Berlinale : "Mein Film ist nicht faschistoid“

Der Regisseur José Padilha ist mit "Tropa de Elite" im Wettbewerb. Über sein Werk wird in Brasilien gestritten.

Lennart Laberenz,Philipp Lichterbeck
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Keine Joints mehr: José Padilha. -Foto: Berlinale

In die brasilianische Kinogeschichte wird José Padilha wahrscheinlich als der Regisseur des Films mit den meisten Zuschauern vor dem eigentlichen Kinostart eingehen: Zwölf Millionen Menschen sollen einen Rohschnitt von „Tropa de Elite“ gesehen haben – auf illegal gebrannten DVDs. Trotzdem strömten dann noch einmal 2,5 Millionen Menschen in die Kinos, um sich den Thriller anzuschauen. So war „Tropa de Elite“ dann auch offiziell der erfolgreichste Film Brasiliens 2007. Und der meistdiskutierte: Die Geschichte über eine Elite-Einheit der Militärpolizei löste eine Debatte aus, wie man sie in Brasilien bisher nicht erlebt hatte. „Tropa de Elite“ wurden faschistoide Züge vorgehalten, seine Darstellungen des Polizeialltags bestritten? Sogar der Kongress in Brasilia debattierte.

Auch auf der Berlinale dürfte der provokante Film für Gesprächsstoff sorgen. Padilha erzählt die Geschichte von Capitão Nascimento, einem Kommandanten der Spezialeinheit Bope, dem „Batalhão de Operações Policiais Especiais“. Die Bope ist eine berüchtigte Anti-Drogeneinheit in Rio de Janeiro, ihr Emblem: ein Totenkopf. In nervösen, mit der Handkamera gefilmten Bildern schildert Padilha eine Episode aus dem Jahr 1997: Der Papst besucht Rio, Nascimento und seine Männer sollen eine Favela von der dort herrschenden Drogengang säubern, weil der Pontifex in Schussweite nächtigt.

Die Bope wird dabei von Padilha als effizientes Kommando porträtiert, brutal aber resistent gegen die Korruption anderer Einheiten. Ursprünglich wollte der 40-Jährige einen Dokumentarfilm über die Einheit drehen. „Aber die Cops mochten vor der Kamera nicht reden“, sagt er im Interview. „Also zeichnete ich die Aussagen auf und machte ein Drehbuch daraus. Das dauerte drei Jahre.“

So gelingt es Padilha, ein intimes Bild vom Innenleben der Bope zu zeichnen: das unmenschliche Auswahlverfahren, Todeskult, Macho-Kultur. Zu intim für die Bope-Führung. Sie wollte „Tropa de Elite“ juristisch verbieten lassen und scheiterte. Nach dem Erfolg des Films behauptet sie nun, die Darstellungen seien korrekt – bis auf die Folterszenen. „Aber das ist eine Lüge“, sagt Padilha.

Gerade weil er zeige, wie die Polizisten Jugendliche misshandeln, ihnen etwa Tüten über den Kopf stülpen, bis sie zu ersticken drohen, versteht Padilha den Vorwurf nicht, er verherrliche die Einheit und habe eine faschistoide Vision von Recht und Ordnung. Zu diesem Schluss war ein Filmexperte von „O Globo“, der drittgrößten Zeitung Brasiliens, gekommen: Denn der Film erzähle aus der Perspektive Nascimentos, und die Gewalt der Bope erscheine legitim und notwendig. Padilha hält diese Lesart für „absurd“.

Sein Spielfilmdebüt will er im Kontext seines ersten aufsehenerregenden Werks verstanden wissen: In dem Dokumentarfilm „Ônibus 174“ ergründete Padilha 2002 den Lebensweg von Sandro do Nascimento. Der schwarze Jugendliche hatte in Rio einen Linienbus entführt und vor laufenden Kameras eine Frau umgebracht. Dann wurde er selbst erschossen. Padilha deckte damals auf, dass Sandro do Nascimento der einzige Überlebende eines Massakers der Polizei an einer Gruppe Straßenkinder gewesen war.

„Jetzt wollte ich die andere Seite zeigen“, sagt er. „Nämlich wie derselbe Staat, der aus Sandro do Nascimento einen Psychopathen machte, aus Polizisten korrupte Gewalttäter werden lässt, weil er sie unterbezahlt und in unlösbare Konflikte schickt. “Dass die Hauptfiguren in beiden Filmen denselben Nachnamen tragen, sei daher kein Zufall: „Sie repräsentieren zwei Seiten derselben Medaille. Der unfähige Staat ist für die Gewalt verantwortlich, nicht die Armut.“

Heftigen Streit löste auch die Darstellung einer Gruppe weißer Studenten aus, die in der Favela ein Sozialprojekt betreibt und mit Marihuana dealt. Padilha argumentiert, dass die Reichen die Drogengangs finanzieren. „Ebenso wenig wie wir Produkte erwerben sollten, die von Kindern produziert werden, sollten wir Drogen von Gewalttätern kaufen“, sagt er. Er jedenfalls habe aufgehört, Joints zu rauchen. Die Lösung des Problems sieht er in der Legalisierung der Drogen.

Padilha legt außerdem Wert auf die Feststellung, dass die Bope, die er zeige, die Truppe von 1997 sei und nicht die von 2008: „Sie ist heute genauso korrumpiert wie alle Polizeieinheiten in Rio.“

Nach einer Dekade brasilianischer Abwesenheit vertritt Padilha sein Land wieder im Wettbewerb der Berlinale. Zuletzt hatte Walter Salles 1998 mit „Central do Brasil“ den Goldenen Bären gewonnen. Padilha hofft nun, dass in Berlin auch mal über die filmischen Qualitäten seiner Arbeit geredet wird.

Heute 16 Uhr (Berlinale Palast), 12.2., 9.30 und 23.30 Uhr (Urania), 20 Uhr (International)

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