Berlinale Special : Das Schweigen überwinden

"Plus tard, tu comprendras“ mit Jeanne Moreau besticht durch eine glänzende Geschichte: In dem Film geht es um eine Mutter, die ihre jüdische Vergangenheit versucht zu umgehen, indem sie den drängenden Fragen ihres Sohnes ausweicht.

Christina Tilmann
200558_0_ed782784 Foto: AFP
Gibt wenig von sich preis: Die alte Dame, gespielt von Jeanne Moreau, in dem Film "Plus tard, tu comprendras". -Foto: AFP

BerlinReden oder schweigen, darum geht es in dem Film „Plus tard, tu comprendras“ von Amos Gitai, nach dem autobiografischen Buch von Jérôme Clément. Eine elegante alte Dame, gespielt von Jeanne Moreau, die über ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs nicht reden will, nicht über das Schicksal ihrer jüdischen Eltern, die deportiert wurden. Ein erwachsener Sohn, der nicht zu fragen wagt und der, angeregt durch den Barbie-Prozess in Lyon, dennoch beginnt, dem Schicksal seiner Großeltern nachzuforschen. Und eine Enkelgeneration, die unberührt ist von den Schatten der Vergangenheit. Und die gerade deshalb diejenige ist, die die richtigen Fragen stellt.

Das Schweigen in der Familie ist ein Schweigen aus Schonung: „Es gibt Dinge, die Eltern ihren Kindern nicht weitersagen, weil sie sie damit verschonen wollen. Es gibt diesen Bruch der Erinnerung“, sagt Regisseur Amos Gitai bei der Vorstellung seines Films. Und Jeanne Moreau, die im Film so grandios die Rivka, diese Meisterin des Ausweichens spielt, die von allem lieber spricht, von verkochtem Essen, von Antiquitäten oder versteckten Zigaretten, statt unbequeme Fragen des Sohns zu beantworten, sitzt quecksilbrig wach wie immer im Kino und spielt gleich mehrere Rollen. Sie flüstert mit Jérôme Clément, während Amos Gitai versucht, Fragen zu beantworten, sie erzählt von ihren eigenen Erfahrungen während der Okkupation, von den jüdischen Mitschülerinnen, die plötzlich verschwanden. Sie stellt dem Autor Clément kluge Fragen wie die beste Journalistin, fordert das Publikum auf, seine Eindrücke zu formulieren, und übernimmt, als nichts kommt, selbst diese Aufgabe: Sie habe nur die beiden letzten Szenen des Films gesehen, sagt sie und bekennt: „Ich war sehr bewegt.“

Bewegend ist er in der Tat, dieser Film von Amos Gitai, der den schwierigen Erinnungsprozess nicht nur im gegenüber der Kollaborationsgeschichte lange Zeit recht zurückhaltenden Frankreich spiegelt, sondern vor allem das Dilemma einer Familie, die den Weg zwischen liebevoller Schonung und der Verantwortung gegenüber der nachfolgenden Generation sucht. Denn spätestens die Enkelgeneration wird die Fragen stellen und die Antworten wissen wollen. Immer wieder werden im Film Fenster geöffnet, und frische Luft strömt in die Wohnungen. So ein Fenster öffnet auch Gitais Film. Christina Tilmann

Noch einmal 13.2., 17.30 Uhr (Cubix 7)

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