdeckungen  für 2008?

Darüber reden wir am Ende der Berlinale. Eines kann ich dazu vielleicht sagen: Wir haben tolle Rotzlöffel im Programm - sehr gute Darsteller, die Halbstarke spielen. Die treten in die Fußstapfen vom Typ eines jungen Jürgen Vogel. Klasse - richtige Talente!

Das Interview führte Diana Maier

0 Kommentare

Neuester Kommentar