Kultur : Berlinale: Moritz de Hadeln im Gespräch

Herr de Hadeln[vor Ihrer Karriere als Festivallei]

Moritz de Hadeln leitet seit 1980 die Berliner Filmfestspiele. Zuvor war er sechs Jahre lang Festivalchef in Locarno und hatte als Fotograf, Dokumentarfilmer und Regieassistent gearbeitet. Geboren in England, aufgewachsen in Italien und Frankreich, lebt der heute 60jährige in der Schweiz und in Berlin. Nach dem gelungenen Umzug an den Potsdamer Platz war sein Vertrag im vergangenen Jahr nicht verlängert worden. Sein Nachfolger wird der bisherige Chef der NRW-Filmstiftung Dieter Kosslick.



Herr de Hadeln, vor Ihrer Karriere als Festivalleiter in Locarno und Berlin waren Sie Fotograf und Dokumentarfilmer. Können Sie sich vorstellen, wie Ihr Leben ohne die Filmfestspiele verlaufen wäre?

Wahrscheinlich wäre ich Dokumentarist geworden. Die Gemälde hier in meinem Büro stammen von meiner Mutter. Dass ich fotografierte und Filme machte, war für meine Eltern eine Provokation. Sie gingen zwar ins Kino, aber war das Kunst? Wir lebten in Florenz, damals ging ich abends oft mit meiner Mutter ins Freiluftkino. Dort habe ich alle amerikanischen und italienischen Filme gesehen; Toto mochte ich besonders. Es war Sommer, gute Stimmung und frische Luft.

Und nun haben Sie 22 Jahre ein Festival geleitet, das im Winter stattfindet. Was war 1980, als Sie Ihr Amt antraten, anders als heute?

Damals waren nicht die Schauspieler die Stars, sondern die Regisseure. Am Anfang gab es gleich Krach mit den deutschen Regisseuren. Denn die kämpferische Zeit des neuen deutschen Films war zu diesem Zeitpunkt sehr plötzlich vorbei. Nach einer Phase der Politisierung verstand sich Film nicht länger als Gesellschaftsanalyse oder als soziales Instrument; die Filmemacher isolierten sich voneinander - was nicht heißen soll, dass sie weniger talentiert waren.

Wie hat das Festival auf diese Veränderung reagiert?

Wir hatten seit der Gründung 1951 vor allem die Aufgabe, Brücken zwischen Ost und West zu bauen. Es gab damals viele Gespräche über drei Punkte, denen wir zustimmen sollten: keine antikommunistischen Aktivitäten, keine antisozialistischen Aktivitäten und die Verpflichtung zu einer positiv humanistischen Einstellung. Mit dem russischen Generalkonsul habe ich über den Begriff "positiv humanistisch" diskutiert. Schließlich sagte er: Egal, stimmen Sie zu, und alles ist in Ordnung. So konnten wir mühsam Vertrauen aufbauen. Erst letztes Jahr haben wir erfahren, dass alles, was Berlin und die Filmfestspiele betraf, direkt über Gromykos Schreibtisch ging. Und Moskau hatte entschieden, dass die Berlinale das West-Festival für Glasnost werden sollte: Wir zeigten "Die Kommissarin" von Aleksandr Askoldow, "Thema" von Gleb Panfilow und etliche andere Regalfilme.

Welche Funktion übernahm die Berlinale nach der Wende? Und und welche Bedeutung kann sie in der Zukunft gewinnen?

Für einen Festivalmacher stellt sich die Frage so nicht. Man will einfach ein gutes Festival machen. Aber da ich schon sehr früh Kontakte zu China hatte und nach Malaysia, Indonesien und Thailand gereist war, konnten wir langsam eine asiatische Präsenz aufbauen. Das war damals Pionierarbeit.

Und Europa? Beim diesjährigen Eröffnungsfilm, der Koproduktion "Duell - Enemy at the Gates" ist das Herkunftsland kaum noch zu bestimmen.

Jean-Jacques Annauds Budget von 95 Millionen Dollar ist zu 70 Prozent mit deutschem Geld finanziert, mit 20 Prozent sind die Briten, mit 10 Prozent die Iren dabei. Unter den Schauspielern ist nur ein Amerikaner, die meisten anderen sind Engländer und Deutsche. Und mit Ausnahme einer Szene ist der Film komplett hier gedreht.

Werden immer mehr Hollywoodfilme im Billigproduktionsland Europa entstehen?

"Enemy at the Gates" wäre dafür ein schlechtes Beispiel. Aber Hollywood finanziert sich in der Tat bereits zu 20 Prozent über deutsche Filmfonds. Und wenn man die US-Aktivitäten des französischen Senders Canal plus oder von Vivendi hinzudenkt, dann kann man sagen: Hollywood überlebt dank Europa. Warum aber wird all dieses Geld nicht in Europa investiert? Schade, dass die Börsenplayer lieber auf Schwarzenegger setzen als auf die hiesigen kreativen Potenziale.

Was heißt das für die Filmfestivals?

Dass es immer schwieriger wird, ein gutes Festival zu machen. Vor 20 Jahren war das Angebot größer, die unabhängige Szene war vielfältiger. Heute entstehen weniger festivalwürdige Filme. Darunter leiden Cannes, Venedig und Berlin. Hinzu kommt, dass Filme immer schneller ausgewertet werden. Keiner wartet mehr auf ein Festival.

In diesem Jahr waren zwei Wettbewerbsfilme - "Traffic" von Steven Soderbergh und "Intimacy" von Patrice Chéreau - bereits außerhalb ihres Ursprungslands zu sehen. Das ist gegen das Reglement.

