Berlinale Special Gala : Das Lächeln des Mandarins

Ulrich Tukur rettet die Chinesen - als NS-Mann John Rabe. Peter von Becker hat den Schauspieler getroffen.

Rabe
Der Held von Nanking. Ulrich Tukur spielt John Rabe. Der NS-Mann rettete 1937 tausende Chinesen vor japanischen Invasionstruppen....Foto: Majestic

Nun verkörpert er mal den guten Deutschen, und einen sehr berühmten – zumindest in China. Ulrich Tukur spielt den Helden von Nanking, John Rabe, den Mann, der als NS-Parteigenosse und Siemens-Asienvertreter ausgerechnet unter der Hakenkreuzfahne 1937 mehr als 200 000 chinesische Zivilisten vor den mörderischen Invasionstruppen der Japaner gerettet hat. Vor den späteren Kriegs-Verbündeten Hitlers. Das ist eine Pointe, und als wir uns jetzt, apropos „John Rabe“, im feinen „China Club“ neben dem Hotel Adlon treffen, sagt Tukur mit jenem ironischen Lächeln, das Kinogänger beispielsweise von seinem Stasi-Oberstleutnant im „Leben der Anderen“ kennen: „Meine Laufbahn verdanke ich ja eigentlich der NSDAP...“

Tatsächlich begann seine Karriere am 12. Juli 1984. Da fand in der Westberliner Freien Volksbühne, die heute Festspielhaus heißt, die Premiere von Joshua Sobols „Ghetto“ statt – der erste Fall, dass ein Holocaustdrama zugleich ein tragisches, in manchen Passagen auch schwarzhumoriges Musical wurde. Und der Regisseur Peter Zadek ließ den großen jüdischen Wiener Komiker Otto Tausig, die Sängerin Esther Ofarim und Schauspieler wie Michael Degen und Ernst Jacobi nach der Pfeife, ja nach dem Saxofon und dem sarkastisch-zynischen Witz eines blutjungen, noch unbekannten, von Zadek im Heidelberger Stadttheater entdeckten Kollegen tanzen. Der hieß Ulrich Tukur.

Tukur war damals noch nicht ganz 27 und spielte den (authentischen) SS-Offizier Hans Kittel, der 1942 das Ghetto Vilnius mit am Ende noch über 10 000 jüdischen Gefangenen liquidierte. Twen Tukur, den bis zum Premierenabend trotz erster kleinerer Filmrollen noch fast keiner kannte, war ein blonder Schlaks in der schwarzen Naziuniform und wirkte in blitzenden Schaftstiefeln diabolisch elegant. Seine freche Schnauze, die im Leben manchmal auch eine kokett-charmante Schnute ist, die trug er mit einem aasigen Gründgens-Lächeln zur Schau.

Tukurs Durchbruch: ein musikalisch eloquenter Meister und Mörder, bei dem man nie wusste, ob er nach dem nächsten Satz zum Saxophon griff oder zur Pistole. Das hatte Klasse, und „Ghetto“ wurde über Berlin zu einem Welterfolg. Ein Vierteljahrhundert danach hätte Tukur, längst einer der Protagonisten des deutschen Theaters und Films, das Zeug auch zum Weltstar. Wie sein wenig älterer Mitspieler im oscargekrönten „Leben der Anderen“, wie Ulrich Mühe, den der junge Münchner Regisseur Florian Gallenberger (auch er ein Oscar-Gewinner, für einen Kurzfilm) zuerst als John Rabe besetzt hatte. Dass Mühe starb und Tukur nun als John Rabe in seiner bisher größten Filmrolle triumphiert, wirft jetzt den einzigen Schatten. Doch Tukur weiß, dass er selber ein Unverwechselbarer ist.

Seine gestische Virtuosität ist mit einer auf keiner Schauspielschule erlernbaren Präsenz verbunden, wie sie wenige haben: Sepp Bierbichler oder, im blonden, teutonischen Typ durchaus an Tukur erinnernd, der junge Devid Striesow.

Der Satz über die Nazis und seine fast zum Markenzeichen gewordenen Rollen gilt für Tukur übrigens im mehrfachen Sinne. Denn er brilliert ja gut und gerne: als Täter wie als Opfer. Bei Michael Verhoeven hat er in der „Weißen Rose“, in seinem ersten Film 1982, einen Mitverschworenen der Widerstandskämpferin Sophie Scholl gespielt; er war dann auch selber der Widerständler Dietrich Bonhoeffer oder in Jo Baiers TV-Verfilmung des 20. Juli der engste Vertraute des Grafen Stauffenberg (damals dargestellt von Sebastian Koch, Tukurs Gegenspieler später im „Leben der Anderen“).

