Berlinale : Larven zum Frühstück

Das Kulinarische Kino schockierte mit "Kochen am Krisenherd", danach gab’s Lamm vom Sternekoch.

Elisabeth Binder
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Thomas Struck, Projektleiter des Kulinarischen Kinos, lud zum Gucken und Essen in den Martin-Gropius-Bau. -Foto: dpa

Die getrockneten Fliegen mochte Alfred Biolek auch nicht gern essen, obwohl sie in einem geöffneten Glas direkt vor seiner Nase standen. Gleich daneben standen im Restaurant „Gropius Mirror“ des „Kulinarischen Kinos“ ein Glas mit Fliegeneiern und eines mit Schlammkuchen aus Haiti. Diese schrägen Nahrungsmittel hatte der britische Fernsehkoch und Produzent Stefan Gates mitgebracht zur Vorführung seines Filmes „Kochen am Krisenherd“. Bevor die Zuschauer im Martin-Gropius-Bau das Menü von Sterne-Koch Thomas Kellermann probieren durften, mussten sie sich erstmal kräftig den Appetit verderben lassen. „Das Letzte, was man tun sollte, ist Dinnergäste damit zu unterhalten“, warnte Stefan Gates den Leiter des Kulinarischen Kinos, Thomas Struck, vorab.

Wer interessiert sich schon für die Nöte einer unterdrückten Bevölkerungsgruppe im burmesischen Dschungel, für die Armut der Inuit in der kanadischen Arktis oder für die Menschen im Sperrgebiet von Tschernobyl? Fürs Essen interessieren sich alle. Das nutzt Stefan Gates, um mit diesem Vehikel ein Schlaglicht auf die Vergessenen zu werden. Um das richtig spannend zu machen, verzehrt er dabei selber allerhand Ekliges. Er zeigt aber auch, wie fröhlich und gastfreundlich Menschen reagieren können, die selber unter unglaublich harten Bedingungen leben. Mit dem Volk der Karen in Birma isst er mitten im Dschungel Schmetterlingslarven zum Frühstück, später Lemurenfleisch, dazu im Bambusrohr gekochten Klebereis. Noch härter wird es bei den Inuit, die als bitterarme Ureinwohner eine Ausnahmegenehmigung haben, Wale und Robben zu jagen. Das Stück vom rohen Walschwanz findet er zäh und ein bisschen „wie Sushi“. „Sushi?“, fragt der Jäger. „Kenne ich gar nicht.“ Später wird eine frisch erlegte Robbe auf dem Eis ausgenommen. Bei den rohen Innereien kostet Gates noch, beim Robbenauge, das für seine Gastgeber eine Delikatesse ist, erreicht er seine Schmerzgrenze. Dafür isst er mit, als das ein Jahr eingebuddelte Walross wieder ausgegraben wird. „Schmeckt verwest“, urteilt er mit verzogenem Gesicht. In Tschernobyl besucht er eine alte Frau, die ein Jahr nach dem Reaktorunglück zurückgezogen ist ins Sperrgebiet und Suppe und Schnaps serviert mit Gemüse und Pflaumen aus ihrem verstrahlten Garten. Lange Filmminuten widersteht er der Einladung der fröhlichen Babuschka, isst am Ende aber doch davon.

Was auf Anhieb aussieht wie eine Art Dschungelcamp für Restaurantkritiker, gibt viel Stoff zum Diskutieren. Beim „Gastronauten Leibgericht“ von Thomas Kellermann war Gelegenheit dazu. Es gab Müritzer Lamm mit Fett dran, englisches Senfgemüse, Pilze und Reis im grünen Mantel. Inklusive köstlichem Brot von Dieter Kosslicks Lieblingsbäcker, Wein, Vorspeisen, Dessert und Film kostet das 49 Euro. Für David und Stephen, der eine Bäcker, der andere Sportlehrer, die extra für die Berlinale aus Belfast nach Berlin gekommen sind, ein überraschend günstiger Preis.

Es sei nicht klug, was er tue, sagte der schmächtige Gates im Gespräch mit Biolek. Er werde einfach in die Geschichten reingezogen. Kochen sei was Intimes: „Essen ist ein Weg, um Sex, Drama und Tod zu verstehen.“ Das Lieblingsgericht des Abenteuer-Essers ist Rinder-Carpaccio. Er fand aber auch das Fleisch von Riesenratten in Kamerun ganz delikat.

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