Berlinale : Martenstein die Fünfte

Harald Martenstein über seinen diesjährigen Lieblings-Feelgood-Film.

Harald Martenstein HP Kontur

Der dänische Regisseur Thomas Vinterberg hat sich ein in der Kulturgeschichte einmaliges Experiment vorgenommen. Er hat das Strafgesetzbuch verfilmt. In der ersten Stunde von „Submarino“ kommen, falls ich nichts übersehen habe, die folgenden Delikte vor: Körperverletzung im Affekt, Drogenhandel, Kindesmisshandlung, fahrlässige Tötung, Stalking, Kindesentführung, illegaler Drogenkonsum, Diebstahl, Mord, Vergewaltigung, Zuhälterei, räuberische Erpressung, vorsätzliche Körperverletzung, sexuelle Nötigung, Hausfriedensbruch, Inzest, nächtliche Ruhestörung und vorsätzliche schwere Sachbeschädigung an einer Telefonzelle. Danach musste ich gehen, ich habe mich irgendwie niedergeschlagen gefühlt. In welcher Welt leben wir! Aber für Jurastudenten ist das ein toller Film.

Im Friedrichstadtpalast traf ich eine Kollegin, die in der Galapremiere von „Henri 4“ gewesen ist. Zum ersten Mal, seit sie die Berlinale besuche, seien nach Ende einer Vorführung etliche Leute aufgestanden und hätten „Scheißfilm!“ oder „Scheiße!“ gerufen, es habe im Publikum eine ähnlich erbitterte und desillusionierte Stimmung geherrscht wie Ende 1989 in der DDR. Ich traf einen anderen Kollegen, der dort war, und fragte: „Worum geht es überhaupt in ,Henri 4’?“ Er sagte, es sei seiner Ansicht nach, im Kern, ein Film über die Brüste der – mir unbekannten - Schauspielerin Chloé Stefani. „Ja, sind die denn wirklich so furchtbar?“, fragte ich. Keineswegs, antwortete er, aber mit 19 Millionen Euro Produktionskosten und 155 Minuten Filmlänge habe der Regisseur bei der Behandlung dieses durchaus legitimen Themas jegliches Maß verloren.

Eigentlich wollte ich über Doris Dörrie lästern. Doris Dörrie hat in einem Interview gesagt, dass die Kritiker ihre Filme nur aus Neid auf ihren Erfolg verreißen. Das heißt, alle Filmkritiker hätten einen schlechten Charakter. Bei mir mag das stimmen, aber doch nicht bei allen! Den Dörrie-Film „Die Friseuse“, über eine dicke, arbeitslose, alleinerziehende, aber nicht unterzukriegende Friseurin aus Marzahn, fand ich allerdings wirklich großartig, der erinnert an die früheren Berlinale-Publikumslieblinge „Irina Palm“ und „Happy Go Lucky“ und ist bis auf weiteres mein diesjähriger Lieblings-Feelgood-Film.

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