Auch auf der Berlinale ist er jetzt nicht nur als John Rabe präsent. Tukur kehrt 25 Jahre nach „Ghetto“ gleichsam nochmals in den Bannkreis der NS-Zeit im Baltikum zurück und stellt in einer Nebenrolle von Michael Glawoggers „Vaterspiel“ einen Holocaust-Überlebenden dar, der einem litauischen Judenpogrom und seinem erschlagenen Vater nachspürt. Tukurs dritter Streich auf dieser Berlinale ist dann zum Abschluss des Wettbewerbs in Costa-Gavras’ „Eden à L’Ouest“ sein zweifacher Auftritt als Magier. Bei Costa-Gavras war er auf der Berlinale zuletzt in dessen „Stellvertreter“-Verfilmung einmal mehr als Nazi-Offizier zu sehen – jetzt also feiert Tukur, von der Geschichte bis zum Märchen, endlich sein großes Kontrastprogramm.

Im Berliner China-Club, wo am Nachmittag vom Porzellan bis zum exotisch gedrechselten Mobiliar nur noch die Suzie-Wong-Kellnerinnen in seidenen Schlitzkleidern fehlen, trägt Ulrich Tukur einen bei den Dreharbeiten zu „John Rabe“ in Shanghai in zwei Tagen maßgescheiderten schwarzen Anzug. Feines Tuch über einem an einen Seemann erinnernden Ringelhemd.

Das passt. Denn Tukur ist ein hanseatischer Typ, ein Wassermensch, eine Hafenratte, obwohl 1957 in Viernheim geboren, das liegt ganz süddeutsch landinnen bei Mannheim, wo bisher die Hoffenheimer die Bundesliga gestürmt haben. Ins Leben hinaus gestürmt ist auch Ulrich Tukur, der erst in Tübingen ein bisschen Germanistik, Anglistik und Geschichte studiert hat und dann an die Stuttgarter Schauspielschule gewechselt ist. Ein nordisch wirkender Südländer. Er kann neben fließendem Englisch ziemlich gut Italienisch, zumal er vor ein paar Jahren von Hamburg, wo er nach wilden Zadek-Zeiten auch schon in den Kammerspielen Theaterdirektor war, ans Wasser gezogen ist. Nach Venedig, ins Obergeschoss eines alten Hauses auf Giudecca, mit Blick auf die Stadt und seiner zweiten Frau, der Fotografin Katharina John sowie einem Hund, der neulich bei Hochwasser neben seinem Herrn nur noch schwimmend das Haus verlassen konnte.

Über Venedig, seine Träume und Albträume dort, hat er vor zwei Jahren auch ein hübsches Büchlein geschrieben („Die Seerose im Speisesaal“). Jetzt möchte der Verlag schon ein zweites, am liebsten einen Tukur-Roman. Doch vor der möglichen Schreibpause im italienischen Sommer dreht er mit Dieter Wedel einen TV-Zweiteiler in Bremen und Südafrika: über einen Hamburger Millionenbetrüger, was schon vor der Finanzkrise und Mister Madoffs Enttarnung geplant war.

Der nicht nur im Spiel quecksilbrig schnelle Tukur, der jung immer ein leicht altdeutscher Typ war und nun mit 52 viel jünger wirkt, hat sich unter einer Glatzenmaske und Nickelbrille virtuos in den eher melancholischen Herrn Rabe in China verwandelt. Als er in München dafür kürzlich den Bayerischen Filmpreis bekam, hat er seine gut fünfminütige Dankesrede zur Verblüffung des Publikums ausschließlich auf Chinesisch gehalten. So etwas macht ihm Spaß, den Schalk faustdick und blitzgescheit im Nacken. „Ich bin halt ein Entertainer, will auch im Traurigen die Leute noch unterhalten!“ Und er lächelt, der blonde Mandarin, sein bestes chinesisches Lächeln.

„John Rabe“: 8.2., 18 Uhr (Cubix); „Vaterspiel“: 8.2., 21.30 Uhr (Zoo-Palast 1), 9.2., 12.45 Uhr (Cinemaxx 7), 12.2., 17 Uhr (Cubix 9) sowie 13.2. 22.30 Uhr (Colosseum 1); „Eden à L’Quest“: 14.2. 9 und 19.30 Uhr, 15.2., 14.30 Uhr (Berlinale-Palast), 23 Uhr (Friedrichstadtpalast)

Für den Bayerischen Filmpreis bedankte er sich mit einer fünf- minütigen Rede auf Chinesisch.

0 Kommentare

Neuester Kommentar