Die Frage ist doch: Verhalten wir uns wie Beamte, die sich stur an die Richtlinien halten, oder sind wir Menschen, die das Kino lieben? Seit August bemühten wir uns um "Traffic". Als Twentieth Century Fox sehr spät die deutschsprachigen Verleihrechte erwarb, hat Fox ihn uns sofort angeboten. Da war es jedoch zu spät, um den britischen Filmstart zu blockieren. Als wir bei "Intimacy" hörten, dass er auch auf dem Sundance Festival laufen wird, protestierten wir sofort. Aber dann rief Chéreau mich an, und er weinte fast am Telefon. Sundance hieß für den Film, der weder von Frankreich noch von England subventioniert worden war, die Hoffnung auf einen amerikanischen Verleih. Soll ich Chéreau im Stich lassen und sagen: entweder Berlin oder Sundance? Es wird immer schwieriger werden, sich bei unabhängigen Produktionen an die Richtlinien zu halten. Diese weltweit derzeit begehrtesten Filme sind exklusiv kaum zu haben.

Also heißt das: Richtlinien kippen?

Nein, denn sonst werden wir wie in Toronto ein "Festivals of Festivals". Wir machen Ausnahmen, wenn sie sich mit der besonderen Qualität eines Films begründen lassen.

Gab es in diesem Jahr denn deutsche Filme, die Sie nicht bekommen haben?

"Das Experiment" von Oliver Hirschbiegel hätten wir gerne gesehen. Aber der Regisseur hatte kein Interesse. Sonst war nichts dabei, was etwa die Qualität von Oskar Roehlers "Die Unberührbare" gehabt hätte.

Den Film hatten Sie letztes Jahr abgelehnt.

Dazu stehe ich. Damals war die Konkurrenz größer, wir hatten Wenders, Schlöndorff und Rudolf Thome. Diesmal hätten wir "Die Unberührbare" kaum abgelehnt. Übrigens bin ich kein Diktator; in der Auswahlkommission argumentiere ich wie die anderen. Danach braucht ein Festivalleiter den Mut, zu den Entscheidungen zu stehen, ein starkes Rückgrat und gute Nerven.

Wie halten Sie diesen Druck von Seiten der Filmemacher, der US-Majors, der Politik, und der Presse überhaupt aus?

Ich bin Kettenraucher, trinke Whisky und liebe meine Arbeit.

Yoga wäre wahrscheinlich gesünder.

Ein Festivalleiter lebt ungesund. Ich gehe viel zu selten spazieren, und man isst bei dieser Arbeit viel zu oft im Restaurant. Ich habe zugenommen. Nicht, dass die Berliner Restaurants schlecht wären, aber zu Hause essen wäre gesünder.

Welche Berlinale-Erlebnisse haben Sie am meisten bewegt?

Zum Beispiel die letzte Begegnung mit dem Panorama-Chef Manfred Salzgeber, zwei Wochen vor seinem Tod. Er lud meine Frau und mich in ein japanisches Restaurant in der Nähe seiner Wohnung ein. Wir hatten das Gefühl, dass es eine Art Abschiedsessen war; wir haben beinahe geweint.

Besondere Erinnerungen habe ich auch an James Stewart. Den hatten wir 1981 eingeladen, und es gab Ärger: Wie könnt Ihr Stewart einladen, der hat Berlin bombardiert! Aber er kam, und die US-Air-Force-Base in Tempelhof lud ihn ein. Meine Frau und ich waren die einzigen, die ihn begleiten durften. Stewart sprach dort zu den Soldaten, als General! Es war eine typische Kalte-Kriegsrede: ein sehr beeindruckender Augenblick. Sehr unangenehm ist mir dagegen 1986 in Erinnerung, als wir Reinhard Hauffs "Stammheim" zeigten. Bei unserem Abkommen über die Sicherheit unserer Gäste hatte sich bei der Berliner Polizei die Zuständigkeit kurzfristig verändert, und nach der Pressevorführung im Zoo-Palast standen auf den Treppen völlig überraschend Spaliere von Polizeibeamten. Der Fotograf vom Festival-Journal wurde verhaftet, sein Film und die Kamera konfisziert. Es war schrecklich. Mit dem Einsatzleiter war nicht zu reden. Solche heiklen Situationen gab es öfter. Aber es ist mir, etwa zu Hausbesetzer-Zeiten, auch immer wieder gelungen, Eskalationen zu verhindern. Einmal hat mir eine junge Frau zum Dank eine kleine Puppe geschenkt. Die habe ich heute noch.

Nach dieser Berlinale werden Sie sich nicht zur Ruhe setzen und mit Ihrer Frau Erika de Hadeln eine Consulting-Firma betreiben.

Ich bin zu jung, um in Rente zu gehen. Nach 30 Jahren Festival-Karriere haben wir Freunde in der ganzen Welt. Ich stehe zur Verfügung, ob für deutsche, europäische oder asiatische Koproduktionen. Ich kann mir auch vorstellen, Festivals zu beraten.

Auch die künftige Berlinale?

Ich habe immer für dieses Festival gekämpft, damit es wird, was es heute ist. Das habe ich nicht für Geld getan, sondern mit ganzem Herzen. Die Berlinale war beinahe mein Leben, wir haben sie wie ein Kind jede Nacht ins Bett gebracht.

Angenommen, Ihr Nachfolger Dieter Kosslick bittet Sie um Ihren Rat: Würden Sie Ja sagen, trotz Ihres Ärgers über die Kündigung im letzten Jahr?

Es käme darauf an, was man von mir wollte.

Sie würden die ausgestreckte Hand nicht ausschlagen?

Die Frage ist, ob Kosslick das überhaupt will. Aber ich schlage keine Türen hinter mir zu.





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