Berlinale: Perspektive Deutsches Kino : Heimat an den Hacken

Die PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO reist in die Provinz, flirtet mit dem Horror und erkundet Sexstellungen. Eine Vielzahl der Geschichten erzählt von drohender Entwurzelung.

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„Jeder Mensch hat eine Heimat. Da kann er noch so weit gehen, die wird er nicht los.“: Deutsches Kino auf großer Fahrt - hier mit Anatol Schusters "Ein idealer Ort".
„Jeder Mensch hat eine Heimat. Da kann er noch so weit gehen, die wird er nicht los.“: Deutsches Kino auf großer Fahrt - hier mit...Foto: wirFILM

Der eine oben, der andere unten. Vermutlich waren die Rollen bei den Brüdern schon im Doppelstockbett klar verteilt. Und solchen Mustern entkommt man schwer. Als David mit seiner Frau früher als geplant ins elterliche Ferienhaus an der französischen Atlantikküste einfällt, beansprucht er jedenfalls mit großer Selbstverständlichkeit gleich das Zimmer im ersten Stock, das eigentlich sein Bruder Matthias bewohnt.

Klar, dass auch der lärmende Sohn von Matthias’ Freundin Camille wegmuss. David (Godehard Giese) ist ein befehlsgewohnter Macher und besserverdienender Banker, während sein kleiner Bruder (Sebastian Fräsdorf) kaum das Rasenmähen ins savoir vivre aus Kiffen und Sonnenbaden integrieren kann. Da sind die Bestimmerverhältnisse eindeutig. Zumindest, bis sich die jeweiligen Partnerinnen (Alice Pehlivanyan und Karin Hanczewski) erotisch provozierend in die Geschwisterkonkurrenz einschalten. Und das Gefüge kippen lassen.

Regisseur Tom Sommerlatte beweist in seinem Regiedebüt „Im Sommer wohnt er unten“ einen bestechend genauen Blick für die fragile Machtbalance in Beziehungen. Wie kolportiert wird, musste der angestammte Schauspieler seine ältere Schwester, die Produzentin Iris Sommerlatte, gegen einige Skepsis von seinen Autor- und Filmemacherqualitäten überzeugen. Gelohnt hat es sich. Der Film, mit dem die Reihe Perspektive Deutsches Kino eröffnet wird, besitzt bezüglich der Schauspieler und Dialoge Ingmar-Bergman-Qualitäten. Bloß, dass noch Humor dazukommt.

Anatol Schuster mit klugen Wirtshauszechern

„Jeder Mensch hat eine Heimat. Da kann er noch so weit gehen, die wird er nicht los.“ So sprechen die klugen Wirtshauszecher in einem vorpommerschen Kaff, wo Anatol Schusters 40-Minüter „Ein idealer Ort“ spielt. Der Satz sollte ja eigentlich auch für die deutschen Nachwuchstalente gelten. Klar, die hiesige Branche ist international geworden. Alltag, dass ein Film wie das Dreiecksdrama „I remember“ von Janna Ji Wonders (das auf einer Kurzgeschichte des Autors Zoran Drvenkar basiert) an der kalifornischen Küste spielt.

Aber interessanterweise erzählt eine Vielzahl der Geschichten in diesem Jahr nicht von Fernweh, sondern von drohender Entwurzelung oder vertrauten Plätzen, die plötzlich unheimlich werden.

„Ein idealer Ort“, gut besetzt mit Matthias Neukirch und Jule Böwe als Elternpaar, handelt von einer Familie im Transitzustand. Die versauert in der Provinz, wo es besonders die bockige Vegetarier- Tochter neben der Schweinefarm nicht mehr aushält. Von Landlust ist auch in „Bube Stur“ von Moritz Krämer nichts zu spüren. Im Zentrum dieser Berliner Koproduktion zwischen dffb und Filmuniversität Konrad Wolf steht die gerade aus der Haft entlassene Hanna (welch eine Entdeckung: Ceci Chuh!), die es in den Hochschwarzwald verschlägt. Sie soll auf dem Hof des Bauern Uwe (Niels Braun) Arbeitsstunden leisten. Allerdings bricht dem Landwirt während eines Milchstreiks gerade die Existenz inklusive Ehe weg. Nicht nur Hanna ist fremd unter den Alemannen. Die haben selbst keinen Boden mehr, nur noch „Obschtler“.

