Berlinale : Kurz & kritisch

Rezensionen zu Filmen in Forum und Panorama.

H. P. Daniels
Heavy Metal in Baghdad
Szene aus "Heavy Metal in Baghdad". -Foto: Promo

PANORAMA

Bombengewitter:

„Heavy Metal in Baghdad“

Fünf junge Männer: gebildet, wortgewandt, sympathisch. Ihre Leidenschaft ist die Musik. Sie sind eine Band, üben mehrere Stunden täglich. Und sie sind gut, werden immer besser. Sie wollen sich ausdrücken, Konzerte geben, und vielleicht einmal eine Platte aufnehmen. Für ambitionierte Musiker im Westen kein Problem. Für die Heavy Metal Band Acrassicauda scheinen diese Ziele wie Hirngespinste. Denn sie leben in Bagdad. „Da gibt es die Truppen und die Terroristen, und wir sind dazwischen!“ Die Musiker erzählen das mit einer gewissen Schicksalsergebenheit, aber auch mit einer Mischung aus Trauer und Zorn. Gerade deswegen halten sie sich an der Musik fest. Dann wird der Übungsraum von einer Bombe zerstört.

Lebensgefährlich sind auch die Reisen der kanadischen Filmer Eddy Moretti und Suroosh Alvi nach Bagdad, um die Band zu treffen. Sie filmen eines ihrer raren Konzerte: in einem Hotel, das hinter dicken Mauern, Absperrungen und scharfen Einlasskontrollen verbarrikadiert ist. Als die Situation sich für die Band in Bagdad unerträglich verschärft, fliehen sie nach Syrien, schlagen sich durch mit Gelegenheitsjobs, geben ein Konzert vor einer Handvoll Leute. Aber immerhin schaffen sie es ein paar Songs aufzunehmen: „The Sounds of War“ – elektrische Gitarren, schweres Schlagzeug. Explosionen, Detonationen, Gewehrknattern. Doch weil sie ihre Miete nicht bezahlen können, müssen sie ihre Instrumente verkaufen, und schließlich werden sie in den Irak zurückgeschickt. So einfühlsam ist der Film, dass auch Nicht-Metal-Fans am Schluss mitweinen müssen über das Schicksal dieser jungen Männer. H. P. Daniels

Heute 17 Uhr (Cinestar 7), 11. 2., 12 Uhr (Cinestar 7), 12. 2., 15.30 Uhr (Colosseum 1) 16. 2., 20 Uhr (Cinestar 7)

 

FORUM

Balkanpotpourri:

„Corridor #8“ von Boris Despodov

Es ist eines dieser gigantomanischen, ewig unvollendeten EU-Projekte: Die Fernstraße „Corridor # 8“ soll quer über den Balkan das Schwarze Meer mit der Adria verbinden. Bulgarien, Mazedonien und Albanien sind beteiligt. Doch bis jetzt sind nur Teilstücke fertiggestellt und die Regionen – wie bisher auch schon – durch fehlende Verkehrsverbindungen eher getrennt als vereinigt. Der bulgarische Künstler und Filmemacher Boris Despodov folgt der geplanten Trasse auf ihrem Weg vom bulgarischen Burgas nach Durres und fängt die Kluft zwischen Planung und Ist-Zustand in locker verknüpften Begegnungen am Wegesrand ein, nachbarliche Unkenntnis und gegenseitige Vorurteile eingeschlossen. Orthodoxe Priester und Blaskapellen, Lokfahrer und Investoren, die mazedonischen Bauern die Wertsteigerungen ihres Weidelandes schmackhaft machen wollen: Es ist das balkanesische Potpourri, das wir aus anderen Filmen gut kennen. Hinter diese Oberfläche – etwa bis nach Brüssel – dringt der Film nicht vor. Silvia Hallensleben

Heute 13 Uhr (Cubix 7), 12. 2., 17.30 Uhr (Arsenal)

PANORAMA

Erinnerungshorror:

„Tout est parfait“

Okay ist hier überhaupt nichts. Wer bei „Tout est parfait“ die heile Welt erwartet, liegt völlig daneben – der Titel ist pure Ironie. Gleich am Anfang steigt ein Junge aus einem Bus, setzt sich auf eine Wiese und schiebt sich den Lauf einer Pistole in den Mund. Dann macht es bumm! – und ein Teenager-Leben ist ausgehaucht. Bald erfahren wir: Drei weitere Jungen haben sich das Leben genommen. Erhängt, erschossen, ertränkt. Alle vier um die 17 Jahre alt. Nur Josh (Maxime Dumontier) bleibt zurück. Er war der Fünfte der Clique. Doch ohne die toten Freunde wird sein Leben zur Wunde, malträtiert von den heißen Nadeln der Erinnerung: Ihn sucht überall die Vergangenheit heim: das gemeinsame Skateboard- Fahren, das Graffiti-Sprühen, das Driften zwischen Schule, Shopping-Mall und Partys. Vorbei und nie wieder. Über Joshs Heimat, einem Vorort irgendwo in Quebec, scheint ein matter Schleier zu liegen. Die Menschen versprühen keine Vitalität. Trauer hat die Welt entfärbt.

Der Kanadier Yves Christian Fournier beackert ein Feld, über das sonst der Amerikaner Larry Clark pflügt. Beide entblößen emotionale Unordnung und frühes Leid der entfremdeten Suburbia- Teenager. Doch anders als Larry Clarks „Ken Park“, der bei ähnlichem Motiv viel drastischer auftrumpft, konzentriert sich „Tout est parfait“ auf die stillen Zwischentöne. Und zeigt doch auf intensive Weise: Okay ist hier überhaupt nichts. Julian Hanich

Heute 20.15 Uhr (Cinestar 3), 11. 2., 14.30 Uhr (Cubix 9), 17. 2., 19 Uhr (Zoo-Palast)

 

PANORAMA

Klassenkampf:

„Sleep Dealer“ von Alex Rivera

Staudämme sind die zukünftigen Ziele von Terroristen, zumindest wenn man Alex Riveras Sci-Fi-Film „Sleep Dealer“ folgt: Weltweite Wasserknappheit hat die Preise ins Unbezahlbare gesteigert. Leidtragende sind die Bauern. So auch in dem mexikanischen Dorf, wo Memo leben. Nachdem sein Vater bei einem Anti-Terror-Einsatz ermordet worden ist, verdingt er sich als virtueller Arbeiter: Bei einem „Sleep Dealer“ in Tijuana wird er über elektronische Anschlüsse in seinem Körper mit Robotern auf einer Baustelle in San Diego verkabelt. „Sie verbinden das Nervensystem mit dem Wirtschaftssystem und kriegen die Arbeit ohne die Arbeiter“, kommentiert der Held aus dem Off. Flirrende Bilder aus Tijuana wechseln ab mit den in fahles Neonlicht getauchten Impressionen vom Arbeitsplatz Memos, wo Hunderte ausgebeutet werden. Dass und wie man da heraus kommen kann, deutet das fast anachronistisch klassenkämpferische Happy End der düsteren Zukunftsvision an. Daniela Sannwald

Heute 22.30 Uhr (Colosseum), 12.2., 19 Uhr (Zoo-Palast), 13. 2., 10.30 Uhr (Cinemaxx), 14. 2., 17 Uhr (International), 16. 2., 14.30 Uhr (Cubix)

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