Berlinale Special : Tor zur Welt

Raus aus dem britischen Reihenhaus: In "An Education" träumt sich eine 16-Jährige im Jahr 1961 nach Paris. Das Drehbuch zum unterhaltsamen Film schrieb Nick Hornby.

Education
Sweet Sixteen. Carey Mulligan alias Jenny hat mit Rollenklischees der Sechziger zu kämpfen. -Foto: Berlinale

Jenny liebt Frankreich: Paris, die Chansons von Juliette Gréco, Albert Camus’ „Der Fremde“. Und wie gerne würde sie sich mit den Existenzialisten im Café Flore auf eine Gauloise zusammensetzen! Wir sind im Jahr 1961. Und für eine 16-Jährige, der das Reihenhausleben in Twickenham auf den Wecker geht, ist Paris die große Welt. Doch Jennys Weg ist anders vorgesehen: Die Musterschülerin soll nach Oxford gehen und englische Literatur studieren. Danach? Lehrerin vermutlich. Viel mehr ist für eine kluge Frau zu dieser Zeit nicht drin.

Eines Tages jedoch wird sie von David (Peter Sarsgaard) angesprochen, der zu Recht den sprechenden Nachnamen Goldman trägt: ein Mann von leuchtendem Charme, der bei der Vorstellung in Jennys Elternhaus über seine bereits angewelkte Schwiegermutter in spe sagt: „Ich wusste gar nicht, dass du eine Schwester hast.“ Wer kann da widerstehen? Gemeinsam mit seinen Freunden Danny (Dominic Cooper) und Helen (Rosamund Pike) gehört er zur Londoner jeunesse dorée: tolle Autos, teure Restaurants, Kunstauktionen und Wochenenden auf dem Land. Für Jenny öffnet sich das Tor zur Welt. Nur: Irgendwann kriecht leiser Zweifel hoch. Ist David vielleicht ein zwiespältiger Verführer wie Rochester aus Charlotte Brontës Roman „Jane Eyre“, über den Jenny glänzende Schulaufsätze schreibt? Oder gar ein Schurke wie Patricia Highsmiths Tom Ripley?

Die dänische Regisseurin Lone Scherfig („Italienisch für Anfänger“) hat sich ein Drehbuch von Nick Hornby gegriffen und dafür eine Reihe exzellent aufgelegter Schauspieler engagiert. Herausragend: Alfred Molinas kleinbürgerlicher Vater und Carey Mulligan als Jenny, die mit ihrer forcierten Grübchen-Offensive manchmal an Audrey Hepburn erinnert. „An Education“ ist das, was die Amerikaner middlebrow nennen: kluge Unterhaltung, die den Zuschauer kompromisslos von jeglicher Überforderung fernhält. Für das in stählerner Selbstdisziplin sich durchs Festival kämpfende Publikum dient Scherfigs filmischer Entwicklungsroman als willkommenes Divertimento, das am Ende manchem Zuschauer Tränen in die Augen treiben wird. Denn die nassforsche Jenny – so viel verrät schon der Titel – muss Lehrgeld zahlen. Und damit sind nicht nur die Studiengebühren in Oxford gemeint. Julian Hanich

13. 2., 18 Uhr (Cubix 8)

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