Anne Ratte-Polle spielt "Wanja"

Auch „Wanja“ – der erste Langspielfilm von Carolina Hellsgård – erzählt von einer Drifterin mit Knastbackground. Die strandet in diesen Fall in der niedersächsischen Ödnis. Was ist bloß aus den Metropolen geworden, in denen früher mal die Filme spielten?

„Wanja“, ein spröde-komisches Melodram, ist einer von zwei starken Filmen, in denen Anne Ratte-Polle die Titelrolle spielt (Porträt folgt!). Der andere heißt „Sibylle“, stammt von Michael Krummenacher und verfolgt mit spürbarer Freude am Abgründigen den fortschreitenden Realitätsverlust einer Architektin und Mutter. Der Flirt mit dem Horror, die Lust an der formstarken Grenzüberschreitung mit Zug ins Surreale, ist das andere Wesensmerkmal der diesjährigen Perspektive.

In „Homesick“, dem zweiten Langfilm von Jakob M. Erwa, dreht die junge Cello-Studentin Jessica (Esther Maria Pietsch) allmählich durch. Die hat gerade mit ihrem Freund die erste gemeinsame Wohnung bezogen. Fühlt sich aber schon bald von Nachbarin Hilde (Tatja Seibt), die sich selbst lächelnd die „heimliche Hausmeisterin“ nennt, beobachtet bis verfolgt. Was in der Frage gipfelt, ob Jessi sich die tote Katze in der Waschmaschine nur einbildet, oder nicht.

Surrealisten im heutigen Berlin - im Loft von André Breton

Das Grauen durchzieht auch den furiosen Film „Im Spinnwebhaus“ von Mara Eibl-Eibesfeldt – eigentlich ein Sozialdrama, aber im schwarz-weißen Märchengewand. Eine überforderte Mutter (Sylvie Testud) begibt sich in die Psychiatrie und lässt ihre drei Kinder zurück. Die weben sich, als vereinsamte Versteckspieler, in ihre eigene Fantasiewelt ein. Beklemmend und bildstark.

Regisseur Brodie Higgs, ebenfalls ein Realitätsflüchtling, stellt dagegen in der deutsch-australischen Koproduktion „Elixir“ die Frage: Was, wenn die Surrealisten heute in Berlin leben würden? Antwort: Sie würden im Loft von André Breton zusammensitzen, prätentiös in den Zigarettendunst über radikale Kunst sinnieren und einen Anschlag auf den kommerziellen Ausverkauf der Berlin Art Week planen. Nun ja.

Vielleicht kein Zufall, dass angesichts der ausgeprägten Sehnsucht nach Gegenwelten auch die Dokumentationen dieser Perspektive nicht wirklich überzeugen. Lisa Sperling begibt sich im Essay „Sag mir Mnemosyne“ auf die Spuren des Kameramanns Karl Heinz Hummel in Griechenland und Dubai, findet aber nur lose Mosaiksteine. Filippa Bauer lässt in „Freiräume“ geschiedene oder verwitwete Frauen aus dem Off über die mehr oder weniger gefüllte Leere von Wohnung und Leben nachdenken. Auf Dauer sehr statisch.

Alle Facetten des Trieblebens

Große Anziehungskraft auf das Publikum dürfte schon wegen des Titels „Sprache: Sex“ von Saskia Walker und Ralf Hechelmann (!) haben. Hier dozieren Menschen verschiedener Generationen über so ziemlich alle Facetten des Trieblebens. Was manchmal absurd und manchmal sogar erhellend ist. Obwohl es in der Regel dann doch darauf hinausläuft: einer/eine oben, einer/eine unten